16. Jahrgang - Nr.3 Juli/August 2000-erscheint zweimonatlich
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In dieser Ausgabe:
Bruno Kreisky, der Freund Südtirols
Zum 10. Jahrestag seines Todes am 29. Juli.
 
Jemand muss aufpassen
von Elisabeth Höglinger.
 
Teures Theaterüben
Die VVB-Bilanz der Spielzeit 1999/2000.
 
Die Sanität der Funktionäre

 
Ehrenzeichen...für wen?

 
Offener Brief an Reinhold Messner

 
Die neue Gesellschaft
Wohlstand und Wirtschaftswachstum sollen den weiteren politischen Zusammenhalt der Südtiroler im Zeichen der SVP sichern - in Wirklichkeit fehlt es der Süd-tiroler Gesellschaft an geistiger Öffnung, kulturellen Inhalten und Zielsetzungen

Jahrzehntelang haben die Südtiroler Politiker sich um die Erhaltung der Identität der Südtiroler große Sorgen gemacht. Sie sahen diese von allen Seiten, vor allem vom italienischen Staat bedroht. Volkstumskampf und ethnische Geschlossenheit waren angeblich die einzigen Mittel, um diese Identität zu bewahren. Gleichzeitig war es der SVP auf diese Art möglich die Entfaltung einer demokratischen politischen Meinungsvielfalt im Lande zu unterdrücken.

Nachdem nunmehr die Südtiroler Landesregierung, somit die SVP, einen solchen Grad von Autonomie vom Zentralstaat erlangt hat, von dem die Nordtiroler nur träumen können, sind die bisherigen propagandistischen Instrumente stumpf und wirkungslos geworden. Abgesehen von ein Paar Fanatikern glaubt kein vernünftiger Mensch mehr, daß die Minderheit durch staatliche Maßnahmen bedroht ist. Die Statistiken zeigen im übrigen, daß sich die deutschsprachige Gemeinschaft deutlich im Aufwind befindet, während die Italienischsprachigen konstant an Zahl und Einfluß verlieren.

In der Führung der SVP und ihrer Medienverbündeten ist man nun auf der Suche nach neuen Motivationen, die eine weitere Geschlossenheit der Südtiroler unter der politischen Führung der SVP rechtfertigen. Nun scheint man fündig geworden zu sein, indem Wohlstand und Wirtschaftswachstum als Inbegriff der Stärke der Minderheit und als Hauptziel der Autonomie dargestellt werden. In dieser Optik bestätigt sich die "außerordentliche Kompetenz" der Regierenden.

Ein neues "Mir-sein-Mir-Gefühl" soll im Zeichen des Reichtums und des Wohlstandes die Südtiroler vereinen. Tatsächlich wächst in Südtirol allmählich eine neue Gesellschaft heran, die sich und die Welt nur am wirtschaftlichen Erfolg mißt, nach dem Motto : wer tüchtig ist , der setzt sich durch, unten bleiben die Faulen und die Dummen. Aus diesem Blickwinkel wird auch die Politik beurteilt: sie ist demnach das Betätigungsfeld für clevere Typen, die bei der Verteilung des Geldes für sich und ihre Lobby das Maximum herausholen.


Wenn es dabei manchmal etwas ungerecht zugeht, so muß man eben zur Kenntnis nehmen, daß es die Gerechtigkeit auf dieser Welt nicht gibt. Da kann es vorkommen, daß einer "da oben" monatlich drei Pensionen kassiert, die dem Jahreseinkommen eines Arbeiters entsprechen. Überhaupt wird dies alles als Neidgeschwätz abgetan, das die Leute verwirren und aufhetzen solle. Die Neue Gesellschaft predigt nämlich, daß Links und Rechts überholte Begriffe sind, die nur noch von wenigen weltfremden Idealisten verwendet werden. Das macht auch den Reiz und den großen Erfolg der Südtiroler Volkspartei aus, die das Problem vorbildlich gelöst hat, indem sie je nach Bedarf sogenannte Rechte und Linke vorzeigen kann, die dann alle gemeinsam eine wirtschaftskonforme "vernünftige" Politik gestalten. Im übrigen - das sei wohl unterstrichen - wird fast jeder im Lande irgendwie gefördert, wobei der Große viel, der Kleine wenig bekommt. Schließlich muß es doch eine Wertordnung geben!

Natürlich gibt es dann in den Augen der Neuen Gesell- schaft trotzdem noch ein kleines Häuflein von Mecke- rern, die mehr Bildung, mehr Information, mehr Plura- lismus und Demokratie in Südtirol fordern. Als ob es in diesem Land nicht schon zuviel Studierte und zuwenig Lehrlinge gäbe! Schließlich hat man sogar eine zwei- sprachige Universität gegründet die unter der Präsident- schaft des Landeshauptmannes vielleicht einmal aus ih- rem Dasein als Volkshochschule herauswachsen wird.

Besonders die Information ist ein ständiges kritisches Diskussionsthema für unsere linksgerichteten Intellektu- ellen. Da muß man schon sagen, daß die "gute Abstim- mung" die in diesem Sektor zwischen dem Landeshaupt- mann, seiner Partei und dem größten Medienkonzern des Landes besteht, von großem Wert ist. Sie vermittelt der Bevölkerung "klare Ideen" und erleichtert die Aufgabe der Regierenden. Daß man dabei nicht alles berichten kann, ist wohl selbstverständlich, schließlich hat man auch eine tirolisch-katholische Verantwortung und kann den Menschen nicht alles zumuten. Dennoch herrscht in unserem Land sehr wohl Meinungsfreiheit- und was für eine! - man braucht sich nur die Zeitungskioske ansehen, die eine Fülle von Pornoheftchen anbieten.

