16. Jahrgang - Nr.5 November/Dezember 1999-erscheint zweimonatlich
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In questo numero:
Immersionsunterricht.
 
75 Jahre.
 
Hosp
 
Gesundheitsdienst
 
Nationalratswahlen
 
Die Herausforderung
Zur Lösung der anstehenden Probleme des Landes müssen die Südtiroler, vor allem die deutschsprachige Mehrheit, Vorstellungen und Konzepte entwickeln, welche die Eigenständigkeit und die territoriale Dimension der Autonomie unterstreichen

Toponomastik und Unterricht der Zweitsprache werden in der nächsten Zeit die Diskussion im Landtag beherrschen. Diese Probleme stehen seit langem an und müssen endlich einer Lösung zugeführt werden. Was die Toponomastik betrifft, muß man zum Verständnis der Materie einige Erläuterungen vorausschicken. Im Zuge seiner nationalistischen Eroberungspolitik hat der italienische Staat in der Zeit des Faschismus alle deutschen Namen abgeschafft, zuerst betraf es nur die Ortsnamen, später auch die Flur-und Hofnamen. Die Absicht war eindeutig: man wollte nachträglich die Geschichte "korrigieren" und alles Deutsche auslöschen. Das ging so weit, daß man die deutschsprachigen Einwohner des Landes schlechthin als "allogeni". als eine Art von Eingeborenen bezeichnete. Diese Neubenennung erfolgte meist in willkürlicher, völlig unwissenschaftlicher Art, weil einfach jeder Bezugspunkt fehlte. Natürlich war jeder Hinweis auf Tirol verboten und statt dessen wurde die von den Franzosen im Jahre 1810 geschaffene Bezeichnung "Alto Adige" aus der Versenkung geholt. Dabei kamen Sprachschöpfung heraus, die geradezu lächerlich wirken: das reicht von dem als "Vetta d´Italia" benannten Glockenkarkopf in den Ahrntaler Bergen bis zur sogenannten "römischen Brücke" in Meran, die auf deutsch schlicht als der "steinerne Steg" über die Passer führt. Mit der Wiederherstellung der Demokratie und der Verwirklichung der Autonomie kamen die deutschen Namen wieder in Verwendung, allerdings gelten offiziellbis heute nur die italienischen Bezeichnungen, die deutschen Namen sind rechtlich nicht abgesichert. Es hat ja eine ganze Weile gedauert bis aus der Region Trentino-Tiroler Etschland wieder der richtige Name Trentino -Südtirol geworden ist. Das bestätigt, welche Emotionen die Behandlung dieses Problems noch heute auslöst. Das gilt vor allem für große Teile der italienischen Bevölkerung, die in der Änderung der bisherigen Toponomastik den Versuch sehen ihre Präsenz abzubauen. Man muß allerdings hinzufügen, daß gewisse unglückliche Initiativen auf deutscher Seite dazu beigetragen haben, diesen Eindruck zu verstärken. Dabei geht es im Grunde genommen um die Beseitigung einer Geschichtsfälschung und um die längst fällige Wie-dergutmachung einer faschistischen Willkürmaßnahme. Leider haben selbsternannte, Experten, Wichtigmacher und Nationalisten beider Lager das Problem immer wieder dazu benützt, um darauf ihr politisches Süppchen zu kochen Wenn man diese politischen Agitatoren ausschließt, müßte es durchaus möglich sein, eine Lösung zu finden, die für alle Sprachgruppen annehmbar ist Von den verschiedenen bisher vorgelegten Vorschlägen erscheint mir derjenige, wonach neben den italienischen Namen die deutschen Bezeichnungen einfach angefügt und diese somit legalisiert werden, nicht befriedigend. Das hieße nationalistische Arroganz und Geschichtsfälschung im nachhinein zu bestätigen.

Ein weiterer Vorschlag sieht vor, die Anführung beider Namen an die Konsistenz der jeweiligen Minderheitsgruppe in einer Gemeinde zu binden. In Österreich wurde eine solche Lösung unter der Regierung Kreisky für die slowenische Minderheit in Kärnten erarbeitet. Es kam dabei zu erheblichen Unstimmigkeiten und sogar gewalttätigen Reaktionen, die eine korrekte Umsetzung in der Praxis bis heute unmglich machten..

Auch für Südtirol würde ein solcher Plan die ethnischen Gegensätze nur anheizen, ständig würde nachgerechnet, ob die vorgesehene Quote der sprachlichen Minderheit noch besteht. Das Ganze wäre ein dankbares Exerzierfeld für alle diejenigen Politiker, deren politisches Überleben nur auf solchen Agitationskampagnen aufbaut.

Am praktikabelsten erscheint mir die Formel, die kürzlich LH Durnwalder in Aussicht gestellt hat. Demnach sollen ca. 600 italienische Namen übernommen werden. Die Mikrotoponomastik soll dagegen den Gemeinden überlassen bleiben, wobei ich noch hinzufüge, daß bei Flur- und Hofnamen eine italienische Bezeichnung kaum berechtigt wäre. Das sind durchwegs Phantasienamen, die nicht die geringste Berechtigung haben. Es ist auch denkbar, daß die Italiener von sich aus eine Liste von Namen vorlegen, die unbedingt zweisprachig sein sollen - so hat es ein auf der SVP-Liste gewählter italienischer Gemeinderat von Waidbruck vorgeschlagen. Auf jeden Fall wird es eine Kompromißlösung sein, die bei gegenseitig gutem Willen durchaus erreichbar ist.

