16. Jahrgang - Nr.4 September/Oktober 1999-erscheint zweimonatlich
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In questo numero:
Licht und Schatten im Sommerloch
 
Thalia, die Eckensteherin
 
Das chronische Lamento der "Arbeitnehmer"
 
Saufen, Saufen, Saufen
 
Die Südtiroler Schützen auf Abwegen
 
Gemeindewahlen 2000
 
Münchhausiade Spassbad
 
 
EIN WENDEPUNKT IN SÜDTIROL
Öffnet sich die SVP den Italienern?
Die SVP versucht sich den gesellschaftlichen Veränderungen anzupassen - die Abkehr vom Volkstumskampf stellt die Sammelpartei in Frage - die Vorreiterrolle der Südtiroler Sozialdemokraten-die geheimen Ängste des Südtiroler Establishments.

Nur wenige Südtiroler dürften die Bedeutung der Auseinandersetzungerkannt haben, die in der SVP um die Aufnahme von Italienern in ihren Reihen ausgebrochen ist. Die Diskussion ist vorerst gestoppt worden, sie schwelt aber weiter, denn es geht um das zentrale Thema der Südtiroler Politik in der Zukunft. Das weiß auch LH Durnwalder, der einen besonders guten Riecher für die Stimmungen und Wünsche der Südtiroler Oberschicht hat. Dieses Establishment, das von den führenden Wirtschafts- kreisen des Landes bis zu den Vertretern der katholischen Kirchereicht, bestimmt die politische und gesellschaftliche Entwicklungim Lande, die sogenannte Sammelpartei ist lediglich das politische Ausführungsorgan.

In diesen Kreisen setzt sich allmählich die Erkenntnis durch, daß es Zeit ist, die alten und vielfach stumpfen Instrumente des Volkstumskampfes und der starren ethnischen Abgrenzung einzumotten und neue Zukunftsperspektiven anzusteuern. Das setzt voraus, daß man das Problem derItaliener im Landein einer neuen Optik betrachtet, sie sollen nicht mehr als die Angehörigen des Staatsvolkes und somit Gegner der Minderheit betrachtet, sondern als potentielle Wähler und Partner gewonnen wer-den.

Diese neue Sicht geht von der Überlegung aus, daß gerade die Wahlen aufLandtags- und Gemeindeebene gezeigt haben, daß es italienischsprachige Bürger gibt, die ihre Interessen durch die Regierungspartei SVP am besten ver-treten sehen. Dabei spielen, speziell in den ländlichen Bereichen, auch gesellschaftliche und soziale Überlegungen eine wichtige Rolle. Dazu kommt, daß das italienische Parteienspektrum so verworren und wirklichkeitsfremd ist, daß es den Wähler oft vergrault. Er hat erkannt, daß gerade diejenigen, die am lautesten von der Verteidigung der "italienischen Interessen" reden, am wenigsten dafür tun. Auch die demographischen Verschiebungen, das heißt die zunehmende Zahl von Ehen zwischen Deutschen und Italienern, fördern solche politischen Grenzgänger. Von denen gibt es bereits es einige Tausend und ihre Zahl nimmt ständig zu. 

Sie bringen nicht nur die SVP, sondern den gesamten ethnischen Mechanismus, auf dem das Paket beruht, durcheinander. Denn die SVP ist laut ihrem Statut "die Sammelpartei der deutschen und ladinischen Südtiro-ler", von den Italienern ist gar nicht die Rede, diese sind dort nicht vorgesehen. Es gibt sie aber als Wähler und als Anhänger, und diese Tatsache muß über kurz oder lang gewisse Änderungen herbeiführen, auch wenn diese von den Parteistrategen weder erwünschtnoch vorgesehen sind.Dabei handelt es sich nicht um assimilierte Italiener, die Deutsche geworden sind, sondern um Südtiroler italienischer Nationalität, die lediglich eine bestimmte politische Entscheidung treffen.

Diese Figur des italienischsprachigen Südtirolers ist bereits vor mehr als 20 Jahren von den Sozialdemokraten der Sozialen Fortschrittspartei Südtirols als Modell propagiert worden.Die SFP hat als erste bewußt italienische Kandidaten auf ihre Gemeindewahllisten gesetzt und die territoriale Dimension der Autonomie in den Vordergrund gestellt. Demnach gibt es nicht zwei Autonomien - eine für die Deutschen, und eine für die Italiener - die inständiger ethnischer Konfrontation stehen, sondern eine Selbstverwaltung, die von drei gleichberechtigten nationalen Gruppen getragen wird. Im historischen Tirol der Habsburgermonarchie hat dies bis zum verheerenden Siegeszug des Nationalismus im 19. Jahrhundert bestens funktioniert.

Gegen dieses Modell ist die SVP Magnagos Sturm gelaufenund hat jeden, der dafür eingetreten ist, als Verräter an der Volksgruppe bezeichnet. Der Grund dafür ist offensichtlich: die Sammelpartei braucht für ihre Existenzberechtigung den ständigen völkischen Ausnahmezustand. Sie muß immer wieder darauf hinweisen, daß die ethnische Minderheit in ihrer Substanz bedroht ist und daß nur der Zusammenhalt aller Deutschsprachigen und Ladiner deren Verschwinden verhindern kann.

