16. Jahrgang - Nr.5 November/Dezember 2000-erscheint zweimonatlich
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In dieser Ausgabe:
Wo gibt's die Leitkultur?
Ein mißverständlicher Begriff
 
Ein Ritual ohne Inhalte
Zur Landesversammlung der SVP.
 
Eine umstrittene Entscheidung
Die Seligsprechung des Giovanni Maria Mastai Ferretti, mit Papstnamen Pius IX. (Pontifikat 1846-78).
 
Die Natur ist trotzdem stärker
Die sogenannten Naturkatastrophen
 
Der Schuss ging nach hinten los
Die Landtagswahlen im Burgenland.
 
Rinderwahnsinn
Der Irrsinn der industrialisierten Viehwirtschaft
 
Wieviel Heimat braucht der Mensch?

Süd-Tirol zwischen Heimat und Un-Heimat

von Gerhard Riedmann
Was ist Heimat? Zunächst ist Heimat Herkunftsort, und das Elternhaus ist Heimat. Ein begrenzter Raum, welcher Idylle und Subjektivierung Tür und Tor öffnet. Tirolerisch rustikal: 's "Hoamatl". Heimat hat auch mit Nostalgie zu tun und mit passivem Erleiden von Herkunft und Kindheitswelt und Sehnsucht nach der heilen Welt.
 
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Heimat ist ein Zugehörigkeitsraum, ein "Winkel unserer Seele", frei von gesellschaftlichen und existentiellen Fremdheitserfahrungen. Ein ausgeprägter deutscher Seelenwert mit verschwommener Mehrdeutigkeit. Unübersetzbar in andere Sprachen. Seit Jahrzehnten ein klischéeverdächtiger Begriff.
 
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Ernst Bloch nennt "Heimat" all das, was "allein in die Kindheit scheint und worin noch niemand war." Elias Canetti bekennt, die deutsche Sprache, seine Muttersprache, sei seine einzige Heimat. Ich bin verführt zu sagen, nur in der Sprache der Dichtung ist unverlierbare Heimat.
 
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Heimat ist der Ort, wo man hin- und dazugehört. Kein endgültig fixierter und fixierbarer Ort, weil er ein offener, dynamischer Ort ist. Und ist Liebesbeziehung.
 
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Heimat (und alles, was damit zusammenhängt) ist der Gefahr ideologischer Verengung und volklichen Mißbrauchs ausgesetzt und wegen ihrer Kleinräumigkeit und Rückwärtsgewandtheit Zielscheibe von Verachtung und Verspottung. Aber in ihr liegt auch eine echte Chance für Beheimatung im eigenen Lebensraum.
 
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Noch nie haben, wie im 20. Jahrhundert, so viele Menschen ihre Heimat verloren und mit ihr das Heimatrecht, und so können Heimat und Heimatverlust eine schicksalhafte Bedeutung erlangen.
 
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Auch die Süd-Tiroler haben erfahren müssen, was Heimatverlust ist. Flüchtlinge waren die meisten von ihnen. Sie hatten zwischen Skylla und Charybdis zu wählen. Zugespitzt ausgedrückt: zwischen Geköpft- oder Gehenktwerden. Deportation in italofaschistische Provinzen und Kolonien oder Zwangsansiedlung in von nationalsozialistischen Heeren besetzten "Lebensräumen". Die Süd-Tiroler hatten das Glück auf ihrer Seite, denn sie haben nach 1945 allmählich die verlorene Heimat wiedergewonnen.
 
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Heimat ist auch Utopie. Konkrete Utopie. Tagtraum. Unser ganzes Leben ist ein Versuch, Heimat zu erwerben und Heimat zu erhalten. In einer Zeit der Großräumigkeiten, universalen Vernetzungen und Entgrenzungen nimmt die Sehnsucht nach Heimat zu. Heute ist Heimat für den Menschen notwendiger denn je. Weil es sich gezeigt hat, daß die große Welt Heimat zu bieten nicht imstande ist. Die Un-Heimat wächst sich mehr und mehr aus. Überall ist der Mensch gewesen, aus der Heimat ist er auf- und ausgebrochen, hat von einer neuen Heimat in der Ferne geträumt, Luftschlösser gebaut. Aber hat er auch Utopien geschaffen? Und jetzt träumt er in der großen Welt von seiner kleinen alten Heimat, von jener Kleinordnung, in der er geboren wurde, wo er seinen Ausgang nahm. Auf den Punkt gebracht: Robinson kehrt nach Hause zurück.
 
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In einer Zeit, in der die Menschen und vor allem die politisch verantwortlichen Kräfte erkennen müssen, daß große Systeme an die Grenzen ihrer Belastbarkeit und Steuerbarkeit gelangt sind, haben kleine Ordnungen eine neue Chance. Wenn Kleinordnungen heute mehr denn je eine Berechtigung haben, so haben sie es aber besonders schwer, sich zu behaupten und nicht in die Isolation zu geraten.
 
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Im menschlichen Leben kann nur der Augenblick erfüllt werden. Faust mußte es erfahren. Sein "Verweile doch, du bist so schön!" ist eine Vision von einem Leben, das frei von Mühsal ist. Heute ist sie aktueller denn je.
 
