17. Jahrgang - Nr.6 November/Dezember 2001 - erscheint zweimonatlich
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In dieser Ausgabe:
Die Etappe des Euro
Der Euro ist eine weitere Etappe im Einigungsprozeß Europas
 
Der Gastkommentar
Nein zur Schnellstraße durch das Pustertal
 
Das Ärgernis
Berlusconi und die Straßenmädchen
Vorstellung ohne Inhalte
Zur Landesversammlung der SVP
 
Etikettenschwindel am "Siegesplatz" in Bozen

 
Der Islam und die westliche Welt

Eine vergleichende historische Analyse
 

WER SIND WIR? WAS SIND WIR?
Betrachtungen zum Wandel der Süd-Tiroler Identität (1. Teil)
von Gerhard Riedmann

Historische Prämissen
Wer sind wir? Was sind wir denn wirklich? Eine sehr schwierig zu beantwortende Frage. Kompliziert und komplex. Rational nur bedingt erfaß- und beschreibbar. Mit viel Risiko verbunden. Notwendig jedoch. Mehr denn je. Ausgangspunkt und vorgegebene Perspektive für die Beschreibung unserer kulturellen Identität sind kulturgeschichtlicher und ethnopolitischer Natur. Wir haben ein gemeinsames historisches Schicksal, eine gemeinsame, konkrete und noch wirksame Geschichte von deutlicher Ausprägung. Diese müssen wir aus ihrer Bedingtheit heraus verstehen, sie hat ein einheitliches, ausgeprägtes Lebensgefühl und einen natürlichen Zusammenhalt erzeugt.

Seit 1919 macht Süd-Tirol - und auf seine Weise auch das Bundesland Tirol - aufgrund der veränderten politischen und damit zusammenhängenden Gegebenheiten eine Sonderentwicklung durch. Die Gefürstete Grafschaft Tirol fiel 1363 ans Haus Habsburg. Es folgte eine wechselvolle Geschichte. 1919 wurde das südliche Tirol Italien zugesprochen: Das Recht des Siegers hatte sich durchgesetzt und nicht die Rechte einer mehr als tausend Jahre alten politischen, sozialen und kulturellen Tradition. Trotz der politischen Grenze und der gezielten Entnationalisierungspolitik in den 20er und 30er Jahren des vorigen Jahrhunderts sind die natürlichen Beziehungen zur Tirolischen und Österreichischen Kulturnation nicht verödet. Die Zugehörigkeit zu Italien hat nicht nur negative Folgen für Land und Leute gezeitigt. Es hat auch Bereicherung stattgefunden.

Tirol war bis 1919 eine dreisprachige - deutsche, italienische und ladinische - Kulturlandschaft mit einer föderalistisch-freiheitlichen Gesellschaftsordnung und mit einer auf Bewahrung der Landes- und Glaubenseinheit bedachten Geisteshaltung Die Begründer Tirols stammen aus Süd- Tirol. Die erste Landeshauptstadt war Meran, die bedeutendsten Persönlichkeiten, welche das Antlitz des Landes und dessen Geschichte geprägt und überregionale Bedeutung erlangt haben, waren im südlichen Teil zu Hause: Oswald von Wolkenstein, Vigil Raber, Lukas Geizkofler, Michael Gaismair, Jakob Hutter, Hyppolitus Guarinoni, Andreas Hofer, Leonhard Lechner, Joh. B. Gänsbacher, Paul Troger, Michael Pacher u.a. Süd-Tirol ist politisch und geistig-kulturell erfüllter gewesen als das übrige Tirol. Das Klima ist milder, die Vegetation mannigfaltiger, die Landschaft bei aller alpinen Wuchtigkeit freundlicher und lieblicher, die Menschen gemütvoller und weicher. Die glückliche Synthese von Natur- und Kulturlandschaft erfüllt den südlichen Teil politisch und historisch dichter und mannigfaltiger als das übrige Tirol. Süd- und Welschtirol waren geistig aufgeschlossener und politisch beweglicher, partizipierten an europäischen Entwicklungen (Reformation, Bauernaufstand, Aufklärung,

 

Französische Revolution u.a.) und übertrugen deren Impulse auf das nördliche Tirol. Mit einem Wort: Süd-Tirol ist Tirols Herzstück. Das Verhältnis Süd-Tirols zu Österreich ist anders geartet als jenes zum Bundesland Tirol, weil die stärkste Bindung Tirols zu Österreich bis 1919 auf der Loyalität zum Habsburgischen Kaiserreich und durch die suggestive Kraft des römisch-deutschen und christlichen Kaisermythos bestimmt war. Mit dem Untergang der Donaumonarchie und durch die Vergeblichkeit der Bemühungen der jungen österreichischen Republik, Süd-Tirol zurückzugliedern, ist Österreich seit 1918 immer stärker aus dem Bewußtsein der meisten Süd-Tiroler geschwunden und kaum mehr reell, sondern höchstens nostalgisch präsent gewesen. Weil die politische und die kulturelle Hilfe der Republik Österreich nur indirekt und in sehr beschränktem Ausmaß wirksam war, konnte sich in Süd-Tirol keine "österreichische Basis" bilden. Dagegen war Süd-Tirols Verhältnis zum Deutschen Reich und zur Bundesrepublik weder politischen noch psychologischen Belastungen ausgesetzt. Obwohl der volkstumspolitische Schacher zwischen Hitler und Mussolini, die "Option" von 1939, als Verrat empfunden wurde, hat dieser im Verhältnis zwischen Süd-Tirol und Deutschland keine Wunden hinterlassen.