Darum geht es, das verstehen immer mehr Menschen aus allen ethnischen Gruppen.In einer sich rasch wandelnden Gesellschaft fallen Mythen, die zu Propagandafiktionenverkommen sind, oft rasch und unvermittelt in sich zusammen, nicht einmal die nationalistische Agitation kann sie nocham Leben erhalten Das wissen diejenigen, die über den nächsten Wahltermin hinausdenken. Die SVP ist in Italien längst zu einer staatstragenden Partei geworden, deren Rolle vom italienischen Staat voll anerkannt und unterstützt wird. Sie kann sich nicht weiterhin gleichzeitig als "Oppositionspartei einer unterdrückten Minderheit" darstellen. Da lachen selbst die Hühner auf den obersten Berghöfen!

Im Zuge dieser Neuorientierung ist die Öffnung der SVP für die Italiener, deren Interessen auch offiziell vertretenwerden müssen, eine obligate Etappe. Die von den Südtiroler Sozialdemokraten geschaffene Figur des italienischsprachigen Südtirolers wäre letztlich ein großer Gewinn für die Autonomieund für die kulturelle Eigenständigkeit dieses Landes. Aber bei jeder Neuerung, besonders wenn sie gesellschaftlich-politischer Natur ist, treten die Kräfte der Beharrung auf den Plan, die eher die Risiken als die Chancen der Veränderung sehen.

Der SVP-Abgeordnete Zeller hat vor einer Selbstauflösung der SVP gewarnt. Auffallend zurückhaltend waren dagegen die Kommentare der "Dolomiten" und auchder Parteiprominenz Es scheint so, daß man nach einem Versuchsballon die Dinge etwas reifen lassen will um das Fußvolk nicht aufzuschrecken. Die Entscheidungenwerden dann sowieso "oben" getroffen.

Sicher ist eines: Die Debatte um dieses Thema ist keineswegs abgeschlossen, denn sie ist nur der Teilaspekt einermöglichen Neuorientierung in Südtirol. Dabei werden die Veränderungen den politischen Akteuren von den Ereignissen aufgezwungen. Mehr als je gilt Gorbatschows Mahnung, daß wer die Zeichen der Zeit nicht versteht, vom Leben bestraft wird.

Das Südtiroler Establishment ist sich dessen offensichtlich bewußt und sucht nach politischen Wegen, die seine gesellschaftliche Vormacht auch in Zukunft absichern.Wahrscheinlich fürchtet "man" eine Entwicklung, wonach im Zuge der permanenten ethnischen Konfrontation zwischen den Volksgruppen die Zahl der Italiener im Lande so weit sinkt, daß Rom die bisher großzügige finanzielle Förderung der Provinz einschränkt oder abschafft. Rom könnte dann mit gutem Recht die These vertreten, daß die Südtiroler sich selber helfen oder sich an das von ihnen beschworene Vaterland Österreich wenden müssen. Das wäre aber für das Südtiroler Establishment eine Horrorvision.

Egmont Jenny

 

LICHTBLICKE UND SCHATTEN IM SOMMERLOCH

LH Durnwalder hat bei seiner üblichen sommerlichen Pressekonferenz die italienische Bevölkerung Südtirols aufgefordert, intensiver am Ausbau der Autonomie Südtirols teilzunehmen. Das hat sogleich die Reaktion italienischer Politiker ausgelöst, diediesen Vorwurf zurück wiesen unddie SVP der Arroganz und des Machtmißbrauches bezichtigten.

Das Thema ist von besonderer Aktualität und verdient eine möglichst objektive Beurteilung. Die meisten Exponenten der italienischen Parteien haben bisher die Autonomie vorwiegend als eine Angelegenheit der deutschen und ladinischen Bevölkerung Südtirols dargestellt. Das war ein großer Fehler. Deswegenhat die italienische Bevölkerung der Provinz deren Ausweitung meist mit Mißtrauen verfolgt. Besonders die rechten Parteien haben damit Stimmung gemacht, um als Verteidiger "italie-nischer Interessen"Wähler zu gewinnen. Nationalistische Töne aus der SVP besonders in der Zeit Magnagos haben zu dieser negativen Beurteilung wesentlich beigetragen.

Diese Stimmungsmache hat die italienische Bevölkerung ernsthaft benachteiligt: denn sie hat die ihr zustehenden Rechte sowie die Instrumente der Autonomie vernachlässigt. So wurde zum Beispiel das Erlernen der deutschen Sprache als Schikane betrachtet unddeshalb mangelhaft oder gar nicht betrieben.Stattdessenversuchte man auf dem Umweg über Rom und Trient Privilegien, die mit der Landesautonomie unvereinbar sind, zu erhalten oder durchzusetzen. Das Scheitern solcher Versuche hat die Ghettoisierung der italienischsprachigen Bürger in Südtirol noch verstärkt und ihre Radikalisierung gefördert.

Es gibt aber auch in Südtirol eine erhebliche Anzahl von Italienern, welche die Instrumente und Chancen des Autonomiestatuts genützt haben und durchaus zufrieden sind, ja sogar die Autonomie als einen Schutz für ihre eigene Volksgruppe ansehen. An diese sollten sich jene italienischen Politiker halten, die bei dieser Gelegenheit wieder die nationale Trommel schlagen, um ihre eigenen Fehler zu verbergen und nationalistische Agitation zu betreiben. Es ist absurd, daß Leute, die kein Wort deutsch verstehen, hier in Südtirol Politik machen, denn die Zeiten der kolonialistischen Besiedelung sind endgültig vorbei. Das gilt auch für diejenigen, die ebenfalls bei dieser Diskussion Pfeiler des Autonomiestatuts - so zum Beispiel die vierjährige Wohnsitzklausel im Wahlrecht - abschaffenmöchten. Solchen Versuchen muß man mit aller Schärfe entgegentreten.

