18. Jahrgang - Nr.3 Mai/Juni 2002 - erscheint zweimonatlich
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In dieser Ausgabe:
Wer sind wir, was sind wir
(4.Folge/Schluß)
Anmerkungen zur Südtiroler Identität
 
Die Sanität der Funktionäre
Der Bürger muß leiden und blechen
 
Thermalwasser gesucht
Eine endlose Meraner Geschichte
 
Streitbeilegung
Die Feier der vielen Väter des Abkommens
 
Volkszählung mit Überraschungen
Mut zur Öffnung?
 
Leserbriefe

 
Das neue Wahlgesetz
Probebank für die Südtiroler Demokratie
 

ZWEISPRACHIGKEIT
Von einer verbreiteten Zweisprachigkeit ist die Südtiroler Gesellschaft immer noch weit entfernt – kleinkarierte parteipolitische Überlegungen haben weitsichtige Lösungen bisher verhindert - Gefahren und Chancen für die ethnische Minderheit

Vor wenigen Wochen hat der Bozner Staatsanwalt und Präsident der Sechserkommission Guido Rispoli die Einführung einer zweisprachigen Schule in Südtirol dringend gefordert und die Schüler aufgerufen, den bestehenden Unterricht der Zweitsprache ab sofort zu boykottieren. Wenig später ist die Intendantin der italienischen Schule in Südtirol, Frau Rauzi ,mit einem weiteren Plan an die Öffentlichkeit getreten; demnach soll es in Südtirol eine Schule geben, in der der Unterricht nicht nur in beiden Landessprachen, also deutsch und italienisch, sondern auch auf Englisch abgehalten wird.

Beide Vorschläge haben viel Staub aufgewirbelt und sind speziell in der lokalen italienischen Presse positiv beurteilt worden Ich bezweifle allerdings, daß man damit eine Lösung des Grundproblems erreichen kann. Das Grundproblem ist die mangelhafte Kenntnis der beiden Landessprachen in der hiesigen Bevölkerung, ganz besonders bei den italienischsprachigen Bürgern. Meist reicht es bei ihnen nur zur Verständigung auf niederem Niveau, in seltenen Fällen ist eine anspruchsvolle Konversation möglich. Der Südtiroler Alltag bestätigt dies: Wenn in einer Gesellschaft, die mehrheitlich aus Deutschsprachigen besteht, ein oder zwei Italiener anwesend sind, muß durchwegs italienisch gesprochen werden. Auch in gehobenen Kreisen sind wir von einer perfekten Zweisprachigkeit weit entfernt. Die Folge davon ist eine weitgehende kulturelle Entfremdung zwischen den Volksgruppen und eine Zunahme der nationalen Spannungen. Die Italiener fühlen sich durch ihre „Sprachlosigkeit" im Lande benachteiligt und vielfach auch ausgegrenzt. Die Ursachen für diesen unerfreulichen Zustand sind vielfältig. Sie reichen zurück bis zur Trennung Tirols im Jahre 1918 und zur Entnationalisierungspolitik der faschistischen Regierung. Deutsch war damals verboten und Italienisch die einzig gültige Staatssprache. „Siamo in Italia"- wir befinden uns in Italien – war lange Zeit der Spruch, mit dem jede Diskussion abgewürgt wurde. Leider hat diese Einstellung auch dazu geführt, daß in der vorwiegend in den Städten lebenden italienischsprachigen Bevölkerung die Motivation zum Deutschlernen fehlte. Inzwischen ist diese Einstellung weitgehend ausgestorben, aber sie wirkt in den älteren Generationen noch nach.

 

Ein weiterer Grund für diesen Mißstand ist die mangelnde Effizienz und die Provinzialität der staatlichen italienischen Schule. Die sogenannten Eliten wurden und werden in Italien in privaten, meist konfessionellen Schulen ausgebildet. Aber selbst in diesen ist der Unterricht einer Fremdsprache oft mangelhaft. Es ist kein Zufall, daß die Italiener auf internationalen Kongressen kaum vertreten sind. Sie beherrschen die Fremdsprachen nicht. Kritische Geister wie der verstorbene Starjournalist Montanelli haben in diesem Versagen der staatlichen Schule einen der Hauptgründe für die Mängel der italienischen Gesellschaft geortet.

Der dritte wichtige Grund für diese Entwicklung sind die groben Fehler, die die Regierenden in Südtirol in den vergangenen 30 Jahren gemacht haben. Das betrifft in erster Linie die SVP, aber auch die damals mitregierende lokale DC und die italienischen Sozialisten. Ich gehöre zu jenen Politikern, die zu Beginn der 70er Jahre im Südtiroler Landtag den Wunsch italienischsprachiger Bürger zum Erlernen der deutschen Sprache bereits ab dem Kindergarten vertreten und gefördert haben. Es waren meist einfache Leute, die sich in spontanen Komitees zusammengefunden hatten und nun verlangten, daß die öffentliche Schule ihren Kindern die Voraussetzungen für eine wirtschaftliche Zukunft in diesem Lande schaffen sollte.

