17. Jahrgang - Nr.3 Mai/Juni 2001-erscheint zweimonatlich
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In dieser Ausgabe:
Die Bewährungsprobe
Der Sieg der SVP im Bündnis mit dem Ulivo...
 
Mühsamer start von Berlusconi II
Der Kampf um Posten und Macht.
 
Leserbriefe

 
Die Stunde der "Langobarden"
Italiens Norden will in Zukunft auch politisch Maßstäbe setzen.
 
So geht es nicht
Anmerkungen zur Regierungspraxis in Südtirol.
 
In eigener Sache

"HEIMAT" IN DER SPRACHE
von Elisabeth Höglinger

Die Zwillingsbegriffe "Sprache und Kultur" kennzeichnen in einer geradezu existenziellen Weise das Selbstverständnis von ethnischen Minderheiten, indem das Bewahren von Sprache und Kultur zu einer Frage von Sein oder Nicht-Sein von Menschen, die als Minderheit ausgewiesen sind, gemacht wird. Dabei werden die Begriffe nicht weiter hinterfragt. Es gilt als selbstverständlich, dass ethnische Gruppen im Besitze von Kultur (welcher Kultur?) sind und von Sprache. Letzteres Gut ist sicher leichter zu identifizieren als das erste, Sprache ist, wo Menschen sind und untereinander Umgang haben. Bei näherem Hinsehen ist aber die Sprachenfrage im minderheitlichen Dasein weder leichter zu erfassen noch zu lösen. Gemeint sind hier Minderheiten, deren Sprachen untergegangen (z.B. Bretonen) oder als überregionale Verkehrssprache in historisch greifbarer Zeit nicht erfassbar sind und erst im Zuge der Minderheitenbewegung gewissermaßen geschaffen werden müssen (Ladin dolomitan).

Die Frage stellt sich nicht bei Minderheiten wie den Südtirolern, die durch einen verlorenen Krieg von ihrer Sprachnation abgetrennt wurden und die sich durchaus einer anerkannten Standardsprache zugehörig fühlen. Südtirol gehört zum deutschen Sprachraum, mundartlich zum süddeutschen (bayerisch-österreichischen) Gebiet, daran ist im Prinzip nicht zu rütteln. Ängste vor Sprachverlust sind dennoch unsere ständigen Begleiter seit der Annexion an Italien. Sind sie begründet? Sehr sogar waren sie es zu einer Zeit, als die Muttersprache nur noch in ihren mundartlichen Ausprägungen geduldet wurde, während die öffentlichen Kommunikationsakte in der italienischen Staatssprache zu erfolgen hatten. Nach Verabschiedung des zweiten (vor bald dreißig Jahren) und vor wenigen Monaten gar des dritten Autonomiestatuts scheinen diese Gefahren gebannt. Das Deutsche ist in Südtirol die mächtige Territorialsprache, ja aufgeklärte Menschen machen sich schon Sorgen um die Abnahme der Italienischkenntnisse, besonders bei deutschen Jugendlichen.

Die Sprachpuristen wittern dennoch Gefahr, sie sehen sie in einer schleichenden Überfremdung vor allem im Wortschatz und sagen sprachlichen Transferenzen aus dem Italienischen den Kampf an: der Hydrauliker (für Spengler, Klempner), das Kondominium (für Mehrfamilienhaus abgekürzt für Betriebskosten), der Barist (Barkellner), die Superalkoholika (für Spirituosen), die Straßenpolizei (für Verkehrspolizei) und am schlimmsten das Patent (für Führerschein) sind inkriminiert. Dabei denken wir nicht, wie viele Transferenzen wir an das lokale Italienisch liefern. Als ich italienischen Kolleginnen Deutschstunden gab, fiel ihnen bei der Wendung "heute morgen" erst auf, warum ihre Schüler "oggi mattina" sagen. "Ricevere un bambino" gehört schon ins Spottvokabular. Bozner Italienerinnen ertappten sich lächelnd dabei, einander zu fragen: " Come ti piace questo vestito?"


Woran ich nichts auszusetzen gefunden hätte, bis man mich belehrte, das sei das deutsche "Wie gefällt dir dieses Kleid? Ich sehe für unser Deutsch, das sich nach wie vor großen wissenschaftlichen Interesses erfreut (ich verweise auf die letzte Publikation von Kurt Egger "Sprachlandschaft im Wandel"), eine Gefahr, die wenig wahrgenommen wird, die aber gefährlich genug ist, da sie an die Substanz der Verständigung geht, die Qualität der Aussage betrifft und ein Problem berührt, das ich im Titel vorweggenommen habe. Die Erscheinung ist zwar im gesamten deutschen Sprachgebiet verbreitet, ist aber in unserer vom Zentrum abgesonderten Sprachrealität fühlbarer und schwieriger zu korrigieren. Sie hat mit dem sogenannten Standard-Dialekt-Ausgleich zu tun.

