17. Jahrgang - Nr.4 Juli/August 2001 - erscheint zweimonatlich
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In dieser Ausgabe:
Der Besuch
Präsident Ciampis kritische Aussagen zu Südtirol
 
Weg von der "Gschertenrepublik"
Die revolutionären Vorschläge des SVP-Abg. Zeller
 
"Es riecht nach Gummiknüppeln"
Genua und die Folgen
 
Gedenken an Indro Montanelli, den Freund Südtirols

 
(Nord)Tiroler Geschichten
Eine seltsame unheilige Allianz
 

Neuer Herkules für alten Augiasstall gesucht
Emmanuel Bohns Glück und Ende im Schlamassel der Vereinigten Bühnen Bozen
von Gerhard Riedmann

Ein Theater verschleißt innert dreier Jahre vier "Künstlerische Leiter" (oder selbsternannte "Intendanten"), baut jährlich einen Berg Schulden und niemand (von den Betroffenen) will die Verantwortung für das Debakel übernehmen. Die Vereinigten Bühnen Bozen (VBB), 1992 unter SVP-Ägide gegründeter Verein jenes kulturpolitischen Unsinns, aus Theateramateuren würden unter Einsatz von viel Geld eines Tages professionelle Schauspieler, schafften dies dank ihrer Inkompetenz und ihrem Hang zur Wurstelei.

Seit 1998 bestellen sie österreichische und deutsche "Intendanten" für das zu errichtende Berufstheater in Bozen. Zuerst waltete der Villacher Alfred Meschnigg, dann erkor man in einer "internationalen Ausschreibung" den Deutschen Herbert Müller, der den Posten gar nicht antrat, der Zweitgereihte, Georg Mittendrein aus Wien, warf nach anderthalb Jahren das Handtuch und jetzt - nach nur 18 Monaten - wird sein Nachfolger Emmanuel Bohn (Kiel) wegen "organisatorischer und künstlerischer Defizite" fristlos entlassen, "obwohl er alle Entscheidungen im Einvernehmen mit dem Vorstand (Präsident: Thomas Seeber, Kaufmännischer Leiter: Andrea Olivetti) getroffen hat."

Sein "Sündenregister": durchwachsener Spielplan, Nichterfüllung vollmundiger Ankündigungen ("Nathan", "Tell"), interne Konflikte, kostspielige Entlassungen, Publikumsschwund und Überschuldung. Wer wird den Schuldenberg abtragen? Den Scherbenhaufen beseitigen?

Die VBB suchen ihr Heil in der Flucht nach vorne. Der Präsident selbst übernimmt bis zum Jahresende die künstlerische Leitung, der Altvordere Erich Innerebner wird "künstlerischer Berater" (oder Mann im Hintergrund) und im Herbst gibt es "zwei kleine Stücke" als Riechsalz für das Publikum. Aber: was ist mit den Schulden, die offiziell auf 750 Mio. Lire angewachsen sind, in Wirklichkeit jedoch die Milliardenmarke überschritten haben dürften? Der fromme Wunsch: Stadt und Land sollen helfend eingreifen (also alles zahlen), dafür dürfen sie dann ihre Vertreter in den Verein entsenden.

Klasse! Echtes Polit-Theater.
Zuerst muß aber die Frage nach den Verantwortlichen für das Desaster gestellt werden. Einmal ist es der Vorstand der VBB, der sich durch seine vorbildliche Inkompetenz hervorgetan hat. Zum andern die Politik, die keine wirksame Kontrolle über die VBB-Administration ausgeübt und kaum Verantwortung übernommen hat. Eine Politik der Kindesweglegung. Der Kulturlandesrat Bruno Hosp war so lange ein erklärter Gegner des Stadttheaterneubaus, bis er den Einzug der VBB in das Haus nicht mehr verhindern konnte.


