16. Jahrgang - Nr.5 November/Dezember 2000-erscheint zweimonatlich
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In dieser Ausgabe:
Wo gibt's die Leitkultur?
Ein mißverständlicher Begriff
 
Ein Ritual ohne Inhalte
Zur Landesversammlung der SVP.
 
Wieviel Heimat braucht der Mensch?
Süd-Tirol zwischen Heimat und Un-Heimat.
 
Die Natur ist trotzdem stärker
Die sogenannten Naturkatastrophen
 
Der Schuss ging nach hinten los
Die Landtagswahlen im Burgenland.
 
Rinderwahnsinn
Der Irrsinn der industrialisierten Viehwirtschaft
 
 
Eine umstrittene Entscheidung

Die Seligsprechung des Giovanni Maria Mastai Ferretti, mit Papstnamen Pius IX. (Pontifikat 1846-78)

von Elisabeth Höglinger

 
In einem modernen Haushalt ist es üblich, dass Entscheidungen von allen Mitgliedern der Familie, also nicht nur von den Eltern oder gar nur vom männlichen Elternteil, sondern auch von den Kindern, zumal wenn sie erwachsen sind, mitgetragen werden.

Weil wir durch das Sakrament der Taufe in das große Haus der katholischen Kirche aufgenommen wurden, steht es uns zu, einige kritische Anmerkungen zu machen über Entscheidungen der Kirchenführung, wie jene, dem Gottesvolk ein neues Lebensmodell in Gestalt eines Seliggesprochenen zu präsentieren.

An einem Sonntag im vergangenen September wurden zwei Päpste, nämlich der geliebte Papst des Konzils Johannes XXIII. und eben erstaunlicherweise auch Pius IX., der letzte Papst-König, wie er genannt wird, in den Himmel der katholischen Seligen, demnächst Heiligen emporgehoben. Ist gegen die Ehrung des ersten nichts einzuwenden, so erhob sich gegen die zweite Wahl ein Proteststurm, vor allem von jüdischer Seite. Die Ent-rüstung ging bald unter im allgemeinen Strom des Vergessens und der Geschichtslosigkeit, die das Bewußtsein der Menschen heute kennzeichnen.

Wir wollen also einige Fakten aus dem langen Pontifikat Pius IX in Erinnerung rufen. Gekrönt knapp bevor ganz Europa von der nationalbürgerlichen Revolution 1848-49 erschüttert wurde, zeigte er sich zunächst für das Neue aufgeschlossen. Als die neue Zeit ihn und seinen Kirchenstaat selbst überrumpelte und in Rom eine Republik ausgerufen wurde, er in den Schutz des Königreichs Neapel flüchten musste und nur mit Hilfe französischer Truppen seinen Papstthron wiedererlangte, machte er eine Kehrtwende in Politik und geistiger Führung durch und behielt diese Haltung bis zum Schluss bei. Verantwortlich für das Geschehene waren offenbar die modernen Ideen, die von der Aufklärung und der Französischen Revolution herrührten. So ließ er denn in einem förmlichen Beschluss knapp nach 1850 alle Theorien, die nach Liberalisierung aussahen, als Irrlehren verurteilen. Die 80 Verdikte wurden zusammengefasst im Syllabus errorum. Wer von seinen Untertanen sich an solchem Teufelswerk wie Wahlen beteiligte, wurde mit Exkommunikation bedroht. Schuld an seinem zeitweiligen Machtverlust waren offenbar Juden und Patrioten. Erstere sperrte er wiederum ins Ghetto ein, gegen Patrioten und Rebellen wütete der Henker. Noch heute wird in Ravenna auf einer Tafel, angebracht an der Richtstätte, derer gedacht, die der Rachsucht des Papstes zum Opfer fielen. Allgemeine Empörung rief eine Maßnahme von Mastai Ferretti hervor: er ließ nämlich dem jüdischen Elternpaar Mortara aus Bologna das sechsjährige Kind Edgardo rauben, sperrte es im Vatikan ein und ließ es im katholischen Glauben erziehen. Selbst die Bitten ihrer katholischen Majestät, des Kaisers Franz Joseph, fruchteten nichts, das Kind wurde nicht zurückgegeben.


