17. Jahrgang - Nr.5 September/Oktober 2001 - erscheint zweimonatlich
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In dieser Ausgabe:
Welcher Terrorismus?
Eine kritische Analyse der wahren Ursachen des Terrorismus
 
Athesia gegen SVP-Führung
Machtkampf innerhalb der sogenannten Sammelpartei
 
Berlusconi II
Diese Regierung bestätigt in ihren ersten hundert Tagen alle gegen sie vorgebrachten Vorbehalte
In der Warteschlange eingereiht
Gedanken zum aktuellen Geisteszustand
 
Ein Bombenerfolg

 
Luis der Macher...und seine Grenzen

 

ELITETOURISMUS OHNE ELITEN
von Elisabeth Höglinger
Überwältigt von den Massen der Billigurlauber wussten sich die Ortsansässigen nicht anders zu helfen, als dass sie nach Elitetourismus, will heißen Elitetouristen riefen. Es gab vor einiger Zeit kein Programm politischer Parteien ohne das Versprechen, den Elitetourismus zu fördern. Inzwischen ist man vorsichtiger geworden, eine derart unsoziale Forderung zu stellen. Hinwiederum zeigt sich seit den frühen neunziger Jahren in Südtirol und in den übrigen touristisch erschlossenen Alpenregionen eine Entwicklung hin zu einem elitären Angebot im Freizeitbereich, dem allerdings die sogenannten Eliten fehlen.

Was ist unter Elitetourismus zu verstehen? Man hat es hier mit einem oberflächlich verwendeten, gedanklich nicht abgesicherten Begriff zu tun. Denn welche Art von Tourismus war eigentlich gemeint? Jener, der Gäste anlockte, die man einst als die guten Gäste bezeichnete. Ältere Gastwirte und altgediente Hotelangestellte schwärmen immer noch von den Gästen früherer Zeiten, den feinen Italienern, die für Wochen, ja Monate buchten, mit Chauffeur ankamen und denen ein Schrankkoffer, per Bahn geschickt, voranging, oder den Wirtschaftswunderdeutschen, die konsumierten und kauften, weil ihnen die DM locker in der Tasche saß.

Der gute Gast ist offenbar identisch mit dem zahlenden Gast. Menschlich gesehen war an diesen Gästen, Überbleibsel einer herrschenden Klasse, verwöhnt und arrogant, gar manches auszusetzen und es ist kaum vorstellbar, dass die gastgewerblich Tätigen sich heute noch die Ansprüche dieser Art Herrenmenschen würden bieten lassen. Welcher Gast also soll im Elitetourismus angesprochen werden? Flüchtige Berühmtheiten aus Sport und Kunst, die Events darstellen und also dem Zauberwort Eventtourismus gerecht werden? Sie lädt man ja schon jetzt ein, schenkt ihnen gern den Aufenthalt, wenn sie nur als Zugpferde schwächer werdende Saisonen beleben. Aber das Gros der Urlauber stellen Mittelklasse-Leute dar, Menschen wie du und ich, Eltern mit Kindern, mit genau befristeten Ferien und genau abgezähltem Budget. Nicht besonders anspruchsvoll, bedürftig nach Erholung, weil im Alltag hart arbeitend, die Ferientage beim Wandern und Sporteln voll ausnutzend und abends die Bettruhe genießend. Keine Elitemenschen sicherlich, aber angenehme Gäste, sparsam aus Notwendigkeit, die Fixpreise, worin alles inbegriffen ist, wünschen, so dass sie vor bösen Überraschungen sicher sind, weil sie den Urlaub finanziell genau planen müssen, die sich keine Sonderausgaben leisten können, daher die leeren Läden, das Shopping rein fürs Auge.

