17. Jahrgang - Nr.5 September/Oktober 2001 - erscheint zweimonatlich
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In dieser Ausgabe:
Welcher Terrorismus?
Eine kritische Analyse der wahren Ursachen des Terrorismus
 
Athesia gegen SVP-Führung
Machtkampf innerhalb der sogenannten Sammelpartei
 
Elitetourismus ohne Eliten
Der tiefgreifende Wandel des Tourismus, auch am Beispiel der Kurstadt Meran
 
Berlusconi II
Diese Regierung bestätigt in ihren ersten hundert Tagen alle gegen sie vorgebrachten Vorbehalte
Ein Bombenerfolg

 
Luis der Macher...und seine Grenzen

 

In der Warteschleife eingereiht - Gedanken zum aktuellen Geisteszustand
von Gerhard Riedmann
Für den Süd-Tiroler ist seine Karriere, oder weniger pathetisch ausgedrückt, seine Zukunft, vorgezeichnet. Eintritt in die große Partei und in deren vielfältige Verzweigungen und Verästelungen. Man braucht sich nur in die Warteschleife einzureihen. Irgendwann wird man zielsicher auf einem wohldotierten, angesehenen Posten landen. So einfach ist es. Aber: Die einzige Warteschleife wurde für manch einen zum Hängestrick.

Die Konkurrenz hat es nicht leicht. Man läßt sie gewähren, solange sie nicht zu vorlaut ist. Weil die Demokratie diesen Farbtupfer zum Selbstverständnis braucht. Sie könnte sonst leicht mit der Diktatur verwechselt werden. Eine Demokratur ist einer Diktatur allemal vorzuziehen. Weil sie nicht köpft. Selbst von bescheidenen Zuwächsen geht keine Gefahr aus. In den Nischen kann man fast ungestört Erbsen zählen. Weil mit ewigem Erbsenzählen kein Staat zu machen ist, hat man es irgendeinmal satt.

Mit Grollen und mit geballten Fäusten bricht man auf. Aber diese Fäuste müssen in der Hosentasche bleiben. Außerhalb der Hosentasche ist es Faustkampf. Damit fällt man der Demokratie in den Rücken. Man lebt und überlebt nicht allein aus Zuneigung zu Land und Mensch. Man bezieht paradoxerweise seine Energien und seine Zuversicht auch aus dem Groll und der Wut und dem Frust.

Anpassung ist gefragt. Jasagerei ist der Herren liebstes Kind. Keine gelebte, keine erlebte und schon gar keine gewagte Demokratie. Wären wir konsequent, müßten wir den Adler als Wappentier außer Dienst stellen und an seiner statt den Papagei zum Wappentier kiesen. Es gab Versuche, andere Perspektiven durchzusetzen. Das Bollwerk ließ sich jedoch seinen Standort nicht streitig machen. Und wenn das Bollwerk zufälligerweise einmal in leichtes Schlingern geriet, suchte es sein Heil in Perspektiven, die es früher vehement abgelehnt hatte. Und wie ist es jenen ergangen, die früher einmal diese Perspektiven ins Spiel gebracht hatten? Halt! Quod licet Jovi, non licet Jovi.

Auseinandersetzung erfolgt nur in Ausnahmefällen und bleibt gewöhnlich ohne Folgen. Welche Konsequenzen hat man aus der neunjährigen Mißwirtschaft der "Vereinigten Bühnen Bozen" gezogen? Was hat der wegen Unfähigkeit entlassene Künstlerische Direktor Emmanuel Bohn zusammengemurkst? Er hinterließ mehr denn 1 Milliarde Schulden und verlangt für den Murks 400 Millionen Entschädigung. Hat sich die Öffentlichkeit darüber aufgeregt? Nicht nötig. Weil der Landespapa erfahrungsgemäß alles richtet. Auch dies wird er richten.

Wenn die Stunde der Wahrheit anbricht, werden die gerasselten Säbel in die Halterung zurückgesteckt. Und alles bleibt beim alten. Ja, die Warteschlange. Und wir versinken derweil immer tiefer in geistige und kulturelle Trägheit. Den Duft der großen weiten Welt ziehen wir dennoch mit Genuß ein. Zum Beispiel: auf der Frankfurter Buchmesse. Der weltweit größten, und deutschen, da sind wir selbstverständlich präsent.


Mit "Der Luis", mit überdimensionalen Bildbänden und Kochbüchern, in denen die Verlobung von Tiroler Speckknödeln und Spaghetti bekanntgeben und zur Hochzeitsfeier eingeladen wird. Dirndl, Lederhosen, Schüttelbrot, Speck und Rotwein als Hochzeitslader. In der Metropole trumpft die Provinz auf. Ungeschickt sind wir nicht. Ein Spiegelbild unseres geistigen und kulturellen Standorts.