LH Durnwalder hat mit dieser aktuellen und wichtigen Mahnung daran erinnert, daß er der Landeshauptmann aller hier lebenden Menschen ist. Er wäre dabei noch glaubwürdiger gewesen, wenn er die falschen Töne, die in dieser Sache auch von seiner Partei gekommen sind, öffentlich bedauert hätte. Der Erhalt der Autonomie braucht den guten Willen und den Einsatz der fähigsten Köpfe aller hier lebenden Volksgruppen

Wer dagegen glaubt - offensichtlich gibt es noch einige von dieser Sorte - er könne weiterhin in Südtirol von den Pfründen der nationalitischen Agitation leben, der wird sich nach einem neuen Wohnsitz außerhalb dieser Region umsehen müssen.

Der neugewählte Europaparlamentarier Messner hat, nach Ablegung gewisser Starallüren und nach der Begegnung mit seiner Südtiroler grünen Basis, eine Verstärkung der interethnischen Zusammenarbeit im Schulbereich gefordert. Das hat wiederum den Widerspruch maßgebender Vertreter der SVP herausgefordert, die darin eine Gefährdung der Minderheit sehen. In Wirklichkeit ist eine solche Entwicklung längst fällig und notwendig. Wie kann man in den jungen Menschen ein autonomistisches Bewußtsein heranbilden, wenn die Schule dabei abseits steht oder sogar dagegen ankämpft. Besonders die Schule hätte die Aufgabe durch Aufklärung und Information in den jungen Leuten aller Sprachgruppen das Verständnis und die Anhänglichkeit zu den autonomistischen Institutionen zu wecken. Mit Paragraphen und Vorschriften allein ist das nichtzu erreichen.

Im kulturellen Bereich hat LH Durnwalder in diesen Tagen gesagt, er könne sich vorstellen, daß es eines Tages einen einzigen Kulturlandesrat für alle drei Sprachgruppen gibt.Wenner es ernst meint, so ist dies eine äußerst positive Aussage, die alle diejenigen erfreut, die darin einen großen Schritt in Richtung europäische Integration sehen. Auch hier gilt es nationalistische Vorurteile abzulegen, die mit Kultur und Bildung unvereinbar sind. Die Erfahrung zeigt, daß Ignoranz und Halbbildung die kulturelle Substanz einer ethnischen Minderheit am meisten gefährden.

Daß Südtirol in diesem Bereich eine Erneuerung dringend benötigt zeigt der Artikel, den der Landesrat für Kultur Hosp unter dem Titel "Kultur braucht Innovation" in diesen Tagen in den "Dolomiten" veröffentlicht hat. Es ist eine Ansammlung von Platitüden und Banalitäten, ohne jeden Bezug auf die Südtiroler Realität,demnach auch ein wahrheitsgetreuer Spiegel der tristen offiziellen Kulturpolitik.

 

Thalia, die Eckensteherin
Gedanken zur Eröffnung des neuen Stadttheaters in Bozen

von Gerhard Riedmann

Die Eröffnung des neuen Stadttheaters am 9. September ist das zentrale kulturelle Ereignis der Landeshauptstadt im Jahr 1999. Die Vorbereitungen für das große Ereignis sind voll im Gange und schon häufen sich die Probleme.

Zunächst sollte Manfred Schweigkofler mit Organisation und Koordinationdes Galaprogrammes betreut werden. Georg Mittendrein legte sich quer und der Alfred-Meschnigg-Gegenvorschlag der VBB kam nicht zum Tragen, worauf man sich auf Irene Lösch, Marco Bernardis ehemalige TSB-Regieassistentin, einigte. Diese ist zuständig für die Ausrichtung der feierlichen Eröffnung des Hauses am 9. und für die "Tage der offenen Tor" am 10. und 11. September. Diese Eröffnung findet als geschlossene Vorstellung für die Prominenz statt, als Regierungsvertreter wird Vizepremier Sergio Mattarella erwartet.

Deutscherseits besteht das Kulturprogramm der darauf folgenden Wochen in der Hauptsache aus Einkäufen. Hanna Schygulla (mit Jean Marie Senia) ist gegen eine Gage von 34 Millionen zu hören, das Musiktheater Hagen führt Ludwig ThuilesOper "Gugeline" auf (100 Millionen Honorar plus Spesen für 160 Personen - reichen300 Millionen?).Namen wie Krista Posch und Julia Gschnitzer sind gefallen. Die VBB bringen Herbert Rosendorfers "Oh Tyrol oder Der Letzte auf der Säule" (8.10.)und William Shakespeares "Romeo und Julia" (14.10.).Am 30.9. und am 1. und 2.10. sind die "Tap Dogs" mit Step dance an der Reihe. Die italienische Seite entschied sich für Rossinis "Il barbiere di Siviglia" (Gastspiel am 9.10.). Scaccia, Salinas und Giorgio Gaber werden auftreten. Dario Fo sagte ab. Das TBS bringt als Eigenproduktion Shakespeares"Die lustigen Weiber von Windsor". Die musikalischen Darbietungen obliegen dem Haydn-Orchester.