Wie eine historisch gewachsene und von keinerlei politischen Machtansprüchen beeinflußte Toponomastik aussieht, das zeigt meine Geburtsheimat Vorarlberg. Dort hat die ursprüngliche raetoromanische Bevölkerung das Land "benannt". Als dann später germanische Stämme (Alemannen und Walser) das Land in Besitz nahmen, haben diese die raetoromanischen Namen einfach übernommen. Bezeichnungen wie Fontanella, Faschina, Valduna und viele andere sind der Beweis dafür. Es konnte dabei vorkommen, daß diese Namen, weil die Neuankömmlinge ihren Sinn nicht verstanden, leicht verändert oder verballhornt wurden, aber nie hat jemand daran gedacht, diese raetoromanischen Bezeichnungen durch "deutsche" zu ersetzen.

Nicht weniger emotionsgeladen ist das Problem des Unterrichtes der zweiten Sprache in den Schulen Südtirols. Darüber wird im Rahmen dieser Zeitung Frau Dr. Höglinger in kompetenter Weise berichten. Ich möchte dabei lediglich den langwierigen politischen Werdegang dieser Entwicklung in Erinnerung rufen,. denn darin spiegeln sich die konfliktreichen Beziehungen der Volksgruppen.. Auf deutscher Seite dominierte das Mißtrauen und die Angst der Nationalstaat wolle eine schleichende Entnationalisierungspolitik fortführen.

 Südtiroler Landtag - hier fällt die Entscheidung (Bild)

Auf italienischer Seite wurde die Frage lange Zeit unterschätzt, man wollte nicht verstehen, daß der Zweisprachennachweis in Wirklichkeit weitaus mehr ist, als nur eine vom Autonomiestatut vorgesehen Hürde zur Erreichung eines Landespostens.

Die Zielsetzung einer wirklich zweisprachigen Gesellschaft ist nämlich für die weitere Entwicklung in Südtirol von grundsätzlicher Bedeutung. Neben der Erleichterung der gegenseitigen Kommunikation geht es darum, durch die Beherrschung der Sprache des "Anderen" ein besseres Verständnis für dessen Traditionen, Vorstellungen und Lebensart zu fördern. Damit werden auch Vorurteile und gegenseitige Aggressionen abgebaut, es könnte sich daraus endlich eine größere geistige Offenheit und auch eine gewisse kulturelle Eigenständigkeit Südtirols entwickeln.

Übrigens werden in einer perfekt zweisprachigen Gesellschaft die Freiheit und die Chancen des einzelnen Bürgers verbessert. Es wird vor allem von seiner Tüchtigkeit abhängen, ob er einen gewissen Posten erringt. Dadurch wird der jetzt gültige ethnische Proporz, der sehr oft von den politischen Parteien manipuliert und mißbraucht wird auf Dauer hinfällig. Ebenso wichtig erscheint mir ein anderer Aspekt: der perfekt zwei- oder, wenn man das Ladinische einbezieht, dreisprachige Bürger Südtirols kann um so leichter entscheiden, welcher ethnischen Gemeinschaft er in Zukunft angehören will.

Mit Genugtuung stelle ich fest, daß sich besonders in der Jugend die Dinge ändern. Als ich vor einigen Tagen in einem öffentlichen Amt eine Beamtin auf Deutsch ansprach, antwortete mir diese korrekt in derselben Sprache. Nur an ihrem Akzent merkte ich, daß sie eine Italienerin war. Nun wechselte ich eher unabsichtlich ins Italienische, aber sie ließ sich nicht beirren und führte die Konversation beharrlich in einem absolut einwandfreien Deutsch fort. Ich verstand die Lektion und war über diesen Vorfall hoch erfreut.

Egmont Jenny

 

Thema Immersionsunterricht
von Elisabeth Höglinger

Zwei Nachrichten in der morgendlichen Informationssendung des Senders Bozen. Die Schützenkompanie Eppan hat sich darüber aufgeregt, dass in der Eppaner Pfarrkirche einmal monatlich ein Gottesdienst für die italienische Volksgruppe, also auf Italienisch abgehalten werden soll. In Schloß Maretsch findet eine Tagung über das Thema " Südtirols Jugend auf dem Weg zur multikulturellen Gesellschaft" statt.

Hin und her gerissen zwischen diesen Spannungspolen sucht Südtirol seinen Weg in die Zukunft. Bei der Ankündigung der Tagung war auch von der Forderung nach Immersionsunterricht die Rede, in diesem Zusammenhang ein fast selbstverständliches Anliegen. Obwohl der Begriff in aller Munde ist, erscheint es mir notwendig, ihn kurz zu erklären.