Im Widerspruch zu diesem einfachen "armen" Gast stehen die großen Investitionen durch die Öffentliche Hand, sei es durch Steuererleichterungen, sei es durch direkte Beträge an das Gastgewerbe und Private, die durch Verkauf von Liegenschaften, durch Verschuldung oder mit Hilfe von Fremdkapital bezahlt werden. Es ist verständlich, dass unsere Landesregierung den


Tourismus fördert, denn dieser Wirtschaftszweig reißt alle anderen Wirtschaftszweige mit sich, belebt die Konjunktur in ungeahnter Weise, bringt Steuereinnahmen, schafft Vollbeschäftigung; keine Branche, die nicht vom Fremdenverkehr mitgezogen würde, das Baugewerbe bis hinauf in die feinsten Ausprägungen der handwerklichen Fertigung von kostbarer Einrichtung, die Lebensmittelerzeugung (Wein, Fleisch, Milchprodukte, Obst), das Transportgewerbe, der Handel und jegliche Dienstleistung. Seit 1990, also in der Ära Durnwalder, wurde dem voll Rechnung getragen, vor allem durch Gesetze, die den Bau und die Verbesserung von Beherbergungsbetrieben in großzügigster Weise erleichterten. Gemeint sind die Gesetze zur qualitativen und quantitativen Erweiterung. Nichts nützen die Proteste von Alfons Benedikter und Peter Ortner, auch scharfe Kritik innerhalb der SVP ist umsonst, es wird weiter erweitert und saniert.

Wir blicken uns um in unseren Tälern, Baukräne in großer Zahl ragen aus Baustellen empor, zum Großteil Pensionen, alte Gasthäuser, die qualitativ und quantitativ explodieren, sich Stockwerke tief in den Boden hineinwühlen und oberirdisch auf die Grundstücksgrenzen hinausdrängen, Gärten auffressen und den Nachbarhäu- sern zu Leibe rücken. Kein gastgewerblicher Betrieb wird in Ruhe gelassen, Giebel und Türme, bemalte Fassaden, Edelkitsch aus Disneyland ist das Merkmal dieser Architektur, die ihrem Namen keine Ehre macht. Natürlich muss jedes Haus seine Fitness-Einrichtungen haben, eine Chlorpfütze als Schwimmbad im Keller, Sauna, die aus Kostengründen nur wenige Tage die Woche in Betrieb ist, Angebote hauptsächlich für das Glanzprospekt und kaum genützt.

Österreichische wie Südtiroler Statistiken vermelden, dass der Gast zunehmend diese noblen Mehrsterne-Herbergen aufsucht und die alten Frühstückspensionen meidet, weswegen diese nach und nach aufgeben. Der Gast, den wir beschrieben haben, wird, ob er will oder nicht, durch Werbung, durch Preismanipulation zu dieser Wahl gedrängt. Es ist derselbe Vorgang, der im Handel das Sterben der Nahversorger, der so genannten Tante-Emma-Läden bewirkt. Unsere qualitativ und quantitativ erweiterten Hotels lassen nur in Spitzenzeiten Kostenwahrheiten gelten, in den Vor- und Nachsaisonen verkaufen sie ihre Zimmer zu Schleuderpreisen. Und der Kunde, vor die Wahl gestellt, ob er um einen annähernd gleichen Preis in der Familienpension oder im Vier-Sterne-Haus absteigen soll, entscheidet sich für letzteres.

Unsere Fremdenverkehrswirtschaft ist in einem rasenden Wandel begriffen, nicht zum Guten allerdings. Es verändert sich das Ortsbild, es verändern sich die finanziellen Grundlagen, indem zwischen den immer geringeren Gewinnen und den immer größeren Investitionen eine gefährliche Lücke klafft, es tritt eine Entfremdung ein zwischen Einheimischen und Gästen. Die noblen Hotels wirken tagsüber wie Geisterhäuser, die sich erst abends beleben, wenn ganze Busladungen sich darin ergießen. Mit fremdem Kapital, fremden Angestellten werden immer mehr fremde Gäste bedient.


