17. Jahrgang - Nr.6 November/Dezember 2001 - erscheint zweimonatlich
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In dieser Ausgabe:
Die Etappe des Euro
Der Euro ist eine weitere Etappe im Einigungsprozeß Europas
 
Der Gastkommentar
Nein zur Schnellstraße durch das Pustertal
 
Das Ärgernis
Berlusconi und die Straßenmädchen
Wer sind wir? Was sind wir?
Betrachtungen zur Südtiroler Identität
 
Etikettenschwindel am "Siegesplatz" in Bozen

 
Vorstellung ohne Inhalte
Zur Landesversammlung der SVP
 
 

DER ISLAM UND DIE WESTLICHE WELT
von Elisabeth Höglinger
„Die Führung der westlichen Menschen in der Welt neigt sich dem Ende zu. Der Grund dafür ist nicht der materielle Bankrott der westlichen Zivilisation oder der Verlust wirtschaftlicher und militärische Stärke, sondern die Tatsache, dass die westliche Ordnung ausgespielt hat und nicht mehr den Bestand an Werten besitzt, der zu ihrer Vormachtstellung geführt hat (...) Die wissenschaftliche Revolution hat ebenso ausgespielt wie der Nationalismus und die territorial begrenzten Gemeinschaften, die in seinem Zeitalter groß wurden (...) Die Zeit des Islam ist gekommen."

Dieser Text ist fast vierzig Jahre alt, seinem Verfasser, dem Ägypter Saiyd Qutb, einem Ideologen der Muslimbrüder, brachten Ansichten wie diese noch Gefängnis ein unter der Herrschaft des legendären Modernisierers Nasser. Die hier dargelegte Weltanschauung ist aus der Sicht jüngster Entwicklungen eine prophetische Vorausdeutung und zugleich ein Auftrag zu terroristischen Aktionen muslimischer Fundamentalisten wie dem Angriff auf das wirtschaftliche Herz der westlichen Zivilisation, das World Trade Center. Unter der Führung Amerikas schlug die westliche Welt zurück und scheute sich nicht davor, in einer Strafaktion, die den Charakter eines Befreiungskrieges hatte, die aus vielen islamischen Ländern rekrutierten Anhänger einer Weltherrschaft islamisch-fundamentalistischer Ausrichtung aus dem Land zu verjagen, das sie in einem günstigen Moment in Besitz genommen und zu ihrer Operationsbasis gemacht hatten, Afghanistan. Im Augenblick steht der Westen siegreich da und Afghanistan, das seit über fünf Jahren die gnadenlose Herrschaft der Gotteskrieger ertragen musste, ist auf dem Weg der Normalität in zivilem Leben und wirtschaftlicher Entwicklung.

Die Gegenüberstellung westlicher Zivilisation - Islam, wie sie im eingangs zitierten Text vorgenommen wird, regt zu einigem Nachdenken an. Nicht selten hört man im Zusammenhang mit den Ereignissen der letzten Monate, der Islam sei eine Religion des Friedens. Ein geschichtlicher Rückblick auf den ungemein raschen und erfolgreichen Aufstieg des Islam als der dritten und letzten der drei großen Offenbarungsreligionen, nach Judentum und Christentum, lässt erkennen, dass dieser bei einer grundsätzlich friedlichen Haltung wohl nicht zu schaffen gewesen wäre. Ausgebildet im frühen 7. nachchristlichen Jahrhundert unter arabischen Nomaden und Händlern am Rande der damaligen zivilisierten Welt trat die junge Bewegung sofort nach dem Tod des Gründers 632 zu Eroberungsfeldzügen an und beherrschte innerhalb weniger als eines Jahrhunderts ein Territorium, das von Spanien bis Indien reichte. Übrigens war Prophet Mohammed keineswegs friedliebend, sondern trat als Anführer in militärischen Aktionen gegen seine Feinde auf.

Die jungen arabischen Eroberer verdankten diesen unerhörten Erfolg nicht etwas materieller Überlegenheit, sondern einer einfachen, einheitlichen und ungeheuer

11. September 2001 – Angriff auf das Machtzentrum des Feindes

effizienten Ideologie, die sie zusammenhielt und zugleich vorantrieb, dem Islam, einer Religion, die ohne großen theologischen Überbau, also für jedermann fasslich, und daher geeignet ist, Gemeinschaft zu stiften. Weiteres wichtiges einigendes Element war die arabische Sprache, jene heilige Sprache, in der der Engel Gabriel dem Propheten Mohammed den Koran geoffenbart hatte. Arabisch wurde sehr bald schon im ganzen Riesenreich zur einheitlichen Verwaltungssprache gemacht, ein Einigungsmoment von unschätzbarer Bedeutung.