Von den wenigen Südtiroler Oppositionellen - so klagt die Neue Gesellschaft - wird das Wort Demokratie stän- dig strapaziert. Diese beharren darauf, daß dazu mehrere Parteien vorhanden sein müßten. Aber gerade dies ist grundfalsch und die älteren Generationen können dies bestätigen. Wenn alles in einer Hand ist, funktioniert es am reibunglosesten. Das sieht man ab besten am Lan- deshauptmann. Der empfängt täglich bereits im Mor- gengrauen Scharen von Bürgern, deren Probleme er prompt löst. Damit ersetzt er Ombudsmann und Ver- waltung. Wenn man dieses Beispiel ausbauen könnte, käme man wahrscheinlich zum Ergebnis, daß man den teuren Landtag einsparen könnte, in dem ein Paar Oppo- sitionelle durch lange Reden ja nur den Betrieb aufhalten.

So wie es jetzt ist, so soll es bleiben, denn noch nie ist es uns so gut gegangen, Das ist das Credo der neuen Klasse. Daß man trotzdem augenzwinkernd immer wieder über die böse Fremdherrschaft jammert und vom Vaterland Österreich spricht, einige Unvorsichtige sogar laut über die Heimkehr in dieses Vaterland nachdenken, gehört wohl zum "politischen Geschäft", wie es in diesen Kreisen verstanden wird. Eine solche Heimkehr wäre mit katastrophalen Geldeinbußen verbunden, die besonders unsere politische Führungsschicht nicht verkraften würde. Das sind halt so Redensarten für das Volk. Schließlich pflegt man ja auch weiterhin in den Südtiroler Stuben den Herrgottswinkel, obwohl viele Bürger kaum noch die zehn Gebote kennen und die Wenigsten sie im praktischen Leben beachten.


Was ich hier in ironischer und sicherlich auch pointierter Form beschrieben habe zeigt eine Entwicklung auf, die sei es für die Minderheit wie für die Autonomie erhebli- che Gefahren in sich birgt. Die Identität der Minderheit - damit meine ich nicht irgendwelche nationalistischen Vorstellungen - kann nicht mit Geld allein erhalten wer- den. Dafür braucht es kulturelle Perspektiven, echte Bil- dungsarbeit, geistige Zielsetzungen. Diese können sich nur in einer toleranten, offenen und pluralistischen Ge- sellschaft entwickeln , von der wir weit entfernt sind Das sind auch die Voraussetzungen für die weitere Gestal-tung dieser Autonomie, die auf die Dauer nicht beste- hen kann, wenn sie wie bisher ein von einer einzigen Partei beherrschter Machtapparat bleibt.

Die Üppigkeit der Mittel, die bisher der italienische Staat der Südtiroler Landesverwaltung gibt trägt entscheidend dazu bei, daß die sozialen, wirtschaftlichen und ethni- schen Probleme, die auch in dieser mehrsprachigen Pro- vinz bestehen verdeckt werden Dieses Spannungen wer- den in aller Schärfe explodieren, wenn dieser Geldsegen, wie zu erwarten ist, einmal ausfällt. Eines Tages muß sich Südtirol in die europäische Normalität einfügen und da wird kein Märtyrergesehrei und kein Anrufen des Vaterlandes helfen.

Südtirols politische Führung ist sich offenbar dieser Ge- fahren nicht bewußt, sie glaubt alles im Griff zu haben. Man hat den Eindruck, daß sie sogar ihre diesbezügliche Ignoranz durch Arroganz auszugleichen versucht. Keine gute Aussicht für das Land.

Egmont Jenny

e-mail Adresse: Egmont.Jenny@dnet.it

 

Bruno Kreisky, der Freund Südtirols

Zum 10. Jahrestag seines Todes am 29. Juli.

Bruno Kreisky hat die letzten Wochen seines Lebens in Südtirol verbracht. Im Juli 1990 hatte er beschlossen in der Kurstadt Meran, im österreichischen Süden, einen Genesungsurlaub zu verbringen. Er war von der Krankheit schon schwer gezeichnet und war auf den Rollstuhl angewiesen, aber sein Intellekt war scharf und klar wie eh und je. Er starb wenige Tage nach seiner Rückkehr nach Wien. Es liegt eine gewisse Symbolik in der Tatsache, daß Kreisky gerade in Südtirol Heilung gesucht hat, in jenem Land, um das er als österreichischer Patriot und Staatsmann so wacker und erfolgreich gekämpft hatte.

Nachdem mit dem Abschluß des Staatsvertrages Österreich wieder eine gewisse Handlungsfreiheit erlangt hatte richteten sich die Bemühungen des Dr.Kreisky, damals Außenminister einer ÖVP-SPÖ-Koalitionsregierung auf die Lösung der Südtirolfrage. Es stand nicht gut um die Minderheit. Die römischen Regierungen der Nachkriegszeit hatten die Einwanderungspolitik der Faschisten weiter fortgesetzt; die deutsch-und ladinischsprachige Minderheit erholte sich nur langsam von dem Aderlaß, den ihr das Mussolini-Hitler-Abkommen und der Krieg beigebracht hatten; die ethnischen und sozialen Spannungen wuchsen.