MERAN - KURSTADT IM UMBRUCH

Meran ist das Paradebeispiel für die von Elisabeth Höglinger geschilderte Entwicklung im Fremdenverkehr. Seit Jahrzehnten versucht die Stadt, ihrem Ruf und ihrer Tradition als Kurstadt gerecht zu werden und gleichzeitig mit den rasanten Veränderungen in dieser Sparte zurecht zu kommen.

Um das zu verstehen, muß man sich ihre Entstehungsgeschichte in Erinnerung bringen, Es waren Hoteliers, Unternehmer, Ärzte aus dem Habsburgerreich, also aus Prag, Wien, Karlsbad, die in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts die landschaftlichen und klimatischen Vorzüge Merans entdeckten. Es entstanden Hotels, Sanatorien, es wurden Promenaden und Spazierwege angelegt. Bald siedelten sich auch Fremde in der Stadt an: Österreicher, Deutsche, Russen, Holländer. Diese setzten in ihren prächtigen Gärten auch fremde Pflanzen und Bäume, die in diesem mediterranen Klima prächtig gediehen. Meran bekam ein internationales Flair.

Mit dem Ersten Weltkrieg ging diese Glanzzeit zu Ende. Meran zehrte von nun an von den großen Investitionen, die in der "guten alten Zeit" getätigt worden waren. Der Faschismus brachte der Stadt eine starke italienische Zuwanderung, eine chemische Fabrik, ein großes Kasernenviertel und einen Pferderennplatz. Als nach dem Zweiten Weltkrieg der Tourismus wieder anzog, stand Meran vor großen Problemen: die großen Hotels waren als Lazarette verwendet worden und entsprachen nicht mehr den modernen Anforderungen und es trat eine ganz neue Art von Touristen auf den Plan. Seither versucht Meran, etwas von dem Charme der Kurstadt vergangener Zeiten zu bewahren und gleichzeitig den Erfordernissen des Massentourismus zu entsprechen. Es gab einige lobenswerte Initiativen, wie die Errichtung des botanischen Gartens, die Restaurierung des Kurhauses, die Sanierung der Lauben.

Trotzdem sind die Strukturen der Kurstadt in Gefahr: reihenweise sterben die Hotels und Pensionen, Baulöwen ohne Kultur und Rücksicht setzen an die Stelle der alten Villen und Gärten Wohnkomplexe, die für den lokalen Durchschnittsverdiener unbezahlbar sind. Die lokalen Politiker schauen zu und beschäftigen sich mehr mit der "ethnischen Front" als mit den Problemen der Stadt. Schwer wiegt dabei die Tatsache, daß die jeweiligen Sprachgruppen eine unterschiedliche soziologische

Das Meraner Kurhaus

Struktur und somit oft gegensätzlichen Interessen haben. In dieser Auseinandersetzung, die durch wirtschaftliche Interessengruppen geschickt gesteuert wird, bleiben die Interessen der Bürgerschaft vielfach auf der Strecke. Seit einem Jahr versucht die lokale SVP mit kräftiger finanzieller Hilfe der Landesregierung, Meran zur Thermalstadt zu machen, ein äußerst fragliches Unternehmen, das bisher zur Abholzung eines Parkes und zur Verschärfung der Verkehrsmisere geführt hat.

Die unhaltbaren Zustände im Verkehrssektor, die der Kurstadt sogar den Garaus zu machen drohen, beruhen auf einer urbanistischen Fehlentscheidung der 60er Jahre. Damals wurde die bereits vor dem Zweiten Weltkrieg geplante Verlegung der Passeirer Straße auf das linke Ufer der Passer verworfen und der Verkehr in das schönste Viertel Merans, Obermais, eingeleitet. Anstatt nun diesen Fehler zu korrigieren - das ließe sich ohne großen Aufwand machen -, schreit eine starke Lobby nach einem Tunnel unter dem Küchelberg, ein monströses Projekt, das die ganze Stadt über Jahre hinweg in eine Baugrube verwandeln würde. Im Frühjahr soll die Bürgerschaft darüber entscheiden.