Dann schaute er beharrlich weg. Jetzt bemüht er sich um die Quadratur des Kreises, indem er der Politik die Mehrheit im Vostand der VBB sichert. Vertuschungsversuch oder Schutz für Unfähige? Kann die SVP nicht zugeben, daß sie aufs falsche Pferd gesetzt hat? Hier besteht aber akuter Handlungsbedarf: Der Augiasstall muß gründlich gesäubert werden, damit der Weg frei für einen Neuanfang wird. Angesichts der wirtschaftlichen Prosperität und des Geldsegens im Lande wird auch dieser Skandal das Gewissen der übersättigten Gesellschaft nicht aus dem seligen Schlaf wecken. Der Landesübervater Durnwalder gab sich zunächst "sehr erzürnt", dann beruhigte er sich und meinte, es gebe sicher "Mischformen" und Möglichkeiten, um das Theater zu retten. Aber hätte er nicht - nach 9 Jahren laufender Flops - die Pflicht, dem Spuk ein Ende zu bereiten?

Wenn man auf die Geschichte der VBB zurückblickt, hat man den Eindruck, Süd-Tirol hofierte in ihrem Ursprungsland gescheiterte Kräfte herbei und böte ihnen fürstliche Arbeitsverträge. Einmal im Amt, brauchten jene nur ein Schlamassel anzurichten, damit die Laufzeit ihres Vertrags verkürzt werden muß und sie mit dem Segen des Gerichts goldnäsig in Richtung Riviera abdampfen können.

Bohn soll für sein Versagen jährlich mehr als 100 Mio. Lire kassiert haben, als Schadenersatz für die Vertragskündigung verlangt er die bescheidene Abfindungssumme von 400 Mio. Lire. Der gefeuerte "Intendant" gibt an, in der abgelaufenen Spielzeit hätten 19.000 Zuschauer seine 6 Produktionen (117 Vorstellungen ) besucht. Dies sei ein Zuwachs von 20 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Wie kommt er auf diese Zahl, wenn "Peer Gynt" und "Kabale und Liebe" publikumsmäßig ein Fiasko waren, wenn in der letzten Vorstellung von "Alte Helden" fünf (!) Zuschauer im Saal saßen? Am publikumsträchtigsten war "Maria de Buenos Aires" mit einer "Traumauslastung" von 62 Prozent. Bei einer Milva-Vorstellung ist dies eine halbe Pleite. Mehr als die Hälfte der Besucher waren Italiener und kein VBB-Publikum. Diese Produktion, bei der einheimische Amateure gaukeln durften, kann nur sehr bedingt als Eigenproduktion betrachtet werden. Wo in aller Welt kann ein Intendant die Theatersaison im April enden lassen und es sich leisten, in die Ferien zu gehen, ohne den Spielplan für die kommende Saison erstellt zu haben?

Bohn hält den VBB entgegen, sie hätten sich mit seinem Konzept nicht auseinandergesetzt, zu wenig Geduld gezeigt und ihn um die Früchte seiner Arbeit gebracht. Auch eine Ansicht. Nur: Wird es noch einen Spielplan 2001/02 geben? Wird noch ein Intendant bestellt? Wer wird ihn bestellen? Wer wird die Honorarnoten der Rechtsanwälte begleichen? Wer Bohns Abfindungsforderung bezahlen? Ist Seebers Idee, einen Kulturmanager anstatt einen Intendanten einzusetzen, der Weisheit letzter Schluß? Ist die Zweigleisigkeit von VBB und Südtiroler Kulturinstitut kulturpolitisch, sozial und finanziell verantwortbar? Sind tatsächlich viele VBB-Stammzuschauer zum SKI übergelaufen? Waren dessen Gastspiele, die ausschließlich auf Frauenthemen ausgerichtet waren, wirklich so gut, wie pauschal behauptet wird? So viele Fragen. Wer gibt Antwort? Gibt es Antworten?



LAURINSBRUNNEN UND FASCHISTENDENKMAL

Kürzlich hat der Bozner Bürgermeister Salghetti Drioli angeregt, man solle doch den Laurinsbrunnen, der nun vor dem Landhaus steht, wieder an seinen alten Standplatz an der Talferpromenade zurückversetzen. Neben architektonischen Gründen wurde auch die Tatsache erwähnt, daß dieses Denkmal den Sieg des Germanen Theodorich über die raetoromanischen und lateinischen Stämme darstelle, ein Umstand der die italienischen Mitbürger irritieren könnte. Natürlich kam in Zusammenhang mit diesem Vorschlag auch wieder die ewige Geschichte des faschistischen Siegesdenkmals zur Sprache.