Kreisky hatte nie einen Zweifel daran gelassen, daß er als Sozialist die Selbstbestimmung eigentlich als die richtige Lösung für die Südtiroler ansah, aber, daß angesichts der Lage in Europa nur eine echte Landesautonomie für Südtirol im Rahmen des italienischen Staates zu erreichen war. Österreich und die Südtiroler konnten sich damals nur auf jenes Gruber-Degasperi-Abkommen berufen, das Kreisky wegen seiner äußerst vagen Formulierungen als " ein einmaliges Dokument österreichischer Schwäche" bezeichnete.

Kreisky begann nun mit der italienischen Diplomatie eine harte Auseinandersetzung. In zahlreichen Konferenzen bemühte er sich im Einvernehmen mit den Nord-und Südtiroler Politikern um einen neuen Vertrag für Südtirol. Er hatte dabei in seinem Tiroler Staatssekretär Gschnitzer einen besonders fähigen und engagierten Mitkämpfer. Die italienische Diplomatie, die noch stark vom Nationalismus und Faschismus geprägt war, behauptete, daß der Gruber-Degasperi-Vertrag erfüllt sei und damit Südtirol nun ein inneritalienisches Problem sei. Gewisse Kräfte in Rom versuchten auch das Gespenst des pangermanistischen Revanchismus für die Südtirolfrage zu beleben.

Damit kamen sie bei Bruno Kreisky an die falsche Adresse. Seine untadelige demokratische Vergangenheit, seine Verfolgung als politischer Gegner und Jude durch die Austrofaschisten und die Nazis widerlegten solche Verdächtigungen und gaben den Forderungen der Südti-roler besonderen Nachdruck. Kreiskys Meisterstück war der Gang zur UNO. Die Welt und speziell das geteilte Europa standen im Kalten Krieg, Rußland war dabei seine Kriegsbeute abzusichern und wollte von Grenzkon flikten nichts wissen, die USA waren um ihre Präsenz in Italien besorgt, wo sich die stärkste kommunistische Partei Europas befand und stützten Rom um jeden Preis.


Dr.Kreisky in Bozen im Büro
de Sozialen Fortschrittspartei
Süd- tirols im März 1967

Trotzdem gelang es Kreisky gegen den heftigsten Widerstand Italiens und mit Hilfe der kleinen und besonders der afrikanischen Staaten jene Resolution in der UNO durchzubringen, die endgültig die Internationalität der Südtirolfrage bestätigte.

Auf Grund dieses bahnbrechenden Erfolges kam es dann zu den weiteren Verhandlungen, die schließlich in jenem Saragat-Kreisky-Abkommen mündeten, das die SVP am 8. Jänner 1965 in Innsbruck ablehnte. Über die wahren Hintergründe dieser Ablehnung werden die Historiker urteilen, wahrscheinlich war Magnagos SVP an Abmachungen mit der römischen DC gebunden. Kreiskys Traum eines - wie er sagte - italienisch-österreichischen Kondominiums in Südtirol war damit vorbei.

Kreisky blieb trotzdem mit dem Land und dem Schicksal der Südtiroler verbunden. Er förderte die Entstehung eines sozialdemokratischen Flügels in der SVP, weil er der Meinung war, daß nicht die Verträge, sondern die geistige Öffnung und Konfrontation das Bestehen der "österreichischen Minderheit" in Italien garantieren. Das Experiment endete mit einem Rausschmiß der Gruppe aus der Einheitspartei, der aber erst erfolgte, als Kreisky nicht mehr Außenminister war, man ihn also nicht mehr brauchte...

Das heutige offizielle Südtirol und seine Medien haben Kreiskys große Verdienste um Südtirol anläßlich dieses Todestages ignoriert, ein beschämendes Zeichen für parteipolitische Gehässigkeit und Mangel an Anstand und Stil. Das ändert nichts an der historischen Tatsachen. Bruno Kreisky wird sicherlich von vielen Südtirolern auch in Zukunft als das gesehen, was er wirklich war: ein aufrichtiger Freund des Landes und seiner Menschen.

 

Jemand muss aufpassen

von Elisabeth Höglinger.

"Wann ist ein demokratisches Land je so gedemütigt worden?" schreibt der Herausgeber des Bändchens "Haider Österreich und die rechte Versuchung", erschie- nen im April dieses Jahres, in seinem Vorwort.. Die 14 EU-Staaten, Partnerländer Österreichs, verhängten Strafmaßnahmen, wie sie sonst gegen Staaten mit feind- licher, im allgemeinen politischen Verständnis verbre- cherischer Führung wie Kuba, Irak, das Südafrika der Apartheid oder neuerdings Serbien durch die Vereinten Nationen verfügt worden sind, gegen die kleine Alpenre- publik.

Die Maßnahmen waren kaum im wirtschaftlichen Bereich zu spüren, wo sie wie im Tourismus einfach ignoriert wurden, als im diplomatischen Umgang der Staaten untereinander, wo durch die Ausgrenzung österreichischer Politiker peinliche, von den Medien genau registrierte Situationen entstanden. Die Strafmaßnahmen wurden verhängt, nachdem eine rechtspopulistische Partei, die FPÖ, zur zweitstärksten politischen Kraft des Landes geworden in die Regierung aufgenommen worden war. Dabei hätte Österreich gewarnt sein können, denn durch sieben qualvolle Jahre hindurch war es politisch ge- schnitten worden, weil sein oberster Repräsentant Staats- präsident Kurt Waldheirn, der Volkspartei zugehörig, als Mitwisser und wohl auch bürokratischer Mittäter von Nazigreueln auf dem Balkan entlarvt wurde.