Auch das einheimische Amateurtheater darf nicht fehlen. Den Medienzufolge sollten die "Rittner Sommerspiele" mit einer Szzene aus Felix Mitterers "Stigma" die Prominenz beglücken. Der Vorstand erklärte, er habe nie beabsichtigt, sich an diesem "bunten Abend" zu beteiligen und der LR Hosp setzte sich empört gegen die "Unterstellung" zur Wehr, er wolle unter Mitterers Mantel seine "Rittner Sommerspiele"ins Bozner Stadttheater einschleusen, nachdem er den Theaterbau jahrelange bekämpft hatte.

Die verfahrene Situation erhielt zusätzlich Schlagseite durch die unerwartete Kündigung Georg Mittendreins. Es hätte ein erlösender Schlag sein können, denn außer Krokodilstränen hatten die VBB für den selbsternannten sich "preußisch" gebärdenden Intendanten nichts übrig. Anstattzu einem Neuanfang anzusetzen, flüchtete man sich in eine neue Fiktion, indem man ein Leitungsgremium (Jörg Neumann, Thomas Seeber, Pietro Callegari und Erich Innerebner) ins Leben rief, welches die (nicht vorhandenen Kastanien) aus dem Feuer holen sollte. Um vom Tohuwabohu abzulenken, wurde zunächst Dieter Dorn, der Intendant der Münchner Kammerspiele, als möglicher Mittendrein-Nachfolger ins Gespräch gebracht.

Zum Piepen.

Nach Mittendreins dreihundert Tagen entsprangen dem Zauberhut der VBB Carsten Bodinus als Regisseur des Shakespeares-Projekts und Jörg Neumann als künstlerischer Leiter. Der unbedarfte "Lückenbüßer" aus Leipzig steht der "Vie-rerbande" als "Ansprechpartner für künstlerische Fragen" vor und will Mittendreins Spielplan über das neue Führungsmodell mit "Inhalt" füllen. Am 4. August gab er das Kernensemble bekannt, das aus der Berufsschauspielerin Linde Prelog und den Amateuren Georg Kaser, Günther Götsch und Peter Mahlknecht besteht, und stellte den Spielplan vor, der von beispielloser geistiger Bescheidenheit ist (Die Talferbühne darfeinen Monat lang das Kammertheater mit ihren Schildbürgern blockieren). Dieser Zauber kostet die öffentliche Hand 2,5 Milliarden Lire.

Die Lage wird immer absurder. Neumanns kollektives Führungsmodell ist Augenauswischerei und eines Stadttheaters unwürdig. Mit einem Notariatsakt wurde das magere Ergebnis, das sich "Statut" nennt, besiegelt. Der VBB-Vorstand wurde von fünf auf sechs Mitglieder ausgeweitet(zwei Landes-, ein Stadt- und drei VBB-Vertreter) und ein Gremium eingesetzt, in welchemsechs politische Vertreter von Stadt und Land und sechs VBB-Leute sitzen. Nirgends hat die Politik eine Mehrheit, der Etikettenschwindel geht weiter und die VBB können weiterwurschteln und -streiten. Eine "schwache" Lösung.

Eine starke Lösung dagegen schlug Klaus Runer vor: Stillegung der VBB, Gründung einer unabhängigen Körperschaft des öffentlichen Rechts durch Land und Stadt und Einsetzung einer Findungskommission zur Bestellung eines kompetenten Intendanten.

Denkste! Ein neues Statut ohne künstlerischen Inhalt mußte her, das die Herrschaftsverhältnisse im Lande widerspiegelt und die abgestandene VBB-Brühe auftischt. Der zu bestellende Intendant muß vor allen anderen Eigenschaften eine dicke Haut haben (Seeber).

Wie belebend könnte es sein, wenn sich anläßlich des erweiterten Eröffnungsprogrammes die einheimischen Theaterschaffenden künstlerisch messen würden. DasTeatro Stabile bringt "Die lustigen Weiber von Windsor", die VBB warten mit "Romeo und Julia" auf, das Freie Theater Bozen hat "Macbeth" auf dem Programm, das Meraner Altstadttheater baut auf "Maß für Maß" und die Carambolage holt ihren zweisprachigen "Sommernachtstraum" wieder hervor. Ein wahres Shakespeare-Festival, das jedes Herzhöher schlagen lassen müßte. Ein Wettbewerb der künstlerischen Qualität, wo Weizen sich vom Spreu trennt.Wer aber die hiesigen Verhältnisse kennt, kann nur befürchten, daß da nichts getrennt werden wird. Man wird weiterhin loben und verschleiern, nichts wird sich ändern, damit einmal das gefördert wird, was förderungswürdig ist.Es wäre eine einmalige Chance, mit dem "Theater" aufzuräumen und echtes Theater zu machen, das neue Haus mit Inhalt zu füllen anstatt mit Schall und Rauch und nur das hineinzulassen, was eines Stadttheaters würdig ist, Gewurschtele nicht mehr hoch zu subventionieren und den Bau nicht als Megaentertainmenthalle feilzubieten.