Bei allem Verständnis für die Sensibilität gewisser italienischer Zeitgenossen gegenüber dem germanischen Bezwinger des Königs Laurin, sollte man doch die Fakten klarstellen und auseinanderhalten. Die Mythologie der Laurinsage mag vor mehr als 100 Jahren deutschnationale Gefühle geweckt haben. Aber dieser Brunnen, den die Faschisten 1930 mutwillig über Nacht zerstört haben, war nie ein Identifikationsobjekt der Südtiroler Bevölkerung.

Ganz anders verhält es sich mit dem sogenannten Siegesdenkmal, das leider für viele in Südtirol lebende Italiener immer noch eine Bestätigung für ihre Präsenz in diesem Lande ist. Das ist ja auch der Grund, warum trotz aller Diskussionen und Vorschläge bis heute nichts geschehen ist. Man hat versucht, die Verantwortung für diese Haltung der römischen Zentralregierung in die Schuhe zu schieben, aber im Grunde genommen haben sich die lokalen politischen Verantwortlichen der Italiener dahinter versteckt. In den 70er Jahren hat der damalige italienische Kulturassessor Remo Ferretti in Schloß Maretsch eine von zahlreichen Photos und Urkunden dokumentierte Ausstellung über die Entstehung und den Bau des Siegesdenkmals von Bozen organisiert. Ferretti, dem dafür noch Dank gebührt, hat besonders seine italienischen Mitbürger über die Hintergründe und die Einstellung, die dieses Denkmal hervorgebracht haben, aufklären wollen. Diese Ausstellung, die einen hohen Publikumsandrang verzeichnete, hat das patriotische Pathos und die arrogante, nationalistisch-faschistische Geisteshaltung, die in diesem Denkmal zum Ausdruck kommt, bestens dokumentiert.


Der Laurinsbrunnen an seinem ursprünglichen Standplatz an der Talferpromenade, bevor er von den Faschisten in einer nächtlichen Aktion beschädigt und nach Rovereto verbannt worden ist.

Der Laurinsbrunnen an seinem ursprünglichen Standplatz an der Talferpromenade, bevor er von den Faschisten in einer nächtlichen Aktion beschädigt und nach Rovereto verbannt wor- - den ist Bei dieser Gelegenheit wurde auch die bewußte historische Verfälschung des Denkmals aufgezeigt: die Büste des Trentiners Cesare Battisti hat dort nichts zu suchen. Noch im Jahre 1978 hatte die Tochter Battistis, Livia, in einem Schreiben an alle zuständigen lokalen und nationalen Instanzen die Entfernung dieser Büste verlangt und die Umgestaltung des Faschistendenkmals in ein Friedensmahnmal gefordert.

Geschehen ist seither nichts, nicht einmal die Anbringung von Tafeln, die in mehreren Sprachen auf die zeit- geschichtliche Bedeutung dieses Faschistenreliktes hinweisen sollten, wurde in die Praxis umgesetzt. Immer noch prangt auf dem Denkmal in großen Lettern der beleidigende Spruch, wonach von hier aus den "Anderen" die Kultur beigebracht worden sei. Man konnte wenigstens erreichen, daß die alljährlichen Aufmärsche des Heeres vor diesem Denkmal unterblieben sind. Nur die Faschisten und ihre Nachfolger pilgern mit ihren Kränzen noch dorthin.

Es hat wenig Sinn, einen Streit um die Denkmäler neu zu entfachen, es würde nur die jeweiligen Scharfmacher begünstigen. Eines muß aber klar gesagt werden, die Umgestaltung des sogenannte Siegesdenkmals muß von der lokalen italienischen Bevölkerung verlangt werden, denn diese hat es nicht mehr nötig, ihre Präsenz im Lande durch diesen Faschistentempel zu rechtfertigen.