Durch die Regierungsbeteiligung der Freiheitlichen war offenbar ein Tabu gebrochen im demokratischen Europa, eine Partei, die gegenüber der Naziideologie keinen kla- ren Trennungsstrich zieht, die offen fremdenfeindlich ein- gestellt ist, so dass sie gar schon ein Volksbegehren gegen die Fremden angezettelt hat daher als Gefahr für die Demokratie gilt, war an die Schalthebel der Macht gelangt und kann auch im Europarat für demokratie- feindliche Maßnahmen sorgen. Wenn man sich nicht beizeiten dagegen stellt. Und das haben die Partnerländer durch ihre Sanktionen versucht. In der Not wussten sie sich nicht anders zu helfen als durch eine geschlossene Kampfansage, denn Gefahr von Rechts ist alles andere als hypothetisch; Neonazis beherrschen wieder die Straße, verüben Attentate und terrorisieren Ausländer, während die braven Bürger wegschauen.

Die Strafsanktionen der EU sind nicht unumstritten, sie mögen in den Augen vieler eine Überreaktion darstellen, denn die österreichischen Freiheitlichen stellten bis vor einem Jahrzehnt keinen eigentlichen Störfaktor im de- mokratischen Kontext Europas dar. Bis Haider kam. Wahr ist: die Freiheitliche Partei geht auf nationalsoziali- stische Ursprünge zurück, Personen, die im Hitler- Regime eine Rolle gespielt hatten, war nach dem Kriege von der Besatzungsmacht das Wahlrecht abgesprochen worden. Sie organisierten sich im VdU (Verband der Un- abhängigen) , aus dem in den fünfziger Jahren die Frei- heitliche Partei entstand, ihre ersten Führer hatten als Of- fiziere in der Waffen-SS gedient ( Friedrich Peter).


Von der sozialistischen Partei war sie als Gegengewicht gegen die Volkspartei benutzt worden und in den Achtziger Jahren einige Zeit hindurch mit Kanzler Sinowatz in der Regierung gewesen. Es ist nicht bekannt, dass sich das Ausland darüber besonders aufregte. Bekannt und zu einer öffentlichen Gefahr geworden sind die Freiheitlichen im Zusammenhang mit dem Aufstieg Jörg Haiders. Der Rechtspopulist aus Bad Goisern hatte auf dem Innsbrucker Parteitag 1986 die Führung an sich gerissen, war mit Heil- Rufen gefeiert worden und brachte die kleine Partei bald aus dem Tief heraus von Wahlerfolg zu Wahlerfolg bis zu jenem Oktober des Vorjahres, der sie zu zweiten Kraft im Lande werden ließ und die Regierungsbeteiligung unter einem ÖVP-Kanzler sicherte.

Die Frage: ist Haider ein Nazi?, treibt die Öffentlichkeit um. Seine gefährlichen Sprüche, z.B. der bekannte von der ordentlichen Beschäftigungspolitik der Nazis , der ihm kurzfristig das Amt des Landeshauptmannes in Kärnten kostete, sind bekannt. Listigerweise distanziert sich Haider nicht eindeutig von der Naziideologie, denn in diesem Gedankengut ist der Bodensatz seiner Wähler befangen und er spricht bei Wahlveranstaltungen den al- ten und vielleicht auch neuen Kämpfern aus der Seele, wenn er die brutale Stallwärme der Kameradschaft der Anständigen beschwört. Seine Erscheinung gefällt offen- bar, er ist das, was man zu meiner Zeit einen Strizzi, ei- nen Provinzelegant, der schiefmäulig in ordinärem dia- lektalen Tonfall Frechheiten von sich gibt und alle böse angreift, die sich ihm in den Weg stellen.

Sozialisten und Grüne hätten sich der "Vemaderung" schuldig gemacht, zu Deutsch: sie hätten die Freiheitlichen in Europa ver- petzt, was die Sanktionen nach sich zog. Unwichtig da- bei wie Haider wirklich denkt. "Haider ist nicht Hitler" meint der französische Philosoph Andrè Glucksmann, "will keinen zweiten Hitler abgeben; es genügt ihm so zu tun, als habe es den ersten nicht gegeben." Er bestärkt al- so die Österreicher in der seit Kriegsende angenommenen Opferrolle, sie hätten mit den Nazis nichts gemein, sie seien von den Deutschen überfallen worden, Opfer und Übertölpelte, und nachdem sie nicht zu den Schuldigen gehören, bräuchten sie sich keinen Zwang auferlegen, ihr Denken und Sprechen von braunen Schlacken zu reinigen. Im Ausland freilich weiß man es anders, und man darf sich in Österreich nicht wundern, wenn man einem Land, das einen Hitler und Eichmann hervorbrachte, das vor 60 Jahren zu 90% für den Anschluss an das Reich votierte, eine gefährliche Nähe zum alten Denken übelnimmt. Das Gerichtsverfahren gegen unsere Mutternation Öster- reich lässt uns Südtiroler verständlicherweise nicht kalt. Fragen drängen sich auf. Hat man Land und Regierung nicht doch zu hart angefasst zumal die strafenden Län- der im Hinblick auf rechte Versuchungen auch nicht über jeden Verdacht erhaben sind?