Beruhige Dich, mein Herz! Fragen werden nicht gestellt, Neugierde nicht geweckt, Sehnsucht nicht bewußt gemacht, Visionen und Hoffnungen nicht geschaffen, Betrug, Intrige und Gewalt nicht demaskiert werden. Du wirst das Ergebnis eines katastrophalen Theaterpolitik erleben, die jahrzehntelange alles daransetzte, ein Berufstheater zu verhindern, die nicht imstande ist, die Struktur, die sie mitgeschaffen hat, irgendwie mit einheimischen Kräften und Inhalten zu füllen. Der Kulturimport wird weitergehen und in ärgste Handlungsnot geratene Theaterpolitik alles unter den Teppich kehren. Am 9.9. werden sich Selbstdarstellung und Selbstbeweihräucherungdie Hand geben und alles wird wieder eitel Wonne und Sonnenschein sein.Und Thalia eine einsame Eckensteherin.

 


Das chronische Lamento der "SVP-ARBEITNEHMER"

Mit den ersten Herbstnebeln taucht auch wieder das Lamento der "Arbeitnehmer in der SVP".auf. Sie klagen, daßsie von der "Mutterpartei" vernachlässigt werden, daß man ihre soziale Arbeit nicht unterstützt, sie betonen ihre "unersetzliche Rolle" in der sogenannten Sammelpartei und verlangen eine eigene Organisation, natürlich mit der dazugehörenden Finanzierung. Vorsichtig drohen sie mit dem kleinen Edelweiß bei den nächsten Gemeindewahlen.

Es ist ein peinliches Affentheater, das in fast regelmäßigen Abständen von dieser Gruppierung innerhalb der SVPveranstaltet wird. Zwanzig Jahre lang haben die Spitzenvertreter der Richtung davon bestens gelebt, haben damit Posten und Pfründe erobert, Freund und Feind beeindruckt. Nun ist der Bann weitgehend gebrochen, die Meldung erschüttert weder die SVP-Führung noch die Öffentlichkeit, selbst den "Dolomiten" ist sie nur wenige Zeilen wert.

Alle wissen, daß dies nur ein Schattenboxen ist und hinter diesen Forderungen keine politische Kraft steckt. In der SVP selbst ist man der Meinung, daß die fünf Landtagsabgeordneten, die sich auf die Richtung der "Arbeitnehmer" berufen,mit der oft wundersamen Erreichung des Landtagsmandats und den dazugehörenden Einnahmen von ca. 18 Millionen pro Monat über ihre Verdienste hinaus belohnt worden sind. Von ihnen ist weder ein politische Konzept noch eine sozialpolitische Linie bekannt, die von ihnen gewählte Bezeichnung "Arbeitnehmer" löst vielfach nur Kopfschütteln und Verwunderung aus.

Heute ist diese Gruppierung nur der Überrest jener Formation, die Magnago und die Konservativen zur Ausschaltung der Sozialdemokraten ins Leben gerufen haben. Inzwischen sind diejenigen unter ihnen, die nach jahrelangem Verbleib in Spitzenpositionen der SVP sich nicht mehr mit der Rolle des sozialdemokratischen Feigenblattes begnügen wollten, schließlich kaltgestellt worden oder freiwillig ausgeschieden.

Von den anderen, die noch in der Sammelpartei "ausharren" ist nichts mehr zu befürchten; sollten sie lästig werden, gibt es in der SVP und in der Landesverwaltung noch genug Nebenposten, um sie zu versorgen. Momentan scheint die Namensänderung ihr größtes politisches Problem zu sein. Die noch vor einigen Jahrenimmer wieder geäußerte Drohung der "Arbeitnehmerführer", man werde, wenn die "Mutterpartei" nicht einlenkt, eine eigene politischeBewegungins Leben rufen wird dort nur mehr mit einem Lächeln quittiert. "Ich glaube nicht, daß die Vertreter dieser Richtung freiwillig von den üppigen Töpfen der SVP lassen werden," - so formulierte es ein maßgebender SVP-Politiker - "aber sollten sie es tun, sind sie spätestens nach einem Monat mit dem Arsch am Boden". Das dürfte stimmen.

 

Saufen, Saufen, Saufen

Vor knapp einem Monat sind zwei Jugendliche, die in der Meraner Gegend mit ihren Motorrollern unterwegs waren von einem angetrunkenen Autofahrer frontal erfaßt und getötet wordenDas isteine der vielen tragischenFolgen eines landesüblichen Südtiroler Lasters: des Alkoholmißbrauches.

Es gibt keine Bevölkerungsgruppe oder Schicht, die davor gefeit ist. Ob in den Etagen der Unternehmen, den Sälen des Landtages, den Arbeitsplätzen des "einfachen Volkes", das Saufen gehört zu den geduldeten und sozial erlaubten Ritualen der Gesellschaft. In gewissen Kreisen von Jugendlichengilt das Besäufnis vom Wochenende sogar zu den fixen Terminen, die den echten Mann auszeichnen. Alkohol ist eine legale Droge, deren Konsum nicht nur mit Nachsicht, sondern vielfach mit Sympathie verfolgt wird.. Der angetrunkene Bürger wird mit Wohlwollen behandelt, ganz in Gegensatz zu den "kriminellen Elementen", die andere Drogen konsumieren. Wenn bei irgendeiner Veranstaltungein Betrunkener lautstark wird, so behandelt man ihn meistens wie eine heilige Kuh und mißbilligt alle diejenigen, die energisch dagegen auftreten.