Merkmale des Tirolischen Volkscharakters Die Frage, wodurch sich der Tiroler als solcher ausweise, kann aus der Art des Erlebens und Darstellens der Geschichte Tirols beantwortet werden, die in einem übergeordneten österreichischen Kontext steht. Die nationale Struktur prägt die Regionen. Auch Tirol. Nun, was ist typisch für den tirolischen Volkscharakter? Auf die Frage kann ich nur fragmentarisch Antwort geben Bewahrung des Überkommenen und Verteidigung erer- bter Werte - Zurückhaltende lebensbejahende Sinnesart und Bescheidung - Im Metaphysischen verankerte und konkret-praktische Weltsicht. Zurückhaltung gegenüber der Modernität und Mißtrauen gegenüber dem Fremden.

Der konservative Volkscharakter bedeutet nicht unbedingt Fehlen von Entwicklungsfähigkeit, hat jedoch wohl auch mit gesundem Festhalten am Bewährten zu tun. Dauerhaftes kann nicht entstehen, wenn es sich nicht aus der Vergangenheit speist. Wie ist es um unsere traditionellen Eigentümlichkeiten bestellt? Wie kann unsere ererbte Kultur organisch weiterleben? In den Jahren faschistischer Unterdrückung und Entnationalisierungbestrebungen galt es, zu bewahren und zu retten, was zu bewahren und zu retten war. Es war eine Zeit der Einigelung und Abkapselung. Die restaurativen Bestrebungen waren notwendig, reichten jedoch nicht aus, um das Land in die Zukunft zu führen, ihm ein zeitgemäßes Gesicht zu geben und dabei den Kern seines Wesens zu erhalten. Der Prozeß des Sich-Öffnens erfolgte zunächst nur sehr zögerlich und zäh. Durch die 68er Bewegung erfuhr er kräftige Impulse. Die neue Politikergeneration unter Landeshauptmann Durnwalder setzt vor allem auf materiellen Fortschritt und auf ökonomische Prosperität und vernachlässigt weitgehend Sprach- und Kulturförderung. Das Durnwalder‘sche aktivistische Politsystem, innerhalb dessen Pragmatiker und fixe Macher die bestimmende Kraft sind, ist überdominant. Verrät die über alle politischen Barrieren erhabene und gängige Koseform "Durni" nicht sulzig-skurril die Brüchigkeit unserer Lebensrealität?

Wie steht es mit der Rolle der Kirche in unserem Land? Seltsam still ist sie geworden, als hätte sie die Sprache verloren. Und mit der Sprache den Mut, zur rechten Zeit und am rechten Ort ein klares Wort zu sprechen. Nicht nur den Gläubigen wäre damit geholfen. Hat sich die Kirche etwa bereits mit der Macht arrangiert? Das Brixener "Institut für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung" verfolgt zwar hehre Ziele, aber ist damit die Aufgabe der Kirche von heute schon erfüllt? Ich befürchte, daß wir vor einem kläglichen Scheitern stehen. Die Mauern bröckeln, der "Garten Gottes" verwildert, eine veränderte Gegenwart, in der wir immer weniger den organischen tirolischen Charakter erkennen können und uns in der eigenen Heimat immer fremder fühlen. Als sei sie uns abhanden gekommen. Mitunter sogar als lebten wir im Exil.

Mit kulturellem Altertümeln ist nichts anzufangen, Angeberei mit ererbten Kulturgütern, wie es heute bei uns Mode ist, ist kein echter Anschluß an die Vergangenheit und ebensowenig eine Hereinnahme der Fülle der Gegenwart, aus der sich Zukunftsträchtigkeit entwickelt. Diese hängt immer von der Qualität und vom Maß an Vergangenheit ab, das eine Gesellschaft sich innerlich angeeignet hat und bewußt lebt. Unbewältigte Vergangenheit wird immer ein Stolperstein sein. Aber die echte und lebendige Vergangenheit wird ringsum immer stärker als Alibi für politischen, sozialen und ökonomischen Fortschritt mißbraucht. Ein augenfälliger Grundzug: man hat die Tirolische Tra- tion ihrer organischen Zusammenhänge gekappt und merkantilisiert, anstatt an die kulturelle Tradition anzuknüpfen und diese zukunftgerichtet zu fördern. Die Folgen dieser Manipulation waren zunächst kultureller Stillstand. Heute ist der kulturelle Niedergang voll im Gange. Süd-Tirol spricht über seine Vergangenheit und immer mehr auch über das, was von der Vergangenheit übrig geblieben ist, mit gespaltener Zunge.

Wie soll alles enden, wie aus diesem Labyrinth herauskommen? Aus einer Grundsituation, die einerseits primär von realpolitischen Überlegungen, Entscheidungen und Fakten getragen wird und andererseits immer größeren Verzicht auf unsere kulturelle Individualität übt und spirituelle Voraussetzungen und Werte unzureichend berücksichtigt. Franz Marc (+1916) meinte: Man soll Traditionen schaffen, nicht von ihnen leben.