Eine Analyse des Verhaltens der Menschen in Österreich seit Verhängung der Sanktionen zeigt, dass sie besonnen und vernünftig reagiert haben. Vor allem das andere Österreich, jenes mit dem menschlichen Antlitz, hat sich mit Verlautbarungen und Kundgebungen mächtig zu Wort gemeldet. Die Haider-Partei hat versucht, Europa zu zeigen, wie man gesonnen ist in Österreich, indem sie ein Volksbegehren gegen die Sanktionen androhte. Das Ergebnis eines solchen Urnenganges wäre von vornherein ebenso klar wie folgenlos. Europa hat darauf geantwortet, indem es eine Konmission zur Prüfung der Demokratiereife nach Wien sandte. Den drei Weisen aus Finnland, Deutschland, Spanien waren die Prüfungsses- sionen im Hotel Inperial sichtlich peinlich und es wird wohl auf eine wohlwollendes "Bestanden" hinauslaufen. Nicht ohne nachdrückliche Warnung vor dem rechten Regierungspartner allerdings.

Dafür dass die Strafmassnahmen Europas doch sinnvoll waren, ist mir die Aussage des Präsidenten der moslemi- scheu Religionsgemeinschaft in Österreich, der größten nach der katholischen, ein Beweis. Seit das Ausland aufpasst, hätten die Anfeindungen gegen Muslime abge- nommen. Also sind wir so weit: Jemand muss aufpassen. In diesem Sinne wollen wir die Sanktionen Europas ge- gen Österreich sehen: als ganz wichtigen Schritt auf dem Weg der Integration der europäischen Gemeinschaft, die bislang eben nur wirtschaftliche Korporation war, hin zu einem bedeutenden demokratischen Staatenbund, der die humanitären Anliegen seiner Menschen verteidigt. Viel- leicht beschleunigt das Verfahren gegen Österreich auch das Vorhaben, für ganz Europa eine Charta der Men- schenrechte auszuarbeiten, deren Nicht-Beachtung durch Sanktionen geahndet werden muss.


Mit dem Begriff des Rechtextremismus verbinden die meisten Zeitgenossen das Bild der kahlgeschorern gestiefelten Schlägertrupps, die in letzter Zeit immer häufiger auftreten. Diese Schlägertrupps sind aber nur das letzte Produnkt einer systematischen Propaganda-und Informationskampagne, die auf publizistischer und intellektueller Ebene recht geschickt inszeniert und gesteuert wird. Es ist oft schwer die Zusammenhänge aufzudecken, denn die wahren Urheber dieser Aktionen sitzen vielfach an recht "unverdächtigen" Stellen.

Ein typisches Beispiel für eine solche Aktion liefert in letzter Zeit wiederum die FPÖ mit ihrer gezielten Kampagne gegen den Ostbeauftragten der österreichischen Regierung Erhart Busek. Nun ist Busek nicht nur ein ehemaliger ÖVP-Obmann und Minister, er ist vor allem ein gebildeter kultivierter Herr, der immer versucht hat, im Sinne bester österreichischer Tradition, gute Beziehungen speziell zu den intellektuellen Schichten der östlichen Nachbarn Österreichs herzustellen.


Demonstrierende Rechte

Die FPÖ will den Dr. Busek weghaben, weil sie grundsätzlich gegen die Osterweiterung der EU ist und weil die Persönlichkeit Buseks den Stammtischstrategen der FPÖ zutiefst zuwider ist. Die FPÖ verlangt als Vorbedingung für die Verhandlungen, daß die Tschcchei und Slowenien die Vertreibungsdekrete der deutschen Minderheit vom Jahre 1945 aufheben. Diese Forderung ist an sich richtig, hat aber keine Chance in ultimativer Form durchgesetzt zu werden. Buseks Strategie zielt darauf hin dieses Problem im Zuge der fortschreitenden europäischen Integration und Zusammenarbeit zu lösen.

Das wollen die Politiker der FPÖ nicht, sie wollen die lautstarke publikumswirksame Auseinandersetzung, sie wollen die Muskeln spielen lassen und sich als nationale Vorkämpfer des Deutschtums profilieren. Den größten Nutzen ziehen aus dieser Agitation die extrem rechten und faschistoiden Gruppen, die auch in Österreich in den verschiedensten Formen präsent sind, nicht zuletzt in der FPÖ selbst. Den Schaden hat Österreich.

 

Teures Theaterüben

Die VVB-Bilanz der Spielzeit 1999/2000

von Gerhard Riedmann

Im Jahre 1992 schlossen sich fünf Bozner Amateurbühnen ("Die Initiative", das "Südtiroler Ensemble", die "Kleinkunstszene", die "Talferbühne" und das "Neue Volkstheater") zu den "Vereinigten Bühnen Bozen" zusammen. Es handelt sich um eine politisch gestützte Konstruktion mit austauschbaren Funktionen. 1996 übernahm der Kärntner Alfred Meschnigg die Funktion des "Künstlerischen Beraters" der VBB, dann gab es innert dreier Jahre (1997-2000) drei "Intendanten" (Herbert Müller aus Villingen, Georg Mittendrein aus Wien und Emmanuel Bohn aus Kiel). Diese Brüche offenbaren die Unfähigkeit der VBB, ein tragfähiges künstlerisches Konzept zu entwickeln und einen kompetenten Theaterleiter zu finden. Da stimmen die Verhältnisse nicht, da gibt es Strukturprobleme zuhauf. Weil ein Verein von Nichtfachleuten sich selber und gestandenen Profis laufend das Bein stellt.