Die Umwelt wird auf den Kopf gestellt, kein Stein bleibt auf dem anderen stehen. Aber eine Revolution in den Köpfen findet nicht statt. Im Eilzugtempo und unter Einsatz enormer Kapitalien und modernster Technologien werden prächtige Ruinen aufgeführt. Wo bleiben die Inhalte? Dem "Garten Gottes" werden tödliche Wunden zugefügt. Mitunter ein aus der Wüste rufender Leserbrief. Wo aber bleibt die Bürgerinitiative, die dem zerstörerischen Treiben Einhalt gebietet? Eben: in der Warteschlange warten, während unsere Städte und Dörfer immer unbewohnbarer werden.

Beschwichtigung über Beschwichtigung. Die Medien wissen es genau: Wir sind und bleiben eine Insel der Seligen. Sogar der 11. September 2001 könne uns nichts anhaben. Und wenn es uns einmal doch so ergehen sollte wie dem 24jährigen Schweizer Studenten, von dem Friedrich Dürrenmatts Kurzgeschichte "Der Tunnel" handelt? Aus selbstverständlicher wellness und mit der "Ormond Brasil 10" Zigarre im Mund wird er plötzlich herausgerissen, der fette Herr Student. Den Eisenbahntunnel hatte er auf seinen täglichen Fahrten nicht beachtet, sondern immer nur "geahnt". Im leuchtenden Abendlicht fährt er wie gewohnt hinein in den Tunnel und kommt nicht mehr heraus. Die Tunnels haben es heute in sich. Und Dürrenmatts Text erlangt immer brisantere Aktualität. Wir aber tun immer noch so, als ob wir innenbeleuchtet und lärmgedämmt kurz in die Finsternis eintauchten und uns am anderen Ende das strahlende Sonnenlicht erwartete. Dieweil steigen Selbstmorde und die tödlich verlaufenden Verkehrsunfälle junger Menschen ins schier Unzählbare. Das ist nicht alles vom Schicksal zugeteilt. Das ist der hausgemachte Preis dafür, daß wir das Privileg haben, auf einer Insel der Seligen zu leben, dieweil ringsum uns die Hölle tobt. Auch das hat mit der Warteschlange zu tun. Wer Auseinandersetzung verlangt oder gar betreibt, ist ein lästiger Störenfried.

Warum ist unsere Gesellschaft nicht so weit, daß sie einen Aufstand gegen das ausgehöhlte westliche Wertesystem anzettelt, deren Hülle sie selber ist? Wir erleben die groteske Geisterbahnfahrt einer postmodernen Gesellschaft, die nichts recht berührt von dem, was ihr begegnet. Und ihr begegnet einiges. Sie ist in einem sinn- und moralfreien Totalhedonismus verstrickt, in dem der Schnösel und Flachdenker die Trommel rührt und zum Tanz aufruft, der zur Selbstauflösung führt. Die Welt des Light-Entertainments und des glitzernden Gefasels wird ästhetisiert und subventioniert und nicht nach ihrer Sinnhaftigkeit hinterfragt.

Geld setzen wir zur Vernichtung von Kulturgütern ein, jener Kulturgüter, die unsere Väter und Mütter unter großen Opfern geschaffen haben. Gibt es keine besseren Unterbringungsmöglichkeiten für überflüssiges Kapital als zerstörerische Verschleuderung? Was muß geschehen, damit wir uns auf unsere Stärken und Tugenden besinnen? Vielleicht ein Attentat in den Dimensionen des 11. September 2001? Die USA sind nach diesem Tag aufgewacht aus ihrem süßen Traum und angetreten, um die Werte der westlichen Zivilisation gegen die Barbarei zu verteidigen. Ihre Strategie zerstört jedoch gerade jene Werte, die sie retten und schützen wollen. Unser Geisteszustand ist entsetzlich. Wir unternehmen nichts, um unsere Werte und Stärken zu retten und zu schützen. Immer noch tanzen wir lustvoll betäubt um das Goldene Kalb. Die Makrotopie ist am Ende. Der 11. September hat uns anschaulich und auf schreckliche Weise die Ohnmacht der großen Systeme vor Augen geführt. Der Mikrotopie gehört die Zukunft. Eine davon sind wir, eine sehr gefährdete zwar, jedoch mit einer Chance. Diese sollten wir nicht leichtfertig verspielen.

Was muß geschehen? Ein "Ground Zero". Eine Stunde Null. Eine historische tabula rasa. Ein absoluter Neuanfang. Dann wird man weitersehen können.