Ein solches Verhalten der Gesellschaft ist widersinnig und schädlich. Der Mann, der im Suff Menschen umbringt, ist ein Mörder, der keinerlei Nachsicht verdient, sondern in verstärktem Maße zur Rechenschaft gezogen werden sollte. In der Praxis kommen abersolche Personen kaum oder nur für ganz kurze Zeit ins Gefängnis, wobei die umständliche italienische Gerichtsordnung ihnen besonders entgegenkommt.

Auch abgesehen von solchen aufsehenerregenden Fällen sind die Folgen des Alkoholmißbrauches dramatisch. Neben den offensichtlichen Alkoholikern, die der Volksmund als Rauschkugeln bezeichnet, gibt es eine weitaus höhere Anzahl von Männern und Frauen, die dem Alkohol verfallen sind und dies mehr oder weniger geschickt verbergen. Das ändert nichts an den schweren Schäden, die im Körper wie im Geiste der Alkoholiker auftreten: körperlicher Verfall, Leistungsminderung, charakterliche Veränderungen... Dazu kommen die folgenreichen genetischen Schäden: gerade Südtirolhat einen wenig schmeichelhaften Rekord an geistig und körperlich Behinderten, die eindeutig auf das Konto des Alkoholmißbrauches gehen. Unter dem Strich sind die Kosten, die durchden Alkoholmißbrauch in der Gesellschaft anfallen, enorm hoch.

Das alles ist der breiten Öffentlichkeit in Südtirol längst bekannt, man redet darüber, machtWitze, aber abgesehen von einigen Vereinen, die mit bescheidenen Mitteln gegen die Trunksucht ankämpfen, geschieht wenig oder nichts. Im Gegenteil, man versucht mit allerlei Initiativen und mit Hilfe der Behörden in einem skandalösen Ausmaß den Alkoholkonsum im Lande zu fördern.

Obwohl Südtirol über eine große Auswahl an Gasthäusern Bars und Hotels verfügt und sich somitjeder Bürger praktisch jederzeit jede Form von Alkohol beschaffen kann, übertreffen sich die Gemeinden besonders in den Sommermonaten in der Veranstaltung von Festen, die dem Saufengewid-met sind.

In dieser Zeit folgt ein Sauffest dem anderen, wobei es an phantasiereichenBegründungen nicht fehlt. Ob als Dorffest, Sommerfest, Früh- oder Spätschoppen, Vereinstreffen bezeichnet, geht es stets darum, an einem bestimmten Ort eine möglichst großen Anzahl von Einheimischen und Fremden zu einem verstärkten Alkoholkonsum anzuregen. Und es klappt bestens. Unter dem meist ohrenbetäubenden Lärmeiner Musik, die ganze Dörfer und Täler oft bis 3 Uhr nachts wach hält, lassen sich Männlein und Weiblein mehr oder weniger schnell vollaufen. Gegen Ende des Festes schwebt dann meist über dem Festplatz der Geruchvon schlechtem Fett, Erbrochenem und Urin.

Aber das nehmen die meisten Festgäste längst nicht mehr wahr, wenn sie mehr oder weniger besoffen nach Hause gehenDie Veranstalterzählen inzwischen das Geld und stellen mit großem Vergnügen fest, daß es sich finanziell gelohnt hat.Es sind durchwegs die lokalen Vereine, die als Veranstalter solcher Feste auftreten und auf diese Artdie Vereinskasse auffüllen, obwohl sie durchwegs vom Land üppig subventioniert werden. Ja, sie betrachten sogar die Veranstaltung solcher Sauffeste alsihr Recht, das sie auch gegenüber den Behörden durchzusetzen gewohnt sind.

Was machen aber die Vereine mit diesen durch den verstärkten Alkoholkonsum gewonnenen Einnahmen? Die Antwort darauf ist ebenso einfach wie einleuchtend. Die Vereine veranstalten damit eine Fahrt ihrer Mitglieder nach Prag, Mallorca , Teneriffa oder irgendeinen anderen touristischen Ort, um dort lustig zu sein und an Ort und Stelle kräftig zu saufen. Damit schließt sich der Kreis, derscheinbar zu den Motoren des modernen Tourismus gehört.

Trotzdem ist es ein beschämendes Schauspiel, wenn auf diese Art mit aktiver Förderung der Behörden und aus reiner Gewinnsucht die Volksgesundheit geschädigtund dem grassierenden Alkoholismus Vorschub geleistet wird.

Lieber Leser, liebe Leserin!

Setzen Sie sich als Bürger/in in Ihrer Gemeinde entschieden und offen dafür ein, daß die Zahl der Sauffeste reduziert wird. Sie können dieserreichen, wenn Sie wollen.

 

Die Südtiroler Schützen auf Abwegen

Die merkwürdigen Aussagen des Südtiroler Landeskommandanten Piok

Als Kaiser Maximilian im Jahre 1511 mit dem Landlibell das Tiroler Schützenwesen reglementierte, hatte dies eine eminente militärische Bedeutung. Die Schützen sollten die militärische Verteidigung der Heimatgarantieren und nur in diesem Bereich eingesetzt werden.

Seither sindfast fünf Jahrhunderte vergangen, die politischen, gesellschaftlichen und waffenteschnischen Veränderungen haben den Sinn und die Aufgabe des Tiroler Schützenwesens grundlegend verändert. Bereits im Ersten Weltkrieg wurden die Tiroler Kaiserjägerregimente in Galizien, ander Ostgrenze des Kaiserreiches eingesetzt, was grundsätzlich gegen die Bestimmungen des Tiroler Landlibellsverstieß, aber den Notwendigkeiten einer modernen Kriegführung entsprach.