Die SVP unter Magnago hat diese Entwicklung aus kleinkarierten, kurzsichtigen parteipolitischen Überlegungen heraus verhindert. Die nationalistische Absicht war dabei unverkennbar. Man wollte (und will) die ethnische Trennung in Südtirol unterstreichen. Der zweisprachige italienische Südtiroler, den wir Sozialdemokraten propagiert haben, war (und ist leider noch) für viele SVP-Politiker eine Horrorvision. Immer noch ist die ethnische Konfrontation für die SVP das probateste Mittel, um ihr parteipolitisches Monopol in der deutschsprachigen Bevölkerung aufrechtzuerhalten. Die Vertreter von DC und PSI hatten damals nicht den Mut und die Weitsicht, in dieser Auseinandersetzung Farbe zu bekennen. Lediglich die beiden KPI-Abgeordneten Gouthier und Stecher standen dabei auf der Seite der Sozialen Fortschrittspartei Südtirols.

Diese verlorene parlamentarische Auseinandersetzung markiert einen Wendepunkt in den Beziehungen zwischen den Volksgruppen in Südtirol. Die nationalen Gegensätze wurden verschärft, es begann der Aufstieg der Neo-Faschisten, die KPI liquidierte ihren deutschsprachigen Flügel, die Südtiroler Sozialdemokraten wurden zerrieben, die SVP feierte einen großen Pyrrhussieg! Heute ist mehr denn je evident, daß eine echte Zweisprachigkeit nicht nur die Voraussetzung für das gute Funktionieren der Autonomie, sondern auch die Basis für ein gedeihliches Zusammenleben ist. Das muß laut und deutlich gesagt werden, und vor allem die SVP-Führung muß den Mut haben, als stärkste Partei im Lande zukunftsorientierte Modelle zu entwickeln.

Der Südtiroler Alltag zeigt uns, daß es mit der Zweisprachigkeit, sei es in der deutschen wie in der italienischen Volksgruppe (die Ladiner sind ein Fall für sich), schlecht bestellt ist. Man kann sich schlecht und recht verständigen, mehr nicht. Die Italiener sind besonders benachteiligt, weil sie dadurch auch wirtschaftlich an Boden verlieren und deshalb besonders nach Abhilfe rufen. Die Deutschsprachigen müssen sich an der Lösung dieses Problems aktiv beteiligen und können nicht weiterhin so tun, als sei dies eine Frage, die nur die Italiener betrifft. Übrigens geht es beimder Sprache des jeweiligen „anderen" auch um die Erweiterung des eigenen Horizontes, um neue Erkenntnisse und Einblicke in die andere Kultur.

 

Erlernen Das schafft die Basis für einen sinnvollen Dialog und einen fruchtbaren Gedankenaustausch. Allerdings muß die ethnische Minderheit da aufpassen. Gerhard Riedmann hat dies richtig formuliert: „Wer die Sprache verliert ist tot". Deshalb glaube ich, daß derzeit eine zwei- oder mehrsprachige staatliche Schule die falsche Lösung wäre. Angesichts der deutlichen Mängel eines Schulsystems, das immer wieder von den Regierungen „reformiert" wird, käme da nichts Konkretes heraus. Mit einem billigen „Kauderwelsch" wäre niemandem gedient. Bereits jetzt wird die deutsche Sprache in Südtirol reichlich mißhandelt, aus Schlamperei, Oberflächlichkeit und Ignoranz. Vor wenigen Wochen hat „Südtirol aktuell" eine Maturantenklasse aus Bozen vorgestellt; deren Sprecher drückte sich in einem so „gscherten" Dialekt aus, daß einem die Haare zu Berge standen. Das ist ein echtes Alarmzeichen.

Wenn die zuständigen Politiker aller Volksgruppen sich wirklich dafür einsetzen, kann manches in der Förderung der zweiten Sprache verbessert werden. Ausgehend von der perfekten Beherrschung der eigenen Muttersprache, sind zahlreiche Initiativen denkbar, die zu einem lebendigen kulturellen Austausch beitragen. Vor einigen Monaten habe ich einen italienischen Kollegen konsultiert, der in Norditalien aufgewachsen ist und nunmehr als Primar in Südtirol arbeitet. Als ich ihn fragte, warum er so gut Deutsch könne, antwortete er mir: „Ich habe mich hingesetzt und gelernt." Das ist letzten Endes der Schlüssel zur Zweisprachigkeit, politische Abkürzungen gibt es nicht.

Egmont Jenny

e-mail-Adresse: postmaster@suedtirolernachrichten.it