Immersion: eintauchen, eingetaucht werden in eine Sprache , die man nicht kennt, voll damit umgeben sein wie von den Fluten des Wassers, wenn man, ohne schwimmen zu können, aber eben um es rasch zu erlernen, in ein Gewässer geworfen wird. Immersion auf das Sprachlernen bezogen, wird in Schulen Kanadas und Finnlands praktiziert, ja die Methode ist auch in Südtirol nicht neu. Die Elfjährigen aus Gröden und dem Gadertal, die in die geistlichen Internatsschulen Johanneum oder Vinzentinum kamen, erfuhren eine gezielte Immersion ins Deutsche, schmerzhaft vielleicht, aber wirksam. Die Einführung des Immersionsunterrichtes wird von italienischen Eltern- und Lehrerverbänden seit dem Wirksamwerden des zweiten Autonomiestatuts, also seit 25 Jahren, für die italienische Volksgruppe regelmäßig verlangt. Ebenso regelmäßig lehnen die politischen Vertreter der deutschen Volksgruppe, die aus numerischen Gründen für alle Bewohner des Landes das Recht auf Entscheidung beanspruchen, ab. Zuletzt stellte Luisa Gnecchi, Landesrätin für die italienische Schule, bei einer Klausur der Landesregierung im Gadertal diese Forderung, ihre Kollegin vom deutschen Ressort konnte offenbar nicht anders, als sie dabei im Stiche zu lassen. Und der Landeshauptmann redete ihr väterlich zu, man wolle alles machen, damit die Italiener das Deutsche gut erlernen, nur eben eine Immersion, und sei es bloß für die italienische Schule - nein!

Immersion ist zwar theoretisch ein klar definierter Begriff, ihre Verwirklichung in der Praxis jedoch nicht immer einfach. Die Forderung der Italiener geht in eine eindeutige Richtung, mit Immersion ist das Abgehen vom Unterricht der zweiten Sprache (Lingua 2, kurz L2) als reines Unterrichtsfach und ihre Anwendung als Unterrichtssprache gemeint. Das ist so zu verstehen: bisher werden in allen Schultypen alle Fächer auf L1 (Muttersprache) unterrichtet. Die Zweitsprachen -Deutsch für die Italiener und Italienisch für die Deutschen - dagegen sind lediglich Unterrichtsfach, der Einsatz der L2 ist also auf eben diesen Fachunterricht beschränkt. Um ein rascheres Erlernen der Zweitsprache und einen umfassenderen Wortschatz zu garantieren, wird verlangt, dass in der italienischer Schule beispielsweise das Fach Geografie auf Deutsch unterrichtet werde. Das wird vielfach in Europa praktiziert, z.B. mit Englisch, und ist selbst in Südtirol nicht neu. So ist die Schule in den ladinischen Tälern seit 1948 rigoros zweisprachig, mit Unterrichtssprache Italienisch bzw. Deutsch.

Die Landesregierung lehnt die Einführung der Zweiten Sprache als Unterrichtssprache (Immersion) mit der Berufung auf Art. 19 des Autonomiestatuts ab. Dieser zentrale Artikel unseres "Grundgesetzes" besagt, daß die deutsche und die italienische Volksgruppe das Recht auf Unterricht in der eigenen Muttersprache hat (bei der ladinischen Volksgruppe werden die Verhältnisse schon komplizierter). Dieser zum Dogma hochstilisierte Art. 19 hat herhalten müssen für unbegreifliche Maßnahmen der Trennung von Schülern der beiden Volksgruppen im Laufe der Zeit (Verbot von Schulbesuchen in der je anderen Schule, Verbot von Simultanunterricht von L1- und L2- Lehrern. Ein Urteil des Verwaltungsgerichtshofes (TAR) vom vergangenen Jahr (4.12.98) hat diese einschränkende Interpretation der Geltung von Art. 19 korrigiert, die Schüler haben nicht bloß das Recht auf Unterricht in der eigenen Muttersprache, sondern auch jenes auf Unterricht in der Zweitsprache. Und damit ist wohl auch das Recht auf dessen bestmögliches Erlernen gemeint.

Den Italienern in Südtirol ist es mit der Erlernung des Deutschen zweifellos ernst. Haben sie in den Anfangsjahren des zweiten Autonomiestatuts deutsche Grammatik und deutsche Verwaltungsvokabeln gebüffelt, um den gottverdammten Patentino, die Zweisprachigkeitsprüfung, zu schaffen und dadurch die proportional zustehenden Stellen im öffentlichen Dienst zu ergattern, so eröffnen gute Deutschkenntnisse heute, infolge der zunehmenden Wirtschaftsintegration Europas und durch die Einbindung der ehemaligen Ostblockländer in diesen prosperierenden Raum ungeahnte Perspektiven für junge Arbeitsuchende Menschen. Das zentrale wirtschaftlich starke Europa spricht Deutsch. Dabei ist nicht nur an jene Länder zu denken, wo Deutsch Landessprache ist, sondern auch an jene, die zur Einflußsphäre dieser Sprache gehören, wie die Beneluxländer oder viele Länder des ehemaligen Habsburgerreiches. Wer möchte die Chance missen, diese Sprache bequem und gut in der Schule zu erlernen?

An diesem Knackpunkt, dem Art. 19 und dem Erlernen der Zweitsprache, sehen wir die Interessen der italienischen und der deutschen Volksgruppe auseinanderlaufen. Man kommt jedoch nicht weiter, wenn man den anderen nur Autoritarismus, Machtgier, Phobien unterstellt, will man ein Verhalten begründen, das bei Außenstehenden nur Verständnislosigkeit hervorruft. Denn absurd muß es jedem Beobachter erscheinen, dass die deutschen Südtiroler ihren italienischen Landsleuten andauern vorwerfen, sie könnten nur schlecht Deutsch, ihnen dabei aber gleichzeitig den Weg versperren, den diese als wirksame Methode erachten, es zu erlernen.

