18. Jahrgang - Nr.3 Mai/Juni 2002 - erscheint zweimonatlich
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In dieser Ausgabe:
Zweisprachigkeit in Südtirol
Schwierigkeiten,Chancen und Gefahren
 
Die Sanität der Funktionäre
Der Bürger muß leiden und blechen
 
Thermalwasser gesucht
Eine endlose Meraner Geschichte
 
Streitbeilegung
Die Feier der vielen Väter des Abkommens
 
Volkszählung mit Überraschungen
Mut zur Öffnung?
 
Leserbriefe

 
Das neue Wahlgesetz
Probebank für die Südtiroler Demokratie
 

WER SIND WIR? WAS SIND WIR?
Betrachtungen zum Wandel der Süd-Tiroler Identität (4. Teil / Schluß) von Gerhard Riedmann

Konkrete Perspektiven?
Jede Gesellschaft braucht eine Mythologie, irgendeine Verbindung zu Höherem, auf das sie stolz sein kann. Seit 1919 ist uns keine staatliche Kontinuität vergönnt. Wir werden wohl auch in Zukunft immer ein Defizit an Entfaltungsmöglichkeiten haben: nach Österreich hin als staatsrechtliche "Ausländer", und nach Italien hin, weil gewisse Bedenklichkeiten und Unberechenbarkeiten uns gegenüber bestehen bleiben. Wo sind wir als vollwertige Entitäten anerkannt?

Nach 1919 igelten wir uns politisch und kulturell ein. Und waren lange nostalgisch. Nach 1945 war die Politik ethnisch ausgerichtet, Volkstumskampf. Es ging ums Überleben. Mit Landeshauptmann Luis Durnwalder haben sich die Dinge grundlegend geändert: er setzt vor allem auf die wirtschaftlich-materielle Karte, eine Trumpfkarte. Im sozialen Bereich geht es ihm primär um die Errichtung von sündteuren, selbstdarstellerischen Prunkbauten, an Konzepten denkt er im Nachhinein. Oder schenkt sie sich. Inhalte: Ein Herzensanliegen? Kaum. Dennoch sind seine Popularitätswerte schwindelerregend. Auch die Italiener zollen ihm Anerkennung und nennen ihn "Durni". Ein Kuscheltier, das über allen sein Füllhorn ausschüttet. Auf der Strecke aber droht das Lebendige zu bleiben. Das, was unsere Zukunft ist, und das ist die lebendige Kultur. Tourismus, Wirtschaft und Sport verschlingen das Land. Man zerstört bedenkenlos und wie im Rausch wertvolles Naturgut, weil die Geldmittel verpulvert werden müssen, damit Platz für nachdrängendes Kapital geschaffen werden kann. Mit Überaktivität und Übermotorisierung wollen wir der Welt anscheinend zeigen, daß wir überall Spitze sind. In Wirklichkeit sind wir ein Tummelplatz der Mittelmäßigkeiten und bejubeln die unselige Verquickung von Minderwertigkeitskomplex und Profilierungssucht. Eine gewisse Lebenskunst haben wir uns zurechtgelegt, einen kommoden materiellen Hedonismus Die joviale Zurkenntnisnahme einer sinnlichen Wirklichkeit der Dinge, Gleichgewicht von Vernunft, Empfindsamkeit, Fleiß und Genußsucht. Eine wichtige Strategie des Überlebens. Immer geschickter die rauhen Lebensrealitäten zu überlisten.

Kein Unding. Aber man darf es dabei nicht belassen, man muß über den Tellerrand hinausschauen. Wir sind gewiefte Slalomfahrer auf eisigem, senkrechtem Parcours. Die Wirtschaft haben wir umstrukturiert und können mit allen mithalten. Wir scheffeln Geld, die ökonomische Prosperität schießt nach Wildwest-Manier ins Kraut, wir verwüsten bedenkenlos ganze Landstriche und zerstören wertvolles Kulturgut, zelebrieren die Mediokrität, bestrafen geistige Leistung, züchten ganze Kohorten von Jasagern, grenzen Anpassungsverweigerer aus, gehen in Kenia auf Löwen- und in Polen auf Wild- schweinjagd, in Kanada betreiben wir Heliskiing, ver- Der Tiroler Adler betreiben wir Heliskiing, vergnügen uns in Thailand. Nichts ist uns zu teuer, wenn es nur dem eigenen Luxus dient. Ausgestelltes von Parvenüs. Wir entwickeln ein pfiffiges Gemüt.

 

Die Ungarn verdankten dem Gulaschkommunismus ihre Rettung vor den Übergriffen der Roten Armee.Und wir? Wir bejubeln die kommode Diktatur. Heuchelei über Heuchelei. Ist es nicht Aufgabe der Kirche, einmal wie weiland Jesus im Tempel dreinzufahren? Sack und Asche zu verpassen? Metaphorisch natürlich. Warum fehlt es der Kirche vielfach an Zivilcourage? Unsere siegreiche Waffe ist die Vermählung von Knödel und Pizza. Ist das Römische Reich nicht an seinem Luxus und seiner materiellen Unersättlichkeit zugrunde gegangen? Warum florieren bei uns Suizid und Alkoholismus? Sind wir eine glückliche Gesellschaft?

Wir setzen uns unzureichend mit den Problemen auseinander und schieben Lösungen und Diskussion von uns weg. Die Ursachen? Materielle Übersättigung. Keine Wünsche, keine Sehnsüchte, keine Visionen. Um so selbstverständlicher aber die Forderungen. Als ob das Erworbene ständiger Besitz bliebe. Und ewig die wellness. Jeder darf ins Volle greifen, und meist greift er ins Leere. Wer gibt eine Linie vor, wo sind Orientierungsmarken? In dieser Situation sind Historiker, Politologen und Soziologen gefragt. Und vor allem mutige Philosophen. Zur Grundlagenforschung. Und verantwortungsbewußte Künstler. Fehlen diese Kräfte? Oder sie sind bloß nach innen emigriert? Weil man sie nie gebraucht hat?

Durnwalders Politmodell ist nicht identitätsstiftend, weil es materialistisch und keiner Vision vorgeschaltet ist. Der erfolgreiche Macher löst allzu vieles mit Geld. Und mit Maskenspiel. Selbsttäuschung über Selbsttäuschung. Das Geld ist der einzige Wert. Alles ist käuflich. Egozentrische Bereicherungssucht hat unsere Gesellschaft überwältigt. Retten kann eine Gesellschaft nur ein verbindlicher ethischer Minimalkonsens und Wertbegriffe, die auf Sitte und Tradition beruhen.

Ich denke, daß der Gang der Dinge nicht meinen Wünschen, sondern meinen Befürchtungen recht gibt. Ich kann nur beten, daß der Pleitegeier den Tiroler Adler nicht verschlingt.