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Nach Mittendreins Scheitern fühlte sich niemand für die Durchführung von dessen Spielplan verantwortlich. Entsprechend verlief die Theatersaison. Wenn man von einigen Szenen und Momenten in Shakespeares "Romeo und Julia" und in Bohns "Effi Briest"-Einrichtung absieht, so war das, was man in Neuen Stadttheater zu sehen bekam, dünne Molke. Eine in vielerlei Hinsicht dürftige szenische Umsetzung eines durchwachsenen Spielplans, das Spiegelbild der Widersprüche und Konflikte zwischen Vereinsführung und künstlerischer Leitung.

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Mit der Übernahme der VBB durch Emmanuel Bohn im Januar 2000 änderte sich im Kern der Sache nicht viel. In einer Grundsatzerklärung ("FF" vom 5. Januar 2000) bringt der "Künstlerische Direktor" die Theatersituation der Landeshauptstadt auf den Punkt: man habe es mit einer "Art Theater-Supermarkt" zu tun, dessen Angebot "erzieherisch(er), ästhetisch(er) und kulturell(er) zumindest angezweifelt werden darf." Wenig vermag er dieser "Form der Unterhaltungsindustrie" abzugewinnen, die zum großen Teil vom Land subventioniert wird. Bis hierher teile ich Bohns Ansichten und Gedanken.

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Nicht einverstanden kann ich jedoch mit dessen weitverbreiteter) und eingewurzelter Behauptung sein, es gebe nur "gutes" und "schlechtes" Theater". Damit wird auf dilettantische Weise der Qualitätsdiskurs des Amateurtheaters gegen jenen des Berufstheaters ausgespielt. Auch mit Bohns Absichtserklärungen kann ich wenig anfangen. Er formuliert sein Konzept beliebig. Er grenzt sich verbal vom Gastspielbetrieb à la Kulturinstitut und vom "klassischen Stadttheater" ab. Und dennoch redet er dem "klassischen Stadttheater" das Wort, obschon seine Vision von Stadttheater "eine Form von städtischem Kulturzentrum" beinhaltet. Was geschieht in seinem Kulturzentrum"?


Das Neue Theater in Bozen

Schulaufführungen und Schulpraktika, für zugezogene Theaterkünstler Einbindung in die hiesigen Lebensverhältnisse und handfeste Süd-Tiroler Bezüge des Spielplans. Als konkrete Großproduktionsbeispiele in der kommenden Spielzeit nennt Bohn neben Schnitzlers ANATOL und Gogols REVISOR Ibsens PEER GYNT und Schillers WILHELM TELL. Dieser bildungsbürgerliche Standardspielplan offenbart nicht gerade Mut im Künstlerischen. Ist denn Peer Gynt jene fulminante Figur, in der sich der Süd-Tiroler von heute wiedererkennt als Menschen, der "sich aus seiner engen bäuerlichen Bergwelt mit überbordender Fantasie in die 'Große Welt' katapultiert ... und als gereifter Mensch zurückkehrt?" Wie viele Bauern werden den PEER GYNT besuchen? Bei uns hat die Stadt schon längst die Hochalmen erobert. Wer in einer Almhütte zu bioalpiner Labung einkehrt, vergesse das Scheckheft nicht. Weiters: Welche "innere Notwendigkeit" soll mit WILHELM TELL erarbeitet werden? In einem Land, das die Verzahnung mit Zeit und Geschichte" durch eine Verzahnung von Kapital und Neoliberalismus ersetzt hat? Ist uns noch nicht bewußt geworden, daß wir in kultureller Hinsicht nicht ein "Supermarkt", sondern eine Krämerbude sind?

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Ein Wort zum Budget. Der Haushalt der VBB wird vom Land laufend aufgestockt: 1995: 325 Mio.; 1996: 365 Mio.; 1997: 515 Mio.; 1998: 1.160 Mio. und 1999: 2.000 Mio. Zwei Mio. DM vom Land sind allemal viel Geld, dazu noch 50.000 DM von der Stadt, Einnahmen, Sponsoren etc.: ein Budget eines funktionierenden deutschen Sprechtheaters. Wie sieht der Vergleich von Leistung und Förderung aus? In der abgelaufenen Spielzeit gab es sieben Produktionen ("Romeo und Julia", "Effi Briest", den Einakter "Oh, Tyrol", für Kinder Momo" und das "Zauberflötchen", ein Silvesterprogramm, den Musical-Ersatz "Das Phantom der Oper" und die Amateurproduktion "Die Schildbürger") und Aufgewärmtes von Georg Kaser. Ins Wasser gefallen sind die als Großereignis angekündigten "Südtiroler Theatertage". Kosten und Ergebnis lassen sich meiner Meinung nach nicht in Einklang bringen. Die VBB sind seit ihrer Gründung außerstande, eine spannende, gedanklich und ästhetisch begründete und regelmäßig und schauspielerisch überzeugende Theaterarbeit zu leisten. Wie in zahlreichen anderen Fällen hält die Politik auch hierüber das Schamtuch vor.

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Sieben Produktionen boten die VBB im Neuen Stadttheater, ein brauchbares Konzept ist (noch) nicht erkennbar. Die Defizite der VBB sind nicht "dispositioneller" Art, es handelt hier um grundlegende strukturelle Schwächen (Management, Organisation, Technik) und künstlerische Probleme (bezahlter Amateurismus, Konzeptlosigkeit). Der "Schiffbruch mit Regisseuren", die gelegentlich nach Süd-Tirol engagiert werden, ist ein Dauerzustand.