Man muß davon ausgehen , dass Sprache für eine ethnische Minderheit, die sich durch die Sprache definiert, etwas anderes bedeutet, als für ein Staatsvolk. Ist sie für dieses selbstverständliches Mittel der Kommunikation, das nicht weiter in Frage gestellt wird, so ist sie für die Minderheit Wesensmerkmal, denn ohne diese spezielle Sprache - keine Minderheit. Daraus erklärt sich auch die Urangst vor Sprachverlust, er käme nämlich einem Selbstverlust gleich. Und diese Angst treibt die sonderbarsten Blüten Wie anders als durch Angst könnte ein förmliches Verbot für deutsche Schüler, bei öffentlichen Veranstaltungen wie dem Martinsumgang italienische Lieder zu singen, ausgesprochen durch den Landesrat für Schule und Kultur, begriffen werden? Haben die deutschen Schüler Grund, um ihre Sprache zu fürchten? Wir glauben, dass sie nicht mehr besorgt sein müssen, wenigstens , was die äußeren Bedingungen betrifft.

Der Gebrauch des Deutschen ist durch Verfassungsgesetz abgesichert, ein ausgebildetes Schulsystem garantiert die Erlernung der Standardsprache, der Stellenwert des Deutschen steht außer Frage nach dem Trauma des Faschismus und der postfaschistischen Nachwehen, als die Muttersprache aus der Öffentlichkeit verdrängt wurde.

So viel müssen wir als Sprachminderheit uns aber vor Augen halten: Sprache ist kein einmaliges Geschenk, daher darf man ihre Beherrschung nicht vernachlässigen, vielmehr muß man sich durch bewußtes Üben und Pflegen ihre Qualität und Aussagekraft täglich neu erobern. Unsere italienischen Landsleute,die gutes Standarditalienisch sprechen , sind für uns keine Gefahr, im Gegenteil, ihr Wille, sich auch die deutsche Standardsprache anzueignen, sollte für uns ein Ansporn sein, über unser Sprachverhalten nachzudenken, uns unserer Sprache zu vergewissern.

Elisabeth Höglinger

 

Dr. Egmont Jenny: 75. GEBURTSTAG
Am 7. Oktober feierte Dr.Egmont Jenny seinen 75. Geburtstag. Jenny, von Beruf Arzt, ist seit 1960 auch als Publizist und Politiker in Südtirol tätig. 1964 im Rahmen der SVP in den Südtiroler Landtag gewählt gründete er 1965 den "Arbeitskreis für sozialen Fortschritt" mit dem Ziel einen sozialdemokratischen Flügel in der Sammelpartei zu etablieren. Das kostete ihn den Ausschluß aus der SVP. Er gründete nunmehr mit anderen Gesinnungsfreunden die Soziale Forchrittspartei Südtirols und wurde deren Vorsitzender. Von 1964 bis 1968 und von 1973 bis 1978 war Jenny Mitglied des Südtiroler Landtages. Seit 1985 redigiert er die "Südtiroler Nachrichten".

Zur Geburtstagsfeier waren zahlreiche Verwandte und Freunde gekommen, darunter auch etliche Vorstandsmitglieder der ehemaligen SFP. Aus Wien war Nationalratspräsident a.D. mag Leopold Gratz angereist. Gratz hat als Zentralsekretär der SPÖ, dann als Unterrichtsminister, Bürgermeister von Wien und Nationalratspräsident sich stets um die Belange Südtirols und speziell der Südtiroler Sozialdemokraten gekümmert. Gratz überbrachte Jenny eine herzliche Glückwunschadresse des Bundesvorsitzenden der SPÖ Klima, sowie des Bundesgeschäftsführer der SPÖ Rudas. Sehr persönliche, herzliche Glückwunschbriefe hatten der ehemalige Bundeskanzler Fred Sinowatz sowie Nationalratspräsident Heinz Fischer geschickt.

 

Hosp
Bruno.hosp@provinz.bz.it

Süd-Tirols kulturelle Fitneß fürs nächste Jahrhundert

von Gerhard Riedmann

Kulturlandesrat Dr. Bruno Hosp veröffentlichte im Wahlkampf 1998 in einer Hochglanzpapierbroschüre seine (prophetischen) "Zehn Thesen zur kulturellen Zukunft". Darin waren "Stabilität", christliche "Spiritualität" und "Professionalisierung der Strukturen" Leitbegriffe. Nach erfolgreich geschlagener Schlacht schiebt er "Kultur braucht Innovation" als ergänzenden Teil nach. Darin entschält er seine Vision von Kultur. Diese geistigen Ergüsse sind eine (unbeabsichtigte) Bestätigung des eigenen Versagens. Nach zehnjähriger und zu Beginn der dritten Amtszeit ("Meine letzte Legislaturperiode") wird sich der Kulturlandesrat bewußt, daß der Motor der Kultur "Innovation", "Modernisierung" und "Professionalisierung der Kultur" sind. Einem "aktualitäts- und zukunftsbezogenen Reflexionsteam von Manager-Direktoren und Kulturfachleuten", alle "unverbraucht" und mit "Feuer im Blut", obliegt es, die aus zwölf Innovationsschwerpunkten bestehende Vision des 61jährigen Hosp für das "nächste Jahrhundert" zu verwirklichen. Hosps Papier platzt von modernistischem Geschwafel, die Vorstellungen sind realitätsfern und die Begriffe beliebig. Der Kulturbegriff ist so weit gefaßt, daß sogar der Alkoholismus darin Platz fände. Der Kulturlandesrat tut so, als verkündete er ewige Wahrheiten. Nimmt man seine Äußerungen unter die Lupe, so entpuppen sich diese als Verschlampungen und Versäumnisse. Warum entwickelt er erst im elften (von fünfzehn) Mandatsjahr seine zwölf "Strategien", um Süd-Tirols Kultur für das "nächste Jahrhundert" fit zu machen?

