17. Jahrgang - Nr.4 Juli/August 2001 - erscheint zweimonatlich
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In dieser Ausgabe:
Der Besuch
Präsident Ciampis kritische Aussagen zu Südtirol
 
Weg von der "Gschertenrepublik"
Die revolutionären Vorschläge des SVP-Abg. Zeller
 
"Es riecht nach Gummiknüppeln"
Genua und die Folgen
 
Gedenken an Indro Montanelli, den Freund Südtirols

 
Neuer Herkules für alten Augiasstall gesucht
Das chronische Schlamassel der Vereinigten Bühnen Bozen
 
(Nord)Tiroler Geschichten
Eine seltsame unheilige Allianz
 

TIROLER GESCHICHTEN
Über Anstand, Stil, Grenzen und Horizonte in der Politik

Nun steht es fest: Die beabsichtigte Fusion zwischen der Südtiroler Sparkasse und der Hypo-Bank in Innsbruck ist endgültig gescheitert. Vergeblich sucht man nach sachlichen Gründen. Man stößt eher auf Stimmungen, und Reaktionen, welche diese Entscheidung bedingt haben und die der breiten Öffentlichkeit nicht verständlich sind.

Letztlich ist die Fusion an dem entschiedenen Widerspruch des bäuerlichen Teiles der Tiroler ÖVP und eines Teiles der Tiroler Sozialdemokraten gescheitert, die jeweils vom ÖVP-Obmann Eberle und dem SPÖ-Vorsitzenden Prock verkörpert werden. Es ist eine seltsame unheilige Allianz, die auf keiner logischen Interessengemeinschaft beruht. Denn die Berufung auf angebliche nationale Prioritäten, die bösen Worte des Ausverkaufes an "die walsche Bank" sind nur Ausflüchte, die keine Konsistenz haben. In der Tiroler ÖVP hat diese Entscheidung zu einem schweren Konflikt geführt, der grundsätzliche Fragen aufgeworfen hat, die noch bereinigt werden müssen. Von der SPÖ sind noch keine solchen Reaktionen bekannt, aber der Stuhl des Vorsitzenden Prock scheint erheblich zu wackeln.

Dieser Konflikt und die Art, wie er ausgetragen worden ist, zeigt die Veränderungen, die mittlerweile nicht nur im Verhältnis zwischen Nord- und Süd-Tirol, sondern überhaupt in der Auffassung von Politik aufgetreten sind. Die demokratische Konfrontation beruhte bisher nicht nur auf weltanschaulichen Verschiedenheiten, sondern auf klar definierten Zielen in der Gestaltung der Gesellschaft. Es bestand auch eine meist ungeschriebene Übereinstimmung über Stil und Anstand in der politischen Auseinandersetzung.

Mittlerweile werden diese Regeln weitgehend ignoriert. In dieser sogenannten neuen Gesellschaft ist alles erlaubt, was zu Macht und Geld führt. In der Politik bedeutet dies, daß man nicht so sehr darum bemüht ist, die eigenen Ideen aufzuzeigen und zu verwirklichen, als vielmehr die Pläne des politischen Gegners zu durchkreuzen, ihn zu "ticken", ihm an den "Karren zu fahren". Dieser Mangel an politischer Kultur katapultiert Leute nach oben, die nur bis zu den Grenzen ihres Bezirkes und bis zum Termin der nächsten Wahlen zu denken vermögen. Hinterwäldler trumpfen auf.

Im Falle Tirols hat eine solche Einstellung besonders negative Folgen. In einem an sich kleinen Land, in dem die Berge den Horizont begrenzen und fast jedes Tal eine gewisse kulturelle Eigenständigkeit entwickelt, besteht die Gefahr, daß vor lauter Kleinkrämerei die Zusammenhänge verlorengehen. Das gilt in besonderem Maße für ein Land, das nach einem verlorenen Krieg geteilt worden ist und dessen südlicher Teil einem anderen Nationalstaat einverleibt worden ist. Durch diesen Umstand hat es wohl in den letzten 80 Jahren in diesen beiden Teilen eine unterschiedliche Entwicklung gegeben, aber trotzdem ist das Gefühl der Zusammengehö - rigkeit nie verlorengegangen.


LH Weingartner konnte bisher eine Kursänderung der Nordti- roler ÖVP verhindern

Das ist nicht von ungefähr gekommen. Namhafte Politiker aller Parteien haben sich selbst unter schwierigen Bedingungen stets dafür eingesetzt und ihre parteipolitischen Bestrebungen diesem Ziel untergeordnet.

Eine ganz besondere Rolle kommt dabei LH Eduard Wallnöfer zu, dem die Verbindung zu Südtirol wahrlich eine Herzensangelegenheit war und der in seinen damaligen sozialdemokratischen politischen Gegenspielern Kunst, Salcher und Tanzer diesbezüglich verständnisvolle Partner fand. Bezeichnend ist auch, daß die gute Zusammenarbeit zwischen dem roten Bundeskanzler Kreisky und dem schwarzen LH Wallnöfer der Sache Tirols die größten Erfolge beschert hat.

Allerdings beruht die Gestaltung einer solchen Politik nicht nur auf Emotionen und historischen Reminiszenzen, sondern auch auf der nüchternen Einsicht, daß die verschiedenen Landesteile einander brauchen. Nur ein Tirol in seinen historischen Grenzen, also auch unter Einschluß des Trentino, kann im Globalisierungsprozeß bestehen und seine Chancen im vereinten Europa wahrnehmen. LH Weingartner hat dies erst kürzlich betont.

Das gilt speziell für Südtirol. Heute steht dieser Landesteil besonders gut da: die Existenz der ethnischen Minderheit ist statutarisch abgesichert, der Volkstumskampf scheint überwunden, den Leuten geht es gut, es herrschen Wohlstand und Reichtum, der LH Durnwalder tafelt fröhlich mit den rechten Ministern, die bisher der Südtiroler Autonomie an den Kragen wollten. Trotzdem muß die Minderheit auf der Hut bleiben. Um zu bestehen und um ihre Eigenständigkeit zu bewahren, braucht sie weiterhin nicht nur die ständige kulturelle Verbindung, sondern auch den politischen Rückhalt im deutschen Sprachraum. Das geht nur in konstanter und enger Zusammenarbeit mit dem Nordtiroler Landesteil.

RAETICUS