18. Jahrgang - Nr.3 Mai/Juni 2002 - erscheint zweimonatlich
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In dieser Ausgabe:
Zweisprachigkeit in Südtirol
Schwierigkeiten,Chancen und Gefahren
 
Wer sind wir, was sind wir
(4.Folge/Schluß)
Anmerkungen zur Südtiroler Identität
 
Die Sanität der Funktionäre
Der Bürger muß leiden und blechen
 
Thermalwasser gesucht
Eine endlose Meraner Geschichte
 
Streitbeilegung
Die Feier der vielen Väter des Abkommens
 
Leserbriefe

 
Das neue Wahlgesetz
Probebank für die Südtiroler Demokratie
 

ES BRAUCHT NUN DEN MUT ZUR ÖFFNUNG

Die Ergebnisse der Volkszählung des Jahres 2001 räumen mit einer Reihe von Vorurteilen, falschen Gemeinplätzen und Schlagworten auf, die immer noch in der Südtiroler Gesellschaft kursieren und das Zusammenleben belasten. So zeigt die nüchterne Statistik, daß in den letzten zehn Jahren die Konsistenz der Volksgruppen in Südtirol im wesentlichen unverändert geblieben ist und daß alle Todesmarschparolen billige parteipolitische Propaganda waren. Das gilt besonders für die italienische Volksgruppe, die in den letzten Monaten von römischen Politikern mit solchen Parolen bombardiert wurde. Speziell Minister Frattini hat alles unternommen, um eine Untergangsstimmung bei den Italienern der Provinz Bozen zu erzeugen und sich dann als Retter in höchster Not zu präsentieren. Daraus wurde ein politischer Flop. Die Italiener haben sich gut behauptet, nicht nur in Bozen, wo sie in der Überzahl sind, sondern auch in anderen Südtiroler Gemeinden. Das heißt, daß Italienischsprachige sich auch problemlos und gerne in Gemeinschaften niederlassen, in denen die Deutschen bei weitem überwiegen.

Wenn man bedenkt, unter welchen nationalistischen, imperialistischen Vorzeichen die italienische Einwanderung nach Südtirol vor nunmehr 80 Jahren begonnen hat, kann man ermessen, welch großer Wandel sich in den Köpfen und Anschauungen vollzogen hat. Ein Großteil der Italiener, die in Südtirol leben, verbindet seine Präsenz im Lande nicht mehr mit dem Siegesdenkmal, sondern mit der Arbeit, die er hier, auch im Interesse des Landes, leistet.

Längst hat sich in diesen Kreisen die Erkenntnis durchgesetzt, daß die Beherrschung der deutschen Sprache weitaus mehr bringt als das Schwenken der Trikolore oder patriotische Sprüche. Der italienische Bürger weiß inzwischen, daß sein Engagement im Lande auch für die autonomen Institutionen viel wichtiger ist als die politische römische Rückendeckung, die ihm so oft versprochen wurde. Langsam aber sicher wächst jener Südtiroler italienischer Sprache heran, den die Südtiroler Sozialdemokraten unter dem Gespött der Scharfmacher beider Lager als eines ihrer politischen Hauptziele angestrebt haben.

Diese Entwicklung hat natürlich entsprechende schwerwiegende und langfristige Auswirkungen auf das Leben und die Politik der Deutschsprachigen und Ladiner in diesem Lande. Auch in diesem Lager gab und gibt es noch immer Agitatatoren, die aus parteipolitischen Gründen Ängste und Untergangsprognosen verbreiten. Sie brauchen diese Panikmache, um ihr parteipolitisches Monopol aufrechtzuerhalten und jeden echten politischen und kulturellen Pluralismus im Lande zu unterdrücken. Das Modell der Sammelpartei hat nur dann Sinn und Berechtigung, wenn man eine permanente Gefährdung der Minderheit durch den Nationalstaat vorspiegelt.

2001 – erfüllter Wunsch

Die Ergebnisse der Volkszählung zeigen nun in ganz eindeutiger Form, daß dies nicht mehr der Fall ist. Daraus ergibt sich die Notwendigkeit, neue politische und gesellschaftliche Ziele anzustreben.

Das bedeutet in der Alltagspraxis, daß die Politiker der Deutschen sich nicht mehr darauf beschränken können, die Anliegen ihrer eigenen Volksgruppe zu vertreten, sondern daß sie kraft ihrer numerischen Überlegenheit auch neue Modelle des Zusammenlebens entwickeln müssen, in denen der Südtiroler italienischer Sprache seinen Platz und seine Aufgabe hat. Ansätze dieser Erkenntnis haben sich bereits bei den Parlamentswahlen 2001 durchgesetzt, als der SVP-Mann Peterlini sich um italienische Stimmen und der Ulivo-Kandidat Bressa um deutsche beworben haben. Das hat bestens funktioniert, auch wenn die SVP-Parteiführung diese Aktion unter dem Druck des rechten Flügels nachträglich als rein wahltaktisches Manöver abzuwerten versuchte.

Es wäre aber Verrat an den Wählern und eine Verbauung der Zukunft, wenn man diese Entwicklung nicht systematisch weiterbetreiben würde. Die Zeiten des Volkstumskampfes sind vorbei und nur die Politiker von gestern haben das noch nicht verstanden. Die Politik der Öffnung muß sich vorerst vor allem auf dem Gebiet der Bildung und der Kultur entfalten. Die Deutschen dürfen nicht weiterhin so tun, als ginge sie das italienische Kulturleben nichts an. Das gilt natürlich auch in umgekehrtem Sinne für die Italiener.

Es muß ein konstanter Dialog stattfinden, der sich auch in der gesellschaftlichen und politischen Realität niederschlägt. Abschottung und Isolierung erzeugen nur Mißtrauen und Feindschaft. Immer wieder bestätigt sich die Richtigkeit der Aussage des Brünner Nationalitätenprogrammes der österreichischen Sozialdemokraten vom Jahre 1899, wonach „die Völker jeden Fortschritt ihrer Kultur nur in enger Solidarität miteinander, nicht in kleinlichem Hader gegeneinander erringen können."

Raeticus