Einleitend bedauert Hosp, daß die Süd-Tiroler "Kulturlandschaft längst nicht mehr aus einem Guß gemacht ist". Welche Kulturlandschaften waren "aus einem Guß gemacht"? Steht Süd-Tirols Volkskultur tatsächlich "auf (so) sicheren Fundamenten", daß sie auf "die verschiedensten Instabilitäten" stabilisierend wirkt? Vollmundig ist sein Modell von "grenzübergreifenden kulturellen Projekten" zur kulturellen Einigung Europas. Oh, du meine Güte! Endlich erkennt Hosp, daß die Jahrzehnte lang propagierte These der Brückenfunktion Süd-Tirols eine Fiktion ist. Wie hätten europäische Großkulturen über einen wackligen Steg zueinander finden können? Kann eine Provinz, deren Denken und Handeln auf D-Mark und Schilling fixiert ist, die Begegnung europäischer Großkulturen fördern? Definiert Hosp nicht die "Regionalkultur" als "konkrete Kultur", während die "Weltkultur" nach ihm "Massenkultur" ist?

Des Kulturlandesrates Leitbegriffe stehen im Widerspruch zu seinem politischen Handeln. Er plädiert für "konzentrierte Vielfalt" und "produktive Konkurrenz", er, der sich für Einheitskultur und Gießkannnenförderung schlug. Bislang kamen alle Auszeichnungen und Preise aus Deutschland, Österreich und Tirol ins Land, in Hinkunft sollen im Sinne "symbolischer Verdichtung" Landeskulturpreise gestiftet werden
Jetzt soll kommerziell verwässerten Kulturaktivitäten der Garaus gemacht werden. Muß sich Hosp nicht am eigenen Schopfe packen, wenn er jetzt feststellt, daß seit 1988 das "Geld" zu einem "Erschlaffen der Diskussionsvitalität und der Diskursivitätskultur" geführt hat? Wie kann er wissen, daß in anderen Regionen die Chancen, "Kommunikationskultur" zu leisten, vertan sind, nur in Süd-Tirol nicht, weil sich das Land in einer "Schwellensituation" befindet, welche Vernetzung zwischen "hochkarätigen Kultureinrichtungen auf sehr kleinem Raum" ermöglicht. Symptomatisch ist, daß der internationale Dialog über Mumienforschung von Süd-Tirol ausging. Auf in die Urzeit! In seiner Schrift, die sich wie sein geistiges Vermächtnis liest, gewichtet Hosp die einzelnen Kapitel unterschiedlich: die "Frau" sind ihm ganze zehn und die "Jugend" ganze sieben Zeilen wert. Über die "Landesuniversität" Innsbruck und das "Vaterland" Österreich verliert er keine einzige Silbe. Wo bleibt sein Realitäts-, Geschichts- und Heimatbewußtsein? Heilloses Herumgeirrlichterliere! Wenn der Kulturlandesrat verlangt, die kleinlichen Polemiken um das neue Stadttheater einzustellen, muß er sich die Frage gefallen lassen, warum er keine Gelegenheit ausließ, gegen den Theaterbau zu wettern und Kritiker der Vereinigten Bühnen Bozen zu diffamieren. Meisterlich führt er seine Kulturpolitik ad absurdum. Absurd der Begriff "Professionalisierung der Kultur". (Muß man z.B. den "Faust" professionalisieren)? Absurd die Forderung, an der Universität Bozen eine neue "Disziplin" einzurichten, die "Recht, Wissenschaft und Politik in einer neuen Weise vernetzt, um Leitbegriffen wie Ganzheitlichkeit und Nachhaltigkeit gerecht werden zu können." Absurd, den Italienern Bedingungen für eine Kooperation zu diktieren, und noch absurder die Ansicht, die Italiener in Süd-Tirol seien in ihrem Identitätsfindungsprozeß erst dort, wo wir in den siebziger Jahren seien. Wo siedelt uns Hosp heute an? Wann je hat er (und die SVP) die Süd-Tiroler Identität konkret zu definieren versucht? Haben sich die Italiener im Lande wirklich der "Modernität" verschwören müssen, weil ihnen der "traditionelle Unterbau" fehlt? Worin liegt deren "Modernität"? An Naivität kaum zu überbieten Hosps Vorstellung von einer "politischen Interdisziplinarität", deren Vorreiterin seine eigene Kulturpolitik ist. Diese würde die "größten Schwächen der Politik" beseitigen, die "derzeit in ihrem zerstückelten ... eindimensionalen Agieren" und in deren Blindheit für "Komplexität und Zusammenhänge" lägen. Verschiedene Formulierungen in "Kultur braucht Innovation" könnte man als ironisch-witzig verstehen, wären sie nicht ernst gemeint. Etwa wenn Hosp "Kämpfe im Ideellen" fordert, um die rasche "Zellteilung" der modernen Kulturszene zu stoppen und durch Konkurrenz den "natürlichen Auslese"-Prozeß nicht zu behindern. Das ist Kulturdarwinismus und unehrlich, denn was er "natürliche Auslese" nennt, ist gezieltes Unterdrücken Mißliebiger und Förderung Anpassungswilliger.

