18. Jahrgang - Nr.2 März/April 2002 - erscheint zweimonatlich
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In dieser Ausgabe:
Die Solidarität
 
Die nützlichen Idioten
Die Qualen der Arbeitnehmer in der SVP
 
Nachruf für Prof. Hans Marberger
 
Südtirol und sein sowjetisches Gesundheitssystem
Eine kritische Analyse
 
Zum Thema Sterbehilfe
Das neue disbezügliche Gesetz in Holland
Intelligenzwettbewerb  der Talschaften
Eine ironische Glosse

WER SIND WIR? WAS SIND WIR?
Es geht um unsere Gesundheit
von Gerhard Riedmann

Wo befindet sich unsere Heimat?
Zweifellos nicht in Deutschland. "Deutsche" waren wir zu keiner Zeit, trotz der eingebürgerten Beliebigbezeichnung "deutsch": Deutsche Volksgruppe, Deutscher Kulturbeirat, Deutsches Schulamt usw. Kulturgeschichtlich und politisch sind wir Österreicher. Aber: fühlen wir uns als Österreicher? Sind wir für die Österreicher nicht vielmehr schon so etwas wie deutschösterreichisch parlierende Exoten? Mit Tirol schaut es zwar besser aus, da gibt es noch direkte Beziehungen, die Universität, das Landestheater, Bildungseinrichtungen, die Klinik, verwandtschaftliche Restbeziehungen, Ehen, Freundschaften, Geschäftliches, Gastronomisches. Aber auch hier hat sich in den Köpfen und Herzen eine Grenze aufgerichtet. Der Fall der Brennergrenze brachte keine Schubumkehr. Sogar selbstbewußte Süd-Tiroler fühlen sich italienischem Wesen und italienischer Lebensweise stärker verbunden als der Tirolischen Identität. Die Ausnahmen werden immer mehr zur Regel. Ein Zusammenfassungsversuch: Der deutsch-österreichische Charakter des Landes in einem fremden Nationalstaat stirbt allmählich ab. Historisch sind wir Teil der deutschen Sprach- und Kulturnation österreichischer Prägung. Italiener sind wir (noch) nicht. Also: ethnische Zwitter. Mit praktischen Vorteilen. Aber im Grunde ohne konkrete Perspektiven auf höherer Ebene.

1919: Tirol wird geteilt

Und wie ist es um das Selbstbestimmungsrecht bestellt?
Magnago sprach öffentlich den Süd-Tirolern als Volks- gruppe das Recht darauf ab. Durnwalder sagt, die Durchführung des (uns bislang vorenthaltenen) Selbstbestimmungsrechts würde zweifellos mehrheitlich im Sinne eines Verbleibs der Südtiroler bei Italien ausfallen, abgesehen davon, daß es schon angesichts der ethnischen Mischehen und deren Nachkommenschaft juristisch problematisch wäre, jene zu bestimmen, die von diesem Recht Gebrauch machen könnten. Und Österreich? Hat es mit seinen Kärntner Slowenen nicht alle Hände