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Die Kosten-Nutzenrechnung? Die kulturpolitischen Vorgaben? Die Ziele? Das soll es also gewesen sein? Und die Zukunft? Wie will Bohn mit einem süd-tirollastigen Rumpfensemble sein hochgestecktes Ziel erreichen? Mit einem Spielplan eines guten Stadttheaters? Mit dem bezahlten Amateur und by-doing-it "Berufsschauspieler" Georg Kaser als Peer Gynt und Wilhelm Tell? Sind dies die VBB-Zukunftsperspektiven?
 

Die Sanität der Funktionäre

Vor wenigen Monaten hat die Sanitätseinheit Mitte-Süd einen Primarius des Krankenhauses Bozen nach seiner Probezeit entlassen. Eine klare Begründung für diesen Schritt wurde der Öffentlichkeit nicht mitgeteilt. Gleichzeitig wurde durch gezielte Gerüchte und Indiskretionen die Arbeit weiterer Primare des Krankenhauses Bozen kritisch in Frage gestellt. Jetzt will man sogar die Tätigkeit dieser Ärzte durch eine Abteilung der Tiroler Krankenanstalten in Innsbruck überprüfen lassen.

Das sind merkwürdige Zustände, die aufzeigen in welcher Sackgasse heute das Südiroler Gesundheitswesen steckt. Saurer und seine Politfunktionäre haben das an sich falsche System des staatlichen Gesundheitsdienstes durch weitere dirigistische Maßnahmen deutlich verschlechtert. Man kann einen so sensiblen Bereich wie das Krankenhaus nicht nach den Regeln irgendeines Provinzialamtes führen und die Ärzte nicht in bürokratische Normen pressen.

Das ist der Grund für die Pannen und das Unbehagen, die heute im Krankenhauswesen Südtirols herrschen. Es ist untragbar, daß ein Chefarzt sein Personal nicht auswählen kann und daß Leistung und Einsatz weder karrieremäßig noch finanziell berücksichtigt werden, von Fortbildung und Forschung ganz zu schweigen. Im übrigen ist dies immer wieder von kompetenter Stelle (siehe Doz.Königsrainer) gesagt worden.

So lange diese einfachen Erkenntnisse weder vom Herrn Saurer noch von seiner Regierungspartei ernst genommen werden, kann sich an der derzeitigen mißlichen Lage nichts ändern. Die Zeche zahlt der Patient.

 

Ehrenzeichen...für wen?

Am 15. August jeden Jahres, am Hochunserfrauentag findet in Innsbruck eine der wenigen noch existierenden gesamttirolischen Veranstaltungen statt, nämlich die Verleihung von Ehrenzeichen an Personen, die sich um das Land verdient gemacht haben.

In der Tat ist an diesem Ritual nichts Gesamttirolisches mehr dran. Wohl findet die Feier in Innsbruck statt, aber die Ehrenzeichen werden von den beiden Landeshauptleuten, jeweils für den eigenen Landesteil vorgenommen. Praktisch ist die SVP allein für Südtirol zuständig, was der ganzen Zerimonie einen parteipolitischen Beigeschmack gibt, der eigentlich dem Sinn der Feier völlig widerspricht.

Bei dieser Gelegenheit sollte die geistige Einheit des Landes zum Ausdruck kommen und die Parteipolitik nur eine untergeordnete Rolle spielen. In Nordtirol wird das so gehandhabt, daß die Ehrungen gewissermaßen nach Proporz an Anhänger aller im Lande vertretenen Parteien gegeben werde. Es ist keine ideale Lösung, aber immer noch besser, als die kleinkarierte SVP-Wurschtlerei.

Noch peinlicher ist die immer wiederkehrende Diskussion, ob man eine solche tirolische Ehrung einem Italiener zusprechen könne, wobei man unter dieser Rubrik auch die Trentiner, also die Welschtiroler führt. Man könnte in diesem Zusammenhang sogar die Frage stellen, ob es nicht angezeigt wäre solche Ehrungen denjenigen zukommen zu lassen, die außerhalb der Region leben und durch ihr Eintreten für das Land echte Verdienste erworben haben.


Zu diesem Personenkreis gehört sicherlich der italienische Starjournalist Indro Montanelli, der heute noch als 90jähriger eine vielbeachtete Rubrik im "Corriere della Sera" führt . Nicht nur in diesem Rahmen sondern in seiner langen journalistischen Karriere hat Montanelli immer den eigenständigen tirolischen Charakter der Provinz Bozen unterstrichen. Er hat dabei nicht gezögert denjenigen italienischen Politikern und Journalisten zu widersprechen, die mit angeblich patriotischer Überzeugung das Gegenteil behauptet haben.

Die Aufklärungsarbeit, die Montanelli damit in einer meist schlecht oder falsch informierten italienischen Öffentlichkeit geleistet hat ist unbezahlbar. Das offizielle Südtirol sollte wenigstens darüber nachdenken.

 

Offener Brief an Reinhold Messner

Sehr geehrter Herr Abgeordneter! Mit Interesse und Genugtuung habe ich das Interview gelesen, das die "FF" mit Ihnen geführt hat. Es freut mich ganz besonders , daß ein prominenter Südtiroler, der wegen seiner bergsteigerischen Leistungen und seiner Naturkenntnisse weithin bekannt geworden ist, sich zur gesellschaftlichen und politischen Situation im Land äußert und sich dabei kein Blatt vor den Mund nimmt. Ich teile viele Ihrer Ansichten. vor allem die Meinung, daß in Südtirol ein beschämender Konformismus herrscht, der dem offiziellen Klischee des offenen und mutigen Tirolers völlig widerspricht. Ich möchte daran erinnern, daß die Südtiroler Sozialdemokraten seit nunmehr 35 Jahren diesen Zustand anprangern und bekämpfen.