Hosps geistige Ergüsse könnten abstruser und modernistisch gespreizter nicht sein. Und eine an Vermessenheit grenzende Überschätzung eigener Möglichkeiten.

 

SÜDTIROLS GESUNDHEITSWESEN KRITISCH BEURTEILT
Saurers Reglementiertes System

Der Präsident des Südtiroler Wirtschaftsringes Masten hat die Südtiroler Sanität entdeckt und prangert - zu Recht - ihre vielfachen Mängel an. Zur Behebung dieser Zustande konnte er allerdings keine konkreten Vorschläge anbieten, es blieb bei den aktuellen Schlagworten der Privatisierung, Flexibilisierung usw. Die Diskussion scheint sich zu einem innerparteilichen Streit in der SVP auszuweiten, weil die sogenannten "Arbeitnehmer" endlich wieder ein Thema haben, an dem sie ihre Existenzberechtigung als sozialer Flügel beweisen möchten. Damit sind sie allerdings auf dem Holzweg, denn gerade das Südtiroler Gesundheitswesen beweist, wie unsozial, ineffizient und ungerecht ein System in der Hand ideologiefixierter Politiker und zentralistischer Bürokraten werden kann. Übrigens ist dies bereits vor Jahren in dieser Zeitung aufgezeigt worden.

Nun zur Sache. Das Südtiroler Gesundheitswesen ist das Produkt einer jener italienischen Reformen, die letztlich an ihren falschen Vorgaben und an ihrer Praxisferne scheitern. Der Staat schaffte das Krankenkassensystem ab und übernahm selbst die Neuordnung des Gesundheitsdienstes. Die SVP stieg dabei mit Begeisterung in dieses System ein, das ihr endlich die Kontrolle über einen weiteren Sektor der Gesellschaft ermöglichte. Seither hat die Landesregierung alles unternommen, um die Privaten zu verdrängen, die Zügel straffer anzuziehen und das Ganze zentralistischer zu gestalten. Wahrscheinlich ist Südtirol heute in diesem Bereich - zusammen mit Kuba - eine der letzten kommunistischen Bastionen!

Das Gesundheitswesen artikuliert sich in drei Ebenen, die jeweils eigene spezifische, Aufgaben haben, jeweils auch teurer sind und sich deshalb sinnvoll ergänzen müssen. Zuerst kommt die Versorgung durch den Hausarzt (bei uns Basisarzt), dann kommt die Ebene der Fachärzte und schließlich das Krankenhaus.

Bereits bei den Basisärzten erweist sich das System als extrem leistungsfeindlich und deshalb ineffizient. Bei jedem Basisarzt können sich maximal 2000 Bürger einschreiben und er erhält für jeden einen fixen jährlichen Betrag, ganz unabhängig davon, ob und wie oft der Patient den Arzt in Anspruch nimmt.

Es gibt auch keinerlei Leistungsanreize für zusätzliche Maßnahmen des Arztes: die Folge ist, daß der Basisarzt, der auch in wirtschaftli -cher Hinsicht das Grundelement des ganzen Systems sein sollte, zum meist frustrierten Schreiber von Rezepten, Bescheinigungen und Zuweisungen degradiert worden ist. Das bedingt, daß eine ganze Reihe von Dienstleistungen, die dem Basisarzt zustehen, unnötigerweise auf die beiden anderen Ebenen der Fachärzte und der Krankenhäuser abgeschoben werden, was eine erhebliche und vermeidbare Verteuerung des Dienstes mit sich bringt.

Auf der Ebene der Fachärzte zeigt das System sein arrogantestes Gesicht. Seit Jahren ignoriert der Gesundheitsplan des Landes systematisch die gesamte private Medizin, ja man versucht sogar diese ständig einzuschränken, indem die fachärztliche Betreuung der Bevölkerung den Poliambulatorien der Krankenhäuser übertragen wird. Unter dem verlogenen Motto "dort kostet es nichts" werden die Basisärzte angewiesen ihre Patienten zur fachärztlichen Behandlung dort einzuweisen. Das geschieht um so leichter, als damit auch die Verantwortung abgegeben werden kann und der Patient dort "verschwindet". Um den Krankenhausärzten diesen Dienst in den Poliambulatorien schmackhaft zu machen hat der Gesetzgeber vorgesehen, daß diese ihre Bezüge durch die Tätigkeit im Ambulatorium verdoppeln können. Diese Maßnahme, die im Widerspruch zur Hauptaufgabe der Krankenhausärzte steht, wurde mit der Begründung der Kosteneindämmung getroffen. Vor Jahren wurde in einem Interview der Direktor des Bozner Krankenhauses Kob nach dem Budget der Poliambulatorien gefragt., er antwortete, er sei nicht in der Lage dies detalliert aufzuschlüsseln. Die Auskunft ist sicherlich falsch, in Wirklichkeit scheut man sich die enormen Kosten dieser Poliambulatorien bekannt zu geben. Der Vergleich mit der auf individuelle Leistung und Sparsamkeit bedachten Tätigkeit der privaten Fachärzte wäre vermutlich sehr aufschlußreich. Natürlich sind diese Poliambulatorien längst nicht mehr in der Lage ihre Aufgaben zeitlich zu bewältigen, Wartezeiten von Monaten sind an der Tagesordnung und nur der Tätigkeit der sonst ignorierten Privatmediziner ist es zu verdanken, daß die Lage in diesem Sektor nicht explosiv geworden ist.