Die islamische Welt war über Jahrhunderte hinweg die eigentliche moderne Welt, kompakt, nicht erschüttert durch den Gegensatz zwischen kirchlicher und weltlicher Macht, der sich im christlichen Europa bald zeigte. Überaus modern waren die islamischen Terrritorien auch als Wirtschaftsraum, intelligent und zeitgerecht geführt etwa durch Einführung einer einzigen Währung im ganzen Riesenreich.

Durch ihre Lebenskultur, ihren Reichtum war die islamische Zivilisation auf der Höhe der Zeit, nichts hatten die barbarischen christlichen Gesellschaften dem entgegen zu setzen außer brutaler Gewalt (Kreuzzüge). Dann – nach einer langen Glanzzeit stagnierte die islamische Welt, dieser Umstand tritt zutage im Niedergang der naturwissenschaftlichen Forschung im 14. Jahrhundert. Waren die Araber bis dahin führend gewesen in Mathematik, Astronomie, Optik, so hört diese Entwicklung in der Neuzeit ziemlich abrupt auf. Dies ist die Zeit, wo das Abendland beginnt, die Führung zu übernehmen. Der Humanismus und die Erneuerung der Antike in der Renaissance bereiten den Boden für eine Forschung, die zur Eroberung des Globus in Entdeckungsreisen und damit zur wirtschaftlichen Überlegenheit führt. Die allmähliche Trennung des Denkens von kirchlicher Bevormundung lässt auch eine Trennung der Gesellschaft von der Kirche einleiten, wie sie dann in der Aufklärung und in den politischen Geschehnissen der Französischen Revolution erfolgte.

Wenn wir die weltanschauliche Ausrichtung, wie sie sich im letzten halben Jahrhundert abzuzeichnen begann, betrachten, so können wir, grob gesprochen, von einer grundsätzlichen Zweiteilung ausgehen; ich möchte sie vereinfachend die Weltanschauung des Glaubens und die Weltanschauung des Wissens nennen. Die erste stellt sich die Welt in einer einfachen, eindeutigen, für ewig feststehenden Weise dar und erklärt alle Erscheinungen mit Hilfe vorgefasster Denkmuster, für sie gelten erdachte Entitäten als Wirklichkeiten und als die eigentlich bewegenden Kräfte des Seins. Die Welt des Glaubens hat Ziel und Zweck, der Mensch als Geschöpf Gottes darin seinen festgelegten Platz, sein Weg durchs Leben hat einen vorgegebenen Sinn. Dagegen die Welt des Wissens: ihre Denkhaltung ist offen, grundsätzlich skeptisch gegenüber allem, was als wahr vor allem Beweis Geltung haben soll, für sie gilt das durch die Sinne Erfahrbare bzw. das durch die Hilfe von Apparaturen (Mikroskop, Teleskop) erweiterte Erfahrbare als das Wirkliche. Nichts steht ein für allemal fest, alles Wissen kann durch neue Entdeckungen relativiert werden. Der Mensch verliert seine zentrale Stellung als Ziel der Schöpfung. Er ist eine Entwicklungsstufe der Evolution. Die Herausbildung der Weltanschauung des Wissens erfolgte im Europa der Neuzeit und ist datierbar, der erzwungene Widerruf des Wissenschaftlers Galilei markiert als dramatischer Höhepunkt die Spaltung in eine Welt des Glaubens und eine Welt des Wissens.

Dieser kleine Umweg über eine philosophische Reflexion dient mir, um den Zusammenstoß zwischen islamistischem Fundamentalismus und westlicher Zivilisation zu erklären. Die aus der Denkhaltung des Wissens hervorgehende Entwicklung, nämlich Forschung auf den verschiedenen Gebieten und daraus entstehende technologische Erfindungen, haben unsere Welt grundlegend verändert. Dies geschah in kürzester Zeit und betrifft in unterschiedlicher Intensität und Geschwindigkeit alle Länder der Erde. Unmöglich, dass derartige Veränderungen sich nicht auch im Denken des Menschen niederschlagen, die Weltanschauung des Wissens greift Platz auf Kosten jener des Glaubens.

