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Stolz verkündete Berlusconi bei Regierungsantritt Anfang Juni,
er werde nun, nachdem er ãdie Kommunisten endgültig besiegt" habe, Italien vom Grunde auf erneuern. Nun sind die klassischen hundert
Tage vergangen und alle warten noch auf die angekündigten Steuersenkungen, auf die Anhebung der Mindestrenten auf eine Million im Monat,
auf die wesentlichen Änderung am Arbeitsmarkt.
Davon ist gar nichts geschehen. Ebensowenig geschehen ist im Hinblick auf die von Berlusconi selbst immer wieder versprochene Trennung
von seinem Medienimperium. Von den berühmten unparteiischen Garanten, die er innerhalb kürzester Zeit vorstellen wollte, ist keine Rede
mehr. Dagegen sind von der Regierung Berlusconi gesetzliche Maßnahmen beschlossen worden, die eindeutig den Interessen des Privatmannes
und Unternehmers Berlusconi dienen. Dazu zählen die Abschaffung der Erbschafts- und Schenkungssteuer und die Entkriminalisierung der
Bilanzfälschung. Nachdem in Berlusconis verschachteltem Firmenimperium laut den Erhebungen der Richter besonders die Frisierung
der Bilanzen recht häufig vorgekommen sein soll, wurde dies per Gesetz zum Kavaliersdelikt deklariert.
Noch nachhaltiger und schwerer wiegt die vom Parlament beschlossene Erschwerung der Rechtshilfeanforderungen italienischer Richter
an ausländische Kollegen. Es laufen eine Reihe von Prozessen, in denen die von den italienischen Richtern angeforderten Informationen
über Kontenbewegungen im Ausland von entscheidender Bedeutung für das Verfahren sind. Laut der Anklageschrift der Richter von Mailand
konnte durch die Rechtshilfe der Schweizer Richter ein kriminelles Zusammenarbeiten von Rechtsanwälten, die zum Beraterteam Berlusconis
gehören, mit bestochenen römischen Richtern aufgedeckt werden. Nach Erkenntnis der Mailänder Staatsanwälte sind dadurch wichtige
Verfahren manipuliert und verfälscht worden. Im übrigen sind solche Ermittlungen auch im Hinblick auf die Bekämpfung der Mafia und
des internationalen Terrors enorm wichtig. Während im Ausland, auch unter dem Eindruck der letzten Ereignisse die internationale
Zusammenarbeit der Justiz ausdrücklich gefördert und erleichtert wird, erläßt Italien Gesetze, die auch mit kleinkarierten Formalismen
diesen Austausch von Informationen erschweren und entwerten.
Es sind dies Zeichen eines dramatischen Verfalles der politischen Kultur, die besonders im Ausland kritisch vermerkt werden und die
Berlusconi und seine bunte Truppe gar nicht wahrnehmen. Hatten sich einige Bürger von Berlusconi wenigstens einen Schub von
ãlombardischer Effizienz" erwartet, so sind auch diese arg enttäuscht worden. An der schwerfälligen, langsamen Bürokratie und dem
Byzantinismus der Verwaltung hat sich gar nichts geändert. Wie es übrigens um die lombardische Effizienz bestellt ist, hat leider
der tragische Vorfall am Flughafen von Linate-Mailand gezeigt, wo aus Schlamperei, bürokratischer Verzögerung und Gleichgültigkeit
118 Personen ihr Leben lassen mußten.
Die schwersten Rückschläge mußte Berlusconi auf dem internationalen Parkett hinnehmen, wo seine Überheblichkeit und seine
Instinktlosigkeit besonders aufgefallen sind. Zum Staatsmann braucht es offensichtlich mehr als nur die forsche Art des
Handelsreisenden. So wurden Berlusconis Stammtischparolen über den Islam ebenso wenig geschätzt wie seine konstanten
Anbiederungsversuche an die USA, als deren besonderer Freund er sich ausgibt. Drei Wochen mußten die italienischen
Diplomaten antechambrieren, um endlich für ihren Ministerpräsidenten einen Termin bei Bush zu bekommen. Nun sollen
Demonstrationen von ãForza Italia" die Kriegslust der Italiener steigern und den Heldentod für Kabul als patriotische
Pflicht propagieren.
Pressestimmen
"(...) Das ist das Benehmen eines Mannes, der im geschäftlichen Bereich die Erfahrung gemacht hat, daß man, wenn man
Geld und Macht besitzt, sich alles erlauben kann. Angetreten ist er mit dem Anspruch den italienischen Staat so effizient
wie seine Unternehmen zu führen. Seine Person beweist es ihm. Alles ist möglich, wenn man es wirklich will. Es ist das simple
Bild des self-made-man, das Berlusconi in die Politik mitgebracht hat. Hier die Tüchtigen, dort die Faulen, hier diejenigen,
die für einen sind, dort die, die es zu erledigen gilt. Mit seiner Privatmasche hat er erst die italienische Wirtschaft und dann
den italienischen Staat erobert. Nun heißt es weltweit ãdas absolut Gute gegen das absolut Böse" und Berlusconi weiß, was man von
seinen Gegnern zu halten hat und wie man mit ihnen fertig wird. Gut, daß er der Ministerpräsident Italiens ist.
Eine volle Legislaturperiode wird im Herzland abendländischer Kultur aller Voraussicht nach nicht überleben."
Das schrieb die Süddeutsche Zeitung am 29.September, nach dem offiziellen Besuch Berlusconis in Berlin.
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