Trotzdem weigern sich Saurer und die Präsidenten der Sanitätseinheiten die bereits jetzt vom Gesetz vorgesehenen externen konventionierten Facharztestellen zu besetzen. Diese externe Konventionierung Privater mit der jeweiligen Sanitätseinheit war für die öffentliche Hand günstig, denn der Arzt mußte den meist aufwendigen technischen Aufwand selbst bereitstellen. Der Patient hatte dadurch eine echte Alternative und es ergab sich daraus ein gewisser Wettbewerb. Offenbar wünscht man dies nicht, man möchte statt dessen fixbezahlte Fachärzte als Angestellte der Sanitätseinheiten aufnehmen.

Von der letzten Stufe des Gesundheitswesen, den Krankenhäusern ist ebenfalls Kritisches zu hören. Gerade durch das Versagen und die vollkommen fehlende Koordination in den beiden ersten Ebenen - Basis und Facharzt - werden dem Krankenhaus Leistungen aufgebürdet, die ihm nicht zustehen, die aber zur unnötigen Verteuerung wesentlich beitragen. Wir alle kennen eine Reihe von Fällen, wo Patienten ohne zwingenden Grund stationär aufgenommen werden, Das bedeutet pro Patient täglich Kosten von 700 000 Lire. Dazu kommen die vielfach chaotischen Zustände in der Ersten Hilfe, die mangelhafte Koordination zwischen den verschiedenen Abteilungen, die unnötige Wiederholung von Untersuchungen, die beamtenhafte Einstellung von Teilen des Personals. Über alle diese Fragen ist bereits gesprochen worden, als Dozent Königsrainer das Primariat in Bozen wieder verlassen hat, um an die Universitätsklinik Innsbruck zurückzukehren. Weder Herr Saurer noch einer seiner Beamten hat sich damals bemüßigt gefühlt, darauf einzugehen und eine Stellungnahme abzugeben.

Selbst jetzt, wo es deutlich wird, daß 22% des Südtiroler Landesbudgets nicht mehr ausreichen, um den wackligen Karren der Südtiroler Sanität so (schlecht) weiterlaufen zu lassen, redet man in den zuständigen Kreisen nicht über die notwendigen Verbesserungen und Überprüfungen, sondern man ist entschlossen, dem Bürger weiterhin in den Geldbeutel zu greifen, um die "nötige Finanzierung" weiter zu gewährleisten.

Vielfach hat man den Eindruck, daß in diesem gesamten Gesundheitswesen nicht so sehr die Bedürfnisse des kranken Menschen im Vordergrund stehen sondern, daß der bürokratische Apparat der Hauptzweck des Dienstes ist. Der Patient ist ein zu betreuendes Verwaltungsobjekt.

"Wir werden die Medikamente bezahlen, aber dafür gibt es dann eine Rückerstattung."
"Auch nach dem Tod?" aus "Cuore".

Wie praxisfremd gewisse Initiativen sind, das hat sich bei der Errichtung der Sprengel gezeigt. Dabei geht man vom richtigen Grundgedanken aus, daß es dadurch möglich sei, das Krankenhaus zu entlasten und gewisse Dienste am Ort anzubieten. Die Umsetzung ist ein Flop geworden, weil man auch in diesem Bereich nicht die private Medizin in die Nutzung der mit gewaltigen Investitionen errichteten Gebäude und Dienste einbezogen hat. Daraus sind letztlich nur Beamtenburgen geworden, welche die meiste Zeit leer stehen.

Unter diesen Umständen ist die Entwicklung des Sanitätswesens zu einer Zwei-Klassen-Medizin gar nicht so abwegig. Der Patient, der eine dringende Untersuchung benötigt, die in unserem System erst in zwei Monaten möglich ist, hat meist nur die Möglichkeit diese ausschließlich auf seine Kosten, meist außerhalb der Provinz durchführen zu lassen. Das kann sich nicht jeder leisten und so produziert gerade die als "soziale Errungenschaft" propagierte Reform das Gegenteil dessen, was sie angeblich bezweckte.

Wird die jetzt in Südtirol in Gang gekommene Diskussion zu einer sachlichen Überprüfung des gesamten Gesundheitswesens, auch unter Einbeziehung von Experten, führen? Man kann es nur wünschen. Es ist klar, daß es nicht leicht sein wird, Lösungen zu finden, das beweisen die Probleme, die auch in anderen Staaten bestehen. Deutschland ist dabei eine umfassende Reform des Gesundheitswesen zu verabschieden, um die Kostenexplosion in den Griff zu bekommen. Dabei gilt es auch die Forderungen und Wünsche der mächtigen Lobbies, die im Gesundheitsdienst wirken, in Schranken zu halten, ein Unterfangen, das schon manchen Minister verschleißt hat. Fest steht, daß auch der sogenannte "freie Markt" keineswegs in der Lage ist jene Lösungen zu garantieren, die unbedingt nötig sind, um die Leistungsfähigkeit und die soziale Ausgeglichenheit des Gesundheitssystem zu gewährleisten.