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Jeder Mensch braucht ein Traumbild seiner Vollendung in sich. Er muß bereit sein, auszufahren, das Gewohnte hinter sich zu lassen, Risiko auf sich zu nehmen, bis er gefunden, was er gesucht hat. Es ist alles eine Frage der Traumbereitschaft und des Durchhaltens. Man sollte es nicht so machen, wie das Bäumlein, das andre Blätter hat gewollt. Gefährliche Phantastereien, und illusionsbefreit ist es zu sich selbst zurückgekehrt. H. Chr. Andersens Märchen "Das Feuerzeug" könnte eine exemplarische Utopie sein, die unverlierbare Heimat enthält.
 
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Von allen literarischen Formen enthält das Märchen in seiner leichten Verständlichkeit und poetischen Realitätshaltigkeit ein Maximum an Utopie und an Heimat. Dem Märchen verdanken wir unsere erste und ursprünglichste Begegnung mit Heimat. Für Ernst Bloch ist das Märchen die archetypische Utopie.
 
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Keine Religion kommt ohne Utopie aus, ja nicht einmal der pragmatischste Politiker kann auf Utopie verzichten. Um vor der Gesellschaft bestehen zu können, muß er so tun, als habe er den Stein der Weisen gefunden, sagen wir beispielsweise die Entsalzung des Meeres. Und da sind noch die medizinischen Träume vom ewigen Jungbrunnen, die sozialen Träume vom Tischleindeckdich. Was sind dies anderes als Hoffnungen, die Zwänge, Nöte, Mühen und Qualen des Alltags zu überwinden? Selbst der Todkranke nimmt alles auf sich, solange er Hoffnung hat. All das hat mit Heimat zu tun, an ihr kann eine Uto- pie festgemacht werden. Beispielhaft an Kafkas "Eine kaiserliche Botschaft".
 
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Was haben wir Süd-Tiroler mit unserer Heimat seit 1945 getan? Nach hoffnungsvollem Aufbruch und Kampf haben wir wieder Heimat gewonnen. Und damit die Chance, Heimat für die Zukunft zu gestalten. Aber heute sind wir auf dem besten Weg, diese Heimat zweifach zu verlieren. Zum einen, weil wir uns immer weiter von unseren originären kulturhistorischen Beziehungen entfernen und uns ambivalent und von Opportunismus bestimmt auf neue Realitäten einrichten. Zum andern, weil wir unsere Identität dem Neokapitalismus und -liberalismus ausliefern. Und bleiben dennoch Krämerseelen, tun aber so, als hätten wir Anteil am Nabel der Welt. Diese Haltung kann nur zu politischem und ethnokulturellem Zwitterdasein führen.
 
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Heimat ist "Rettung des Besonderen". Uns wurde das Besondere in reichem Maße zuteil, aber wir gehen damit immer verantwortungsloser um. Anstatt aus unserer Heimat aufzubrechen und ihr Zukunft zu bringen, zerstören wir sie ökologisch und betreiben geistigen und kulturellen Ausverkauf. Damit vernichten wir auch die Grundlagen unserer Heimat, unserer Kultur und unserer Sprache. Der Ausödung von Natur, Landschaft und Kultur folgt auf dem Fuße die Entfremdung des Menschen von sich selber, Zusammenbruch der inneren Zusammenhänge, Zerstörung menschenwürdiger natürlicher, sozialer und kultureller Umwelt. Und vor allem Ausödung der Sprache, unseres wesentlichsten Kommunikationsinstruments.
 
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Heimat ist von rechten Ideologien extrem belastet, weil bedenkenlos mißbraucht. Vor allem die Linke hat nach ihrem Bruch mit dem Dogmatismus den Begriff wieder brauchbar gemacht, und die "grüne" ökologisch-pazifistische Bewegung bemüht sich um ein neues kultur- und zivilisationskritisches Bewußtsein. Darin erhält Heimat neue Aktualität. Frei von Blut und Boden. Abseits von "links".
 
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Kommt Robinson zurück? Ja, zumindest als Vision.
 
DAS KONDOM

Vor wenigen Tagen wurde in der Welt der Anti-AIDS-Tag abgehalten. Tagungen, Spendensammlungen, Galadiners wurden organisiert, um Mittel zur Bekämpfung dieser Seuche aufzubringen, die besonders in Afrika und Asien ganze Landstriche auszurotten droht. In den meisten der dortigen Länder kann eine systematische Behandlung der AIDS-Kranken wegen der hohen Kosten nicht durchgeführt werden.
 

  aus "Le Monde"
Um so wichtiger erscheint eine breitangelegte Aufklärungskampagne zur Anwendung des Kondoms, das immerhin eines der wichtigsten Vorbeugungsmittel gegen die Seuche darstellt. Die Ignoranz über dessen Zweckmäßigkeit und Schutz beim Geschlechtsverkehr ist weitgehend verbreitet, nicht nur in anderen Kontinenten, sondern auch bei uns. Dazu trägt die verlogene Prüderie bei, die in gewissen Kreisen immer noch herrscht, weil man über "solche Dinge" nicht offen spricht. Erst kürzlich haben in Südtirol wütende Proteste gegen Initiativen eingesetzt, die besonders der Jugend eine in verständlicher Sprache gehaltene Sexualerziehung zukommen lassen wollen. Man zieht es offensichtlich vor, den Kopf in den Sand zu stecken, um der Realität nicht ins Auge blicken zu müssen. Unverständlich ist in diesem Zusammenhang die offizielle Haltung der katholischen Kirche, die das Kondom verbietet und die sexuelle Enthaltsamkeit als einzige Alternative propagiert. Mit dieser dogmatischen Starrheit, die wissenschaftliche und medizinische Erkenntnisse ignoriert, trägt die Kirche dazu bei, daß immer Menschen sich ihr entfremden.