17. Jahrgang - Nr.4 Juli/August 2001 - erscheint zweimonatlich
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In dieser Ausgabe:
Weg von der "Gschertenrepublik"
Die revolutionären Vorschläge des SVP-Abg. Zeller
 
"Es riecht nach Gummiknüppeln"
Genua und die Folgen
 
Gedenken an Indro Montanelli, den Freund Südtirols

 
Neuer Herkules für alten Augiasstall gesucht
Das chronische Schlamassel der Vereinigten Bühnen Bozen
 
(Nord)Tiroler Geschichten
Eine seltsame unheilige Allianz
 

DER BESUCH
Präsident Ciampi kritisiert bei seinem offiziellen Besuch im Land die Eckpfeiler der Südtiroler Eigenständigkeit in diesem Staat ­ merkwürdig lahme Reaktion der SVP-Spitze ­ das falsche Endziel einer multikulturellen Südtiroler Gesellschaft

Selbst die "Dolomiten" waren in der Bewertung der of- fiziellen Reise des Staatspräsidenten Ciampi in die Region und das Land recht zurückhaltend. Sie sei recht ausgeglichen gewesen, war der lakonische Kommentar. In Wirklichkeit war es ein für die Südtiroler keineswegs begeisterndes Ereignis, und die Landespolitiker machten dabei eine recht bescheidene Figur. Es war, sei es vom Protokoll wie von den Aussagen her, ein staatliches Ereignis, wobei die Betonung auf Staat liegt.

Dabei ist es offensichtlich, daß diese Reise von Ciampi und seiner Umgebung sehr sorgfältig geplant und mit klaren politischen Akzenten versehen war. In den letzten Monaten war aufgefallen, daß die nationale Funktion des Staatspräsidenten absichtlich in den Vordergrund gerückt worden war, im Gegensatz zu den starken regionalistischen Tendenzen im Norden des Landes. Sicherlich hängt dies auch mit dem deutlichen Rechtsruck der italienischen Bevölkerung bei den Wahlen vom 13. Mai zusammen. Die bürgerliche Rechte möchte das nationale Bewußtsein betonen und fördern, denn dieses nationale Bewußtsein ist in der italienischen Bevölkerung wenig verbreitet. Das hängt wiederum mit der Geschichte der Einigung Italiens zusammen, an der die breiten Massen kaum Anteil hatten.

Viele bürgerliche italienische Politiker und natürlich speziell die Faschisten versuchten immer wieder den Mythos zu verbreiten, wonach Italien vom Brenner bis Pantelleria von einem einzigen Volk bewohnt sei. Das führte unweigerlich zu Konflikten mit den ethnischen Minderheiten, die nach dem Ersten Weltkrieg Italien zugeschlagen worden waren. Italien ist auch heute noch ein Land, in dem drakonische gesetzliche Strafen gegen jene vorgesehen sind, welche die Symbole der Einheit des Staates, z.B. die Fahne beleidigen. Der Einfluß der Linken, die Demokratisierung der Institutionen und die Regionalisierung haben solche Ängste und Vorbehalte weitgehend abgebaut, aber nicht aufgehoben. Ciampi ist ein echter Demokrat europäischer Prägung.


Einige seiner Aussagen zur Autonomie und zur Stellung der Südtiroler im Staat hatten allerdings so star- ke nationale Akzente, daß sie für einen deutschspra-chigen und ladinischen Bürger Südtirols recht selt-sam klangen. Man hätte deshalb auch erwartet, daß die Landespolitiker sich da-zu äußern würden, ohne ei-ne ungebührliche Polemik zu entfesseln. Einige Exponenten wie Brugger, Zeller und Pahl von der SVP und Pöder von der Union für Südti- rol haben sich persönlich dazu geäußert, aber die SVP als solche und insbe- sonders LH Durnwalder haben dazu beharrlich geschwiegen.

Im Grunde genommen geben die kritischen Bemerkungen des Präsidenten Ciampi die Vorbehalte wieder, die seit jeher im Kreise des zentralistischen Staatsapparates gegenüber den ethnischen Minderheiten bestehen. Schon die Bezeichnung "ethnische Minderheit" löst dort Mißtrauen aus, weil dies dem Bild des einheitlichen Nationalstaates widerspricht. Deshalb verwendet man dort lieber das Etikett "sprachliche Minderheit". Das sind aber zwei verschiedene Dinge und der Unterschied ist nicht nur sprachlicher oder semantischer Natur. Es geht hier um die sprachliche und kulturelle Eigenständigkeit einer Bevölkerungsgruppe. Ich kann mich an die Zeit unter dem Faschismus erinnern, als die Südtiroler und die Slowenen schlechthin als "allogeni", gewissermaßen Eingeborene bezeichnet wurden. Damit wollte man ihnen die kulturelle Identität nehmen und jegliche Verbindung mit ihrem Mutterland ableugnen.