Das Kapital für Forschung und Technologie wurde erwirtschaftet in den Gesellschaften westlichen Typs, was eine Liberalisierung aller sozialen, politischen und vor allem wirtschaftlichen Einrichtungen bewirkte. Emanzipation des Individuums gleich welchen Geschlechtes, Mitbestimmung, Volkssouveränität, Demokratie, freie und gleiche Wahlen sind die Organisationsformen, die eine neue Welt brauchte und schuf. Dass diese erzwungenen Neuerungen in Gesellschaften, die noch in einer sehr ursprünglichen Organisationsform verharren, zu traumatischen Verwerfungen führen, darf nicht erstaunen. In der Ablehnung einer als fremd und entfremdend empfundenen Welt ist der Ursprung des islamistischen Fundamentalismus zu suchen. Und Fundamentalismus ist gleichsam ein sich Verschanzen in der Welt des Glaubens. Diese Haltung bricht sich Bahn im Terror gegen jene Macht, die das verhasste Neue in der absolutesten Ausprägung darstellt, Amerika.

Betrachten wir die Zukunftschancen des islamischen Fundamentalismus und bemessen wir danach die Gefahren, die er für unsere Zivilisation darstellt. Der islamische Fundamentalismus ist zugleich schwach und fürchterlich. Schwach deshalb, weil er den Menschen keine positiven Lebensmodelle anzubieten hat. Er bezieht seine Denkschemata und damit seine Handlunsanweisungen aus einer Religion, die anderthalb Jahrtausende alt ist, ohne diese der veränderten Zeit irgendwie anzupassen, ja selbst das Denken dieser neuen Weltverbesserer entspricht nicht der ursprünglichen Offenheit der Religion Mohammeds; das Verhältnis zwischen dem alten Islam und den Islamisten von heute ist vergleichbar jenem zwischen der Darwinschen Evolutionslehre und dem Rassenwahn der Nazis.

Damit ist das Stichwort gegeben: Faschismus. „Hier muss analysiert werden, worum es sich handelt: um eine regionale Spätform des Faschismus". (Michael Pohly-khalid Dran: Osama bin Laden). Wo immer Islamisten die Macht ergriffen und ihren Gottesstaat errichtet haben (Iran, Afghanistan), stellen sie einen Widerspruch in sich selbst dar, weil sie einerseits primitivste Gesellschaftsformen einführen und andererseits die Instrumente der westlichen Zivilisation gebrauchen müssen. Zum Fürchten sind Islamisten vor allem auch, weil es unsere westliche Zivilisation ihren Kritikern leicht macht, sie anzugreifen. Unsere siegreiche Welt des Wissens ist keine gerechte Welt. Auch sie hat den Menschen zu sehr an den Rand gedrängt. Wir wurden dem Moloch Materie geopfert und mit vielen Annehmlichkeiten ruhig gestellt, aber auf die Frage nach dem Sinn unseres Lebens erhalten wir keine Antwort. Es ist unbestritten, dass die technische Zivilisation sich gegen die Verführer aus der Welt des Glaubens und ihre Sendboten, die Flugzeuge in Massenvernichtungswaffen verwandelt, wehren muss. Um jedoch unsere wirkliche Überlegenheit zu zeigen, müssen wir Antworten geben können auf die alten Fragen, was ist der Mensch, was will, was braucht der Mensch. Afghanistan 2002

„Wenn es uns nicht gelingt ihnen den Frieden zu bringen, so hinterlassen wir ihnen wenigstens den Krieg" „Danke, das ist sehr freundlich". aus „Le Monde"


Im Weißen Haus in Washington läutet das Telefon, es meldet sich der meistgesuchte Mann der Welt Osama bin Laden und will mit dem Präsidenten sprechen. „Herr Bush, ich habe eine gute und eine schlechte Nachricht für Sie". Sagen Sie mir zuerst die gute Nachricht." „Ich bin bereit mich zu stellen und komme zu Ihnen nach Washington" „Und wie lautet die schlechte Nachricht?." „Ich komme mit dem Flugzeug."