Medicus

 

NACH DEN ÖSTERREICHISCHEN NATIONALRATSWAHLEN
DIE STUNDE DER WAHRHEIT

Ist Haiders FPÖ eine faschistoide Partei, welche die demokratische Ordnung in Gefahr bringt, oder ist sie eine normale Partei, die von ihren Gegnern verteufelt wird? Diese Frage ist nicht leicht zu beantworten und Haider selbst trägt mit seinen Aussagen und Aktivitäten eher zur Verschleierung als zur Beantwortung dieser Frage bei. Um den Dingen auf den Grund zu gehen, muß man sich mit der österreichischen Geschichte auseinandersetzen.

Im großen multinationalen Reich der Habsburger bestand ein Großbürgertum, zum Teil auch jüdischer Herkunft, das zu den tragenden Säulen dieser Gesellschaft gehörte. Daneben wuchs mit dem Nationalismus eine Schicht von Kleinbürgern heran, die sich freiheitlich-liberal nannte, aber andere Ziele verfolgte. Sie bekämpfe mit aller Schärfe den plurinationalen Staat, denn unerträglich war ihr der Gedanke, daß es eine multinationale Kultur geben könne und, daß Gesetz und Recht für alle Menschen gleich sein müßten, ohne Unterschied der Nation oder Rasse.

Mit dem Sieg Preußens über Österreich in Königgrätz, als das Habsburgerreich seine Vormachtstellung abgeben mußte, gewannen diese Schichten, die sich meist deutschnational nannten immer mehr an Bedeutung und Einfluß. Der Weg führte in den Faschismus: Nation und Rasse wurden die neuen Orientierungswerte, es entstanden neue Feindbilder: das internationale Judentum, die Sozialisten, die christlichen Kirchen. Der halbgebildete Österreicher Hitler hatte die "Chance", durch einen mörderischen Krieg diese Theorien mit krimineller Konsequenz in weiten Teilen Europas in die Praxis umzusetzen. Niemand hat bisher dem Deutschtum so nachhaltig Schaden zugefügt.

Mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges hat es in Österreich wohl eine von den Alliierten bestimmte demokratische Restauration gegeben, aber eine echte Konfrontation der Österreicher mit ihrer Vergangenheit hat nicht stattgefunden. Aus machtpolitischen Überlegungen der Siegermächte und wahltaktischen Opportunitäten der österreichischen Politiker flüchtete man sich in die Lüge, wonach Österreich ein Opfer Nazi-Deutschlands gewesen sei. Österreich mußte keine Reparationen zahlen, ob-wohl zum Beispiel jeder weiß, daß Nazi-Österreicher die 140.000 österreichischen Juden zuerst ausgeraubt und dann "ins Gas" geschickt haben. Dafür gab es dann im ganzen Lande die zahlreiche Schicht der "Waldheims", die überall mitgetan, aber angeblich nirgends dabeigewesen sind.

In diesem Klima der Verlogenheit konnte sich allmählich wieder jene "rechte Mischung" etablieren, die fatal an das Gedankengut der Vergangenheit erinnert. Haider betont immer wieder, daß er kein Nazi sei, er hat sogar einen "Renommierjuden" als Abgeordneten nach Brüssel geschickt, aber er spielt gleichzeitig mit Virtuosität auf dem Klavier der nationalistischen Aggressionen und Vorurteile, er benützt die tatsächlichen Probleme der Integration Europas, um im Kleinbürgertum und in der Arbeiterschaft Ängste und faschistoide Emotionen zu schüren und gegen Europa zu hetzen.
Trotzdem kann man seine zahlreiche Wählerschaft nicht nur mit diesen Zielsetzungen identifizieren. Viele Österreicher haben die FPÖ gewählt, weil sie Fragen und Probleme aufgeworfen hat, die tatsächlich die Bevölkerung interessieren, auch wenn dann selten brauchbare Lösungen vorgeschlagen werden. Die beiden großen Parteien SPÖ und ÖVP sind dieser politischen Diskussion ausgewichen und haben versucht, das Problem Haider kraft ihrer Ämter und Posten auszusitzen, indem sie Haider dämonisierten oder seine politischen Rezepte - siehe Ausländerpolitik - anwendeten. Der Mißerfolg dieser Taktik ist vor aller Augen.

Wenn man Haider und seine FPÖ wirksam bekämpfen will, so muß man nicht nur den Mut haben, ihn ideologisch offen anzugehen, seinen gefährlichen politischen Hintergrund aufzeigen, man muß vor allem die verkrusteten Strukturen der österreichischen Gesellschaft in Frage stellen und endlich echte Reformen einleiten. Die Art wie dieser Staat derzeit in parteipolitischen Sektoren aufgeteilt und verwaltet wird, mißfällt vielen Österreichern, auch wenn sie kein Parteibuch haben. Manche unter ihnen glauben, daß nur die FPÖ dies ändern kann.

Nun steht die Frage der Regierungsbildung in Wien im Mittelpunkt, und wiederum ist Haider derjenige, um den sich alles dreht. SPÖ und ÖVP stehen im Zugzwang und können sich zu keiner Lösung entschließen. Manche unter ihnen glauben noch, sie könnten nach einer "Anstandsfrist" weiterwursteln wie bisher, ein gefährlicher Trugschluß. Sie werden überhaupt nicht weiterkommen, wenn sie nicht in der Lage sind, ein klares Konzept zu entwickeln, um den Österreichern zu sagen, wie es aus ihrer Sicht weitergehen soll und was vorrangig zu machen ist. Erst dann kann man über die verschiedenen, nicht allzu zahlreichen Regierungskombinationen entscheiden. Raeticus