Der Vatikan

Irrtümer und Untaten des Monarchen Pius IX. sind heute kaum noch bekannt, was in unsere Zeit hinüber wirkt, ist eine gewichtige Entscheidung geistlicher Natur des Papstes Pius IX. In einem Konzil ließ er das Dogma von der Unfehlbarkeit des Papstes erarbeiten und setzte es gegen den anfänglich großen Widerstand der Kardinäle durch. 1870, im Jahr des Verlustes seiner weltlichen Herrschaft, verkündete der Papst durch das Konzil: "Wenn der römische Bischof in höchster Lehrgewalt (ex cathedra) spricht, ... so besitzt er auf Grund des göttlichen Beistandes ... jene Unfehlbarkeit, mit der der göttliche Erlöser seine Kirche bei endgültigen Entscheidungen in Glaubens- und Sittenlehren ausgerüstet haben wollte." Wahrlich eine gewaltige Verankerung! Ein dank diesem Dogma mit der Eigenschaft der Unfehlbarkeit ausge-statteter Papst muss sich gleichsam wie ein Gefäß sehen, in das Gott höchstpersönlich seine Weisheit gießt und durch welches er diese dem Christenvolk mitteilt. Daher also die starre Haltung in Sittenfragen wie Empfängnisverhütung, Schwangerschaftsabbruch, Scheidung usw., die wir am Pontifikat Wojtila zur Kenntnis nehmen müssen. Das Dogma stattete das Papsttum mit einer Machtfülle aus, die bis dahin unerhört war, und Macht ist, was der polnische Papst liebt. Ja, wir haben Anlass zu glauben, dass es gerade das Wagnis dieses Dogmas war, das dem umstrittenen Pius IX die Seligsprechung einbrachte. Betrachten wir das bereits über 20 Jahre dauernde Pontifikat des polnischen Papstes, so setzt uns eines immer wieder in Erstaunen: der durchgehende Widerspruch zwischen Modernität und Traditionalismus.

Zwei Seelen wohnen in der Brust dieses Papstes. Während er durch die Form seiner Auftritte und wohl auch durch vieles Zeitgemäße und Zukunftsweisende in seiner Botschaft liberal denkende Menschen für sich gewinnt, bleibt er im Kern der Lehre reaktionär und unbeugsam. So brachte der vergangene Sommer die schöne Bitte um Vergebung, gerichtet vor allem auch an die Juden, für all das Unrecht, das im Namen der Kirche an ihnen begangen wurde. Kurz darauf aber folgte die Seligsprechung, von der hier zu reden war; und darauf das Schreiben „Dominus Jesus", worin der Primat der katholischen über die anderen christlichen Konfessionen bekräftigt wurde, nicht Schwestern seien sie, sondern Dienerinnen (ancillae). Unverkennbar ist, dass sich in den letzten Jahrzehnten der Griff der Kirche auf die Gesellschaft gelockert hat. Schon rein personell vermag diese Organisation nicht mehr den Aufgaben gerecht zu werden, die sie sich theoretisch immer noch stellt. Längst ist der Staat überall dort eingesprungen, wo die Kirche über Jahrtausende hinweg Bereiche des sozialen und geistigen Lebens besetzte - wir sprechen von Bildung und Schule, Krankenpflege und Armenfürsorge. Die Betreuung unseres Seelenlebens, früher vom Beichtvater wahrgenommen, ist in den Händen des Psychotherapeuten, und selbst die Sterbebegleitung, einst Domäne der Priester, wird von professionell ausgebildeten Laien besorgt. Für die moralische Führung ist das Strafgesetzbuch da, die Familienplanung besorgt die Pharmaindustrie. Unsere Weltanschauung ist geprägt von der siegreich voranstürmenden Wissenschaft, der die Kirche nichts entgegenzusetzen hat. Unsere Welt ist nicht schlechter geworden, seit die große Befreiung von geistlicher Bevormundung im Gange ist. Was also bleibt der Kirche? Verwirklicht sich die Wende hin zu einem atheistischen Weltbild und geschieht damit wiederum eine ganz große Zäsur im geistigen Leben der Menschheit nach dem Sich-Durchsetzen des Mono-theismus gegenüber dem Polytheismus in der so genannten Achsenzeit (zwischen 1000 vor und 500 nach Chr.)? Ist die katholische Kirche auf dem Wege eine Sekte zu werden? (Eugen Drewermann). Eines ist sicher. Wenn sie auf verlorenen Positionen beharrt und verlorene Positionen stur verteidigt, wird ihr Verlust an Einfluss und leider auch an Würde unaufhaltsam sein. Die Jubelmassen auf dem Petersplatz im heurigen Jubiläumsjahr dürfen uns über die wahre Lage nicht hinweg täuschen.