Ich hoffe, daß Ihre Intervention kein einmaliger Paukenschlag, sondern der Auftakt zu einer kontinuierlichen Aktion ist. Denn die hier Regierenden und ihr Medienkartell fürchten vor allem den Dialog, die demokratische Auseinandersetzung. Sie versuchen alle kritischen Stimmen zu ignorieren oder verfälscht wiederzugeben. Sie bauen dabei auf die mangelnde Zivilcourage ihrer Untertanen und den permanenten Anpassungsdruck, den sie auf die Gesellschaft ausüben. Im diesem Zusammenhang möchte ich auf eine Aussage in Ihrem Interview eingehen, der ich, ohne jede polemische Absicht, widersprechen muß. Sie behaupten, daß Sie kein Politiker sind, sie seien im Europaparlament "gelandet". So stimmt das nicht. Sie haben die von den Grünen angebotene Kandidatur freiwillig übernommen und sind von Tausenden von Wählern, darunter auch zahlreichen Südtirolern, ins Europäische Parlament "abgeordnet worden", um dort die Vorstellungen und Interessen dieser Wähler zu vertreten. Sie haben also einen klaren politischen Auftrag zu erfüllen.

Ich nehme an, daß es nur ein verbaler Ausrutscher von Ihnen ist, wenn Sie sagen: "Ich verhocke meine Zeit nicht mit parlamentarischem Geschwätz." Das ist nicht die Sprache der Demokraten. Ich verstehe Ihre Ungeduld, wenn Sie wortreiche Dossiers lesen und manchmal auch langatmige Reden anhören müssen, aber das ist wohl Teil jenes Dialogs, der das Grundelement der parlamentarischen Demokratie ist. Das sind deren Regeln; im übrigen werden Sie für diese Arbeit gut entschädigt, was ich durchaus als richtig empfinde.

Sie sagen, daß Sie nicht wüßten , wer Sie gewählt hat und , daß Sie vor allem Aufklärungsarbeit leisten möchten. Auf Grund der Situation in Südtirol, die Sie recht eindeutig darlegen, haben Sie besonders in diesem Land die Chance beide Zielsetzungen zu vereinen. Das ist nicht weniger erfolgversprechend, als wenn Sie den Militärmachthabern in Pakistan zu einer Autonomielösung des Kaschmirkonfliktes zureden. Sie bemerken zu Recht, daß es in Südtirol "wenig hintergründige politische Diskussion, keine Wertedebatte und keinen Wettbewerb der Ideen gibt." Also muß hier etwas geschehen ; ein politischer Mandatar ist dabei besonders gefordert.


Reinhold Messner, Abgeordneter zum Europäischen Parlament

Ich habe einen praktischen Vorschlag: Halten Sie in Südtirol, besonders in den Dörfern, systematisch Vorträge, in denen Sie ihren Werdegang vom Lehrer aus Villnöss zum berühmten Extrembergsteiger und schließlich zum Abgeordneten im Europäischen Parlament schildern. Erklären Sie den Mitbürgern aus Südtirol, was Sie dabei für gesellschaftliche und politische Erkenntnisse gewonnen haben, wie Sie nun die eigene Heimat sehen und halten Sie sich dabei an den von Ihnen geäußerten Grundsatz: " Die Wahrheit zu sagen, ist kein Schaden fürs Land, es nützt ihm."

Klären Sie die Bürger auf über dieses Regime, in dem Durnwalder und Michl Ebner die Kehrseiten derselben Medaille sind, ein System in dem die geschickte Vermischung von Politik, Macht und Geschäft zum Identitätsersatz der Südtiroler und zum Inhalt der Autonomie geworden sind. Mehr als die Zahl Ihrer Zuhörer, die sicherlich groß sein wird, zählt bei dieser Aktion das Beispiel, das Sie damit geben. In jeder Südtiroler Stadt und jedem Dorf, gibt es Menschen, die genau so denken wie Sie, die sich aber nicht trauen, dies zu sagen, die durch das Regime kleine Privilegien bekommen haben, die sie nicht verlieren möchten, die letztlich gewohnt sind, den Kopf einzuziehen und sich anzupassen. Diesen Leuten geben Sie mit Ihrem Auftritt Mut und die Zuversicht, daß man mit eigenem Einsatz die Dinge ändern kann. Daß Sie bei diesen Begegnungen auch auf Ablehnung, ja sogar Widerspruch und offene und versteckte Gemeinheiten stoßen werden, wird Sie sicher nicht entmutigen. Wer Achttausender bestiegen hat, wird auch damit fertig.

Die von Ihnen schließlich angedeutete Alternative , entweder in die innere Emigration zu gehen, in Zukunft also nicht mehr mitzudiskutieren, oder sogar das Land zu verlassen, halte ich für unvereinbar mit Ihrer Persönlichkeit. Jeder der in Südtirol Politik gegen das Regime betreibt, fragt sich in Momenten der Depression, ob dies womöglich "für die Katz" ist. Es ist es nicht.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen weiterhin Gesundheit, Mut, Ausdauer und Erfolg.

Egmont Jenny