Ich darf kurz erklären. Unter Standard versteht man jene Sprachform, die wir gemeinhin als Hoch- oder Schriftsprache bezeichnen. Es ist die im gesamten Sprachraum (national wie übernational) geltende, von Regionalismen freie Art des Ausdrucks, wie wir sie beispielsweise aus dem Fernsehen kennen. Es ist zwar eine weithin verstandene, zugleich aber eine arme Sprache; gäbe es nicht die Dialekte mit ihrem großen Reichtum an Wörtern, Redensarten und Wendungen, die ihr frische Nahrung zuführten, die Hochsprache litte noch größeren Mangel, ja sie ginge ein. Im Zuge der großen Veränderungen unseres Lebens sprechen und beherrschen wir die Dialekte immer weniger. Eine Sprachvarietät macht sich breit, die einen Ausgleich darstellt zwischen den Mundarten, den verschiedenen regionalen Verkehrssprachen und der Standardsprache. Was bedeutet dieser Kompromiss für die Sprache in Südtirol?

Durch die vielen Kontakte mit deutschen Staatsbürgern, den Einfluss der deutschen Medien, durch Pendeln zum Arbeitsplatz hat sich auch bei uns eine zwar noch mundartlich klingende, sich jedoch von mundartlichen Formen immer stärker entfernende Umgangssprache entwickelt. Sie wird vom Amtsdeutsch, woran wir ja festhalten als an einer Errungenschaft, stark und in unschöner Weise beeinflußt. Wenn ein deutscher Dorfpolizist im Sender Bozen einen Einsatz gegen randalierende Jugendliche so beschreibt: "Das hat Lärmentwicklung verursacht", dann darf man erschüttert sein. In Zeiten, als man noch Sprachgefühl besaß, hätte er wohl gesagt: "Die Buam und die Madln hobn an Radau gmocht". Nicht, dass es zum Beispiel in Österreich sehr viel anders wäre, wohl aber sollten wir empfindlicher auf Sprachdummheiten reagieren, denn Verlust der Sprache bedeutet für uns weit mehr als für nationale Sprecher, sie ist ein Verlust von Heimat, deren wichtigster Ort für eine Minderheit eben in der Sprache liegt.


Max Frisch, der Schweizer Dramatiker und Romanautor, der in der Hochsprache schrieb, aber natürlich sprechend seine Muttersprache, die Zürcher Mundart, gebrauchte, beklagte einmal den Umstand, dass ihm in der Schreibsprache das Alltagswort fehle. Damit ist eine Tatsache auf den Punkt gebracht, die uns Südtirolern, wenn wir aus der eigenen Dialektsprache herauskommen, zu schaffen macht. Weil wir uns nicht getrauen, die gewohnten Ausdrücke zu sagen und noch weniger zu schreiben (besserwissende Deutsche, die uns verspotten, fürchtend), gleichzeitig die hochsprachlichen Äquivalente nicht kennen oder als hier unverständlich meiden, so sind wir plötzlich um eine ganze Ausdruckspalette ärmer geworden. "Glustig" heisst im Standard "gierig". Kein Wörterbuch verzeichnet die Stichwörter glusten, glustig. Doch wir finden "gelüsten", ein selten gebrauchtes Verb. Aber gierig ist nicht "glustig"; glustig ist irgendwie unschuldig. Kinder sind es, Schwangere. Gierig hat schon mit Fresssucht zu tun. Wir glauben, glustig nicht sagen zu können, da ein Dialektwort, und wir sind um einen Ausdruck verlegen. Ähnlich für uns das deutsche Wort "petzen", nämlich "schergen", das auch kein Wörterbuch führt. Warum dürfen wir nicht "schergen" sagen, warum müssen wir "petzen" lernen? Das "Zuckerle" ist den Österreichern bekannt (vor allem als Wahlzuckerl), nicht aber den Deutschen, die dafür keinen passenden Ausdruck haben (eventuell Lutschbonbon), warum genieren wir uns Zuckerle zu sagen, etwa wegen der dialektal klingenden Diminutivendung? Warum müssen wir unser praktisches "Hangerle" aufgeben und dafür das umständliche Geschirrtuch oder Küchenhandtuch benützen? Warum wird unser guter Topfen zugunsten von Quark verdrängt, etwa deshalb weil es vor allem deutsche Gäste sind, die sich ans Frühstücksbüffet drängen? Jüngst erlebte ich, dass eine Kastelruther Gastwirtin sich gar entschuldigte, dass sie noch Jauche sage ("wie man halt bei uns sagt"). Bekanntlich hat ja die deutsche Gülle Einzug gehalten. Einige unser Zeitungsschreiber versuchen gegenzusteuern: sich anschaun, sich aufmandln liest man in der "FF".

Bleibt die Tatsache, dass für den Südtiroler, der eine gepflegtere Umgangssprache spricht, im Alltagswortschatz eine Lücke klafft. Wie hier Abhilfe schaffen? Wir müssen danach trachten, den sprachlichen Minderwertigkeitskomplex, den wir uns zusammen mit dem Minderheitensein angewöhnt haben, aufzuarbeiten und zu beheben. Man wird gut daran tun, sich zur eigenen Sprache zu bekennen und den Wortschatz zu verwenden, den sie uns anbietet. Frei nach Kant ("Habe Mut, dich deines Verstandes zu bedienen") möchte ich meinen Landsleuten zurufen: Habt Mut, euch eurer Sprache zu bedienen!