Heute im Atomzeitalters haben die Schützenweder eine militärische Bedeutung noch eine solche Aufgabe. Als Traditionsverein gehören sie aber zur Geschichte dieses Landes undes ist erfreulich, daß es immer wieder Männer gibt, die sich dieser Tradition verpflichtet fühlen. Allerdings müssen sie sich nun nach einem neuen Selbstverständnis und neuen Aufgaben in der Gesellschaft umsehen.

Damit scheinen siein Südtirol erhebliche Schwierigkeiten zu haben denn manche Erklärung der Führung der Schützen läßt aufhorchen. Dabei geht es weniger um die sterile Polemik, die über das Tagen von Waffen seit Jahren ausgefochten wird , als vielmehr über die Aussagen der Schützenführung, insbesondere des Landeskommandanten Dr. Piok.

Es ist unverständlich, ja absolut widersinnig, wenn Südtiroler Schützentreffen zu politischen und nationalistischen Veranstaltungen umfunktioniert werden. So erklärte der Landeskommandant Piok beim 40jährigen Jubiläum der Schützenkompanie Truden, daß die Südtiroler Schützen sich gegen die "Unterdrückung und Assimilierung durch einen aufgezwungenen Staat" wehren müßten. Das sind Aussagen, die in keiner Weise der Wirklichkeit entsprechen, denn die Assimilierung betrifft höchstensjene Italiener, die in den Tälern leben und dort als Volksgruppe allmählich verschwinden. Südtirols politische Autonomie ist von der Bevölkerungdurchaus akzeptiert und garantiert ihr ein Höchstmaß an Freiheit und Entfaltung.. Der "aufgezwungene Staat"ist sogar in finanzieller Hinsicht äußerst attraktiv, denn niemals hat dieses Land einsolches Maß an Wohlstanderreicht.

Skurril wird die Sache, wenn Piok die Behauptung aufstellt, die Schützen "müßten wieder kämpfen", wobei er in erster Linie "die Zersiedelung des Landes, den Transitverkehr und die unbegrenzte Freiheit des Marktes"im Visier hat. Abgesehen davon, daß es äußerst fraglichist, wie die Schützen einen solchen Kampf führen können, bekommen solche Töne einen nationalistischen Anstrich, wenn gleichzeitig die radikale Abschaffung der italienischen Namen in der Südtiroler Toponomastikgefordert wird. Piok meint außerdem, die Europaregion gerate in Gefahr, "zur egoistischen Zweckgemeinschaft Trentiner Interessen zu werden.". 

( Bild fehlt: Der Landeskommandant der Südtiroler Schützen Dr. Richard Piok(re)mit dem SüdtirolerBundesmajor Ing. Gutweniger

Seine negative Haltung zu Welschtirol bekräftigt er, wenn er sagt, daß er die Gründungsurkunde der Trudener Schützen, die sich in Trient befindet, dort nicht abgeholt habe, weil für ihn "Trient nicht nur räumlich, sondern auch geistig viel weiter wegist, als dieLandeshauptstadt Tirols".

Besonders letztere Aussage zeigt, daß Herr Piok ein gestörtes Verhältnis zum historischen Land Tirol und zu seiner Geschichte hat. Tirols Schützen waren stets das Symbol der Tiroler Einheit und kannten keine nationale Abgrenzung innerhalb des Landes. Andreas Hofer, das große Vorbild der Tiroler Schützen und ihr Kommandant im Freiheitskrieg 1809,wurde auch deshalb zum Landeskommandanten gewählt, weil er gut italienisch sprach. Bekannt ist sein Aufruf an seine "herzallerliabsten Welschtiroler Schützen", am Kampf gegen Bayern und Franzosen teilzunehmen, und seine Wallfahrt zusammen mit ihnen nach San Romedio im Nonstal.

Seither hat sich vieles verändert, besonders der Nationalismus und der darauf beruhende Faschismus haben tiefe Gräben aufgerissen und zu einer Entfremdung zwischen den deutschsprachigen Tirolern und den Trentinern geführt. Im Zeichen der europäischen Einigung sollte man alles unternehmen, um die Einheit des Landes Tirol vor allem in den Köpfen der hier lebenden Menschen wieder herzustellen.

Es ist ein Kampf, der keinen Ruhmund keine Medaillen verspricht, manchmal sogar Niederlagen und Enttäuschungen einbringt. Es ist nämlich leichter nationalistische Vorurteile zu verbreiten und die Menschen gegeneinander zu hetzen, als den Ausgleich und den Frieden zu suchen. Das bestätigen leideraktuelle Beispiele in ganz Europa, Südtirol ist dabei keine Ausnahme.

Es wäre daher eine neue große und sinnvolle Aufgabe für dieSüdtiroler Schützen, sich für das friedlichen Zusammenlebens zwischen den Menschen verschiedener Sprache indieser Region einzusetzen. Das erfordert weitaus mehr Zivilcourage undmehr Mut , als alle lautstarken patriotischenund kriegerischen Erklärungen zusammen.

 

Gemeindewahlen 2000

Derzeit wirdim Regionalrat über das Gemeindewahlrecht in der Region diskutiert. Es geht dabei vor allem um das Vollmandat als Voraussetzung für den Einzug in den Gemeinderat der größeren Gemeinden und einige weitere Änderungen. Anschließend muß das Gesetz noch von der Zentralregierung genehmigt werden.

