16. Jahrgang - Nr.5 November/Dezember 2000-erscheint zweimonatlich
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In dieser Ausgabe:
Ein Ritual ohne Inhalte
Zur Landesversammlung der SVP.
 
Wieviel Heimat braucht der Mensch?
Süd-Tirol zwischen Heimat und Un-Heimat.
 
Eine umstrittene Entscheidung
Die Seligsprechung des Giovanni Maria Mastai Ferretti, mit Papstnamen Pius IX. (Pontifikat 1846-78).
 
Die Natur ist trotzdem stärker
Die sogenannten Naturkatastrophen
 
Der Schuss ging nach hinten los
Die Landtagswahlen im Burgenland.
 
Rinderwahnsinn
Der Irrsinn der industrialisierten Viehwirtschaft
 
Wo gibt's die Leitkultur?
Dieser umstrittene Begriff ist nun auch in Südtirol angekommen und löst partei-politische Polemiken aus - es wäre der richtige Anlaß, um die kulturelle Tradition dieses Landes aufzuzeigen und über die Gestaltung der Zukunft nachzudenken

Letztendlich kommt alles auch in Südtirol an. Ob es sich um die Pille am Tag danach oder um den letzten Fleischskandal handelt, die meisten Themen, welche die deutschsprachige Öffentlichkeit bewegen, treffen irgendwann auch in unserem Lande ein. Manches wird in unserer provinziellen Atmosphäre allerdings deformiert und auch parteipolitisch zurechtgestutzt. So war zu erwarten, daß der umstrittene Begriff der Leitkultur, den der Fraktionsvorsitzende der CDU lanciert hat, früher oder später auch in Südtirol auftauchen würde. Wobei man gleich hinzufügen muß: der Begriff, der selbst in Deutschland mehr Unbehagen als Zustimmung gefunden hat, wirkt in unserem Lande noch realitätsfremder und unpassender.

Es liegt wohl in der politischen Absicht derjenigen, die diesen Begriff propagieren, den Anpassungswillen der Eingewanderten zu testen. Es besteht allerdings die Gefahr, daß sie damit sowohl bei der einheimischen Bevölkerung als auch bei den Zugewanderten eher Ängste und Vorurteile wecken. Dies um so mehr, als in nicht so ferner Zeit die Überbewertung des Deutschtums geradezu barbarische Züge angenommen hat. Es steht fest, daß die Masse der Menschen, die in den letzten Jahrzehnten nach Europa und speziell nach Deutschland eingewandert ist, erhebliche Probleme mit sich bringt. Neben den herbeigeholten Gastarbeitern und Fachkäften gibt es politische Asylanten, auch Wirtschaftsflüchtlinge, meist Menschen aus ganz anderen Kulturkreisen und mit anderen Sitten und Gewohnheiten. Es geht nun darum, daß diese Einwanderer ein gewisses Maß der Integration in ihrem Gastland erreichen, damit sie nicht als ständiger Fremdkörper wirken und zu immer neuen Konflikten Anlaß geben. Wenn man befriedigende Lösungen anstrebt, muß man mit diesem Themenkomplex vorsichtig umgehen und ihn aus den Emotionen parteipolitischer Wahlkämpfe heraushalten. Der mißverständliche Begriff der Leitkultur bringt sicherlich nicht weiter.


Das gilt nicht nur für Deutschland, sondern in noch größerem Ausmaß für Südtirol, wo die Verhältnisse ganz anders liegen. Hier geht es kaum um Einwanderung von Menschen aus anderen Kulturkreisen, sondern vielmehr um die Gestaltung des Zusammenlebens von Menschen verschiedener Sprache. Heute gibt es in Südtirol neben der deutschen und ladinischen Bevölkerung eine starke italienische Gemeinschaft, die seit der politischen Angliederung des Landes an Italien hier ansässig geworden ist. Das hat vor allem in der Vergangenheit zu erheblichen Spannungen geführt, weil diese Einwanderung besonders unter dem Faschismus unter kolonialistischen Vorzeichen erfolgt ist. Das heißt, daß diese Einwanderer sich nicht um die Traditionen, die Sitten, die Sprache der ansässigen Bevölkerung scherten und vielfach ihre Sprache und Traditionen den Hiesigen aufzwingen wollten. Mittlerweile ist diese Epoche längst überwunden, und die politische Absicherung der Autonomie der Provinz garantiert, daß die deutschsprachige Bevölkerung, dank ihrer numerischen Stärke die ihr zustehende maßgebliche Rolle spielt. Das funktioniert auch leidlich gut, und es gibt in beiden großen Lagern nur mehr nationalistische Randgruppen, denen dies nicht paßt.