Dasselbe gilt für den Begriff der Integration, der an sich positiv ist, aber gleich fragwürdig wird, wenn man damit suggeriert, die Minderheit solle sich mit dem großen Staatsvolk mischen. Die Minderheit, die in einem fremden Nationalstaat lebt, muß ihre Sprache und Tradition, ihre Verbindung mit dem kulturellen Mutterland besonders pflegen und kann sich keine billigen Kompromisse leisten. Das hat nichts mit Rassismus zu tun, sondern nur mit dem Willen, die eigene Identität zu wahren.

Ich selber bezeichne mich als italienischer Staatsbürger österreichisch-deutscher Nationalität. Dabei hatte ich als Sohn eines Deutschsprachigen und einer lombardisch-italienischen Mutter gleich von Anfang an Zugang zu beiden Kulturen. Ich hatte damit nie Probleme, empfand dies sogar als eine wesentliche Bereicherung meiner Persönlichkeit. Aber ich habe auch nie an meiner von mir selbst gewählten Identität als deutschsprachiger Südtiroler gezweifelt.

Das bestätigt wiederum, daß die Entscheidung für eine nationale Identität letztlich rein persönlicher Natur ist, die jeder für sich treffen muß. Natürlich spielen dabei Familie, Tradition, Umfeld eine wichtige Rolle. Es gibt aber trotzdem immer wieder Fälle von "Übertritten". Das heißt, daß jemand aus sozialen, ökonomischen, familiären Überlegungen heraus freiwillig seine bisherige Identität aufgibt und eine andere annimmt. Jedem von uns sind solche Fälle bekannt und sie häufen sich natürlich in Grenzregionen.

Das führt mich zu einem aktuellen Modebegriff, den ich mit größtem Mißtrauen betrachte: die Multikulturalität. Wenn damit gemeint ist, daß jemand gewissermaßen ein Gemisch von nationalen Identitäten in sich hat und sich für keine bestimmte Identität entscheiden kann, so halte ich das für falsch und verlogen. Man kann sich in einigen Kulturen sehr gut auskennen, man kann auch mehrere Sprachen perfekt beherrschen, aber man kann nur eine einzige kulturelle Identität haben.


Der italienische Staatspräsident Carlo Azeglio Ciampi

Tirol war unter den Habsburgern ein plurinationales, aber kein multikulturelles Land, und diese Art der Vielfalt hat sich über die Jahrhunderte hinweg bestens bewährt. Es ist auch bezeichnend, daß sich besonders die italienischen Rechten für die Anerkennung von Gruppen von Menschen mit gemischtsprachigen Identitäten einsetzen, denn damit schränken sie die Rechte der ethnischen Minderheiten bei der Anwendung des Proporzes ein. Nun kann man den Proporz mehr oder weniger großzügig auslegen und hoffen, daß er einmal in einer perfekt zweisprachigen Gesellschaft überflüssig wird. Derzeit kann ihn aber kein Südtiroler, ganz unabhängig von seiner politischen Gesinnung, zur Disposition stellen.

Das bestätigt das Schicksal des Dr. Langer, der als brillanter Intellektueller, hervorragender Rhetoriker und erfolgreicher Agitator tatsächlich in mehreren Kulturen zu Hause war. Er war aber, vielleicht gerade deshalb, eine zutiefst zerrissene Persönlichkeit. Das hat sicherlich zu seinem Freitod beigetragen. Mit seinem Versuch, den "multikulturellen Südtiroler" zu schaffen, ist er radikal gescheitert. Seine Darstellung der ethnischen Käfige war ein glänzender propagandistischer Einfall, der aber an der Südtiroler Realität völlig vorbeiging. Es ist auch bezeichnend, daß Langer damit vor allem den Beifall der italienischen Nationalisten bekommen hat.

Die Grünen, die sich gerne auf Langer berufen, haben in ihren eigenen Reihen die nationalen Gegensätze nie überwunden und werden deshalb regelmäßig von Krisen geschüttelt, die ihre Existenz in Frage stellen. Die sogenannte Multikulturalität wird derzeit nur von einigen angeblichen Weltbürgern verkündet, die damit ihre Geschäfte betreiben.

Zusammenfassend kann man sagen, daß die kritischen Bemerkungen des Präsidenten Ciampi jeden Südtiroler und jede Südtirolerin anregen sollten, über die eigene Situation und Zukunft nachzudenken.

Egmont Jenny

e-mail-Adresse: postmaster@suedtirolernachrichten.it