Nach dem überraschenden Sieg der SVP bei den Regionalratswahlen 1998 ist dieser Wahlgang in den Gemeinden von besonderem Interesse. In Bozen und Meran wird die SVP möglicherweise versuchen, das ethnische Moment in den Vordergrund zu schieben, aber in den übrigen Gemeinden ist dieses Argument angesichts der eindeutigen deutschsprachigen Mehrheiten hinfällig.

Wird es nunin den Gemeindestuben zu einer klaren politischen Artikulierung im Sinne einer Parteienvielfalt kommen odergelingt es der SVP weiterhin, diese Wahlen zu entpolitisieren? Bisher istihr diesimmer gelungen, indem siewohl Standesinteressen gegeneinander ausgespielt , aber politisch -ideologische Differenzen schlechthin geleugnet hat. Es wurde stets die These vertreten, daß das Rechts-Links-Schema längst hinfällig und überholt sei.Es gehe - so hieß es - nur um Sachfragen und Personen. Hinter solchen Formulierungen verstecken sich besonders diejenigen Gruppen, die starke wirtschaftliche Interessen haben.

Gerade die Politik der Landesregierung in den letzten Jahren zeigt, daßsich unter dem Etikett der "ethnischen Solidarität" und der "guten Verwaltung" die Interessen der sogenannten Wirtschaftskreiseeindeutig gegenüber allen anderen Sparten durchgesetzt haben. Man ist bereit immer neue Hotelbetten und Ausweitungder touristischen Zonen zu genehmigen, ist aber äußerst zurückhaltend, wenn es um soziale und ökologische Angelegenheiten geht. Zeigt jemand dies auf, so wird er gleich als Feind der Wirtschaft hingestellt.

In Wirklichkeit ist auch die Gemeindepolitik nichts anderes als die Auseinandersetzung zwischen den verschiedenen gesellschaftlichen Interessengruppen und die Festlegung der Prioritäten. Es ist absurd, wenn in einem Dorf, das eine maximale touristische Expansion aufweist, diesestets den Vorrang hat, während sich gleichzeitig ein Bewohnerdesselben Dorfes keine normale Wohnung am Ort leisten kann. Das sind soziale Schieflagen, die auf die Dauer untragbar sind. Es ist auch beschämend, wenn auf der einen Seite 160 Milliarden für den Bau eines Spaßbades bereitstehen, aber gleichzeitig im ganzen Lande Einrichtungen für Alte und Pflegebedürftige fehlen, die dann vielfach auf teure Privatinstitute angewiesen sind.

Es gibt im übrigen, besonders auf Gemeindeebene, eine ganze Reihe solcher Situationen, die kritisch erfaßt werden müssen. So wird zum Beispiel immer wieder auf die schwierigeSituation der Bergbauern hingewiesen, die in einer Welt, in der die Produktivität maßgebend ist, eindeutig zu kurz kommen. Gleichzeitig nimmt man es aber als selbstverständlich hin, daß die Agrarpolik im Lande von den großen Obstproduzenten im Tal gemacht wird, die mit dem Bergbauern überhaupt nichts gemeinsam haben.

"Sollten Ihneneine politische Idee einfallen, teilen Sie es mir mit"

"Einverstanden, Sie auch "aus Le Monde"

Die Folge davon ist, daß die Förderungsmittel vor allem den Obstproduzenten zugute kommen und die bedürftigen Bergbauern weitaus schlechter abschneiden.

Um dem abzuelfen mussen die Benachteiligten versuchen, ihren politischen Einfluß zu verstärken, indem sie sich organisieren und die Interessenkonflikte, die in der Gesellschaft bestehen und die völlig legitim sind, offen aufzeigen. Das kann in der Demokratie nur im Rahmen verschiedener Parteien geschehen. Weder der jeweilige Verband noch die jeweilige Gewerkschaft können diese Aufgabe erfüllen.

Südtirol hat infolge seiner nationalen Probleme diesen demokratischen Lernprozeß noch immer nicht ganz mitgemacht und nimmt deshalb gegenüber den anderen Regionen, auch im deutschprachigen Raum, eine Sonderstellung ein. Es ist deshalb zu wünschen, daß die Gemeindewahlen 2000 zur Normalisierung der Demokratie in Südtirol beitragen.

 

Münchhausiade

"Ganz Europa reißt sich ums Kurbad". Unter diesem reißerischen Titel berichteten die "Dolomiten" über eine Informationsveranstaltung, die kürzlich in den Thermen von Meran stattgefunden hat. Bei dieser Zusammenkunft von ungefähr 50 vorwiegend einheimischen Architekten wurden die Wettbewerbslinien des neuen "Spaß- und Kurbades" Meran erläutert.

Das Projekt hat offensichtlich einflußreiche Paten, die sich aus diesem Monsterprojekt große Gewinne erhoffen.Reichlich komisch ist allerdings ihre Behauptung Meran könne mit der Kombination von Spaß- und Kurbad - an sich schon ein unvereinbarer Gegensatz - aus seinem angeblichen"Dornröschenschlaf" erlöst werden.

Meran braucht aber keine rummelplatzartigen Disney-Land-Initiativen, sondern Maßnahmen, die den Charakter der Kurstadt wahren und wiederherstellen.