Es ist also ein Problem der politischen Sensibilität und Klugheit, wie man das Zusammenleben der drei Volksgruppen gestaltet. Wenn der Abgeordnete Pöder von der Union für Südtirol nun plötzlich eine Leitkultur für Südtirol einfordert, so leistet er der Sache des Zusammenlebens keinen guten Dienst. Wenn er damit meint, daß die Zugewanderten - da schließt er wohl die Italiener ein -, sich besser als bisher mit der Geschichte, der Tradition, der deutschen Sprache vertraut machen sollen, ist das annehmbar, aber er muß es schon präzisieren. Ansonsten klingt diese Forderung wie eine Provokation, die nur Konflikte auslöst.

In diesem Zusammenhang erhebt sich die Grundfrage, ob es eine tirolische Kultur überhaupt gibt und wie sich diese äußert. Es kann wohl nicht jene folkloristische Mischung aus Schuhplattlern, Bergfexen, Alpenglühen, Touristenburgen, Speckknödeln, Edelweiß, Törggelen und Schnadahüpfelsingern gemeint sein, wie sie von gewissen Medien immer wieder präsentiert wird. Selbst in dieser Betrachtung müßte man eine Unterscheidung zwischen Nord- und Südtirol treffen, denn während Nordtirol ein rein deutschsprachiges Gebiet ist, leben in Südtirol drei verschiedene Sprachgruppen zusammen.

Das wäre ein guter Anlaß, um über die historische Tradition Tirols und seine Kultur nachzudenken, als seine Grenzen noch von Kufstein bis Ala reichten, es also ein multinationales Gebiet innerhalb des Vielvölkerstaates der Habsburger war. Es ist heute noch fraglich, ob man überhaupt von einer österreichischen Nation sprechen kann, unbestritten ist aber, daß es eine österreichische Kultur gegeben hat, die nicht nur Tirol, sondern Europa geprägt hat. Verschiedene Völker bekannten sich damals zu einer Serie von gemeinsamen Werten und Gesetzen. Die Habsburger, die sich als deutsche Fürsten betrachteten, fungierten in diesem großen multinationalen Reich als dynastische Klammer, und Deutsch war auch die dominante Sprache.

Heute sind von dieser österreichischen Kultur nur noch Reste übrig, denn das multinationale Reich und seine Träger sind vom Nationalismus hinweggefegt worden. Einer der Hauptakteure in diesem Zerstörungswerk war der Österreicher Hitler, der in seiner Halbbildung und seinen rassistischen Wahnideen gefangen war. Bezeichnend für sein Wirken ist, daß durch ihn und seine Nazis das deutsche Siedlungsgebiet in Europa um ein Drittel verkleinert worden ist und die deutsche Kultur wesentlich an Ansehen und Autorität verloren hat.


aus "Pogrom"

Die Südtiroler Sozialdemokraten haben immer wieder versucht, im Zeichen des Zusammenwachsens Europas an die Geschichte des multinationalen Tirols anzuknüpfen, hatten dabei aber wenig Erfolg. Der Faschismus und speziell der Nationalsozialismus haben das geschichtliche Bewußtsein der hiesigen Bevölkerung, soweit es überhaupt vorhanden ist, radikal verändert. Man könnte sogar sagen, daß die geschichtliche Erinnerung an die österreichische Zeit in gewissen Kreisen des Trentino viel lebendiger ist als in Südtirol.

Für die überwiegende Mehrheit der Südtiroler endet das Land in Salurn, im Norden übrigens am Brenner. Man ist nicht neugierig was ãda unten" passiert. Das gilt nicht nur für die politischen Institutionen, sondern leider auch für jede Form der kulturellen Betätigung. So wurde jede Zusammenarbeit mit der Universität Trient von der Südtiroler Volkspartei abgelehnt, obwohl etliche deutschsprachige Südtiroler dort studieren. Die Folge dieser Haltung ist eine Kulturauffassung, die vielfach in einem miefigen engstirnigen Provinzialismus mündet. Diesen auch noch als patriotische Leitkultur anderen aufzuzwingen wäre das Letzte, was dieses Land braucht.

Egmont Jenny

e-mail-Adresse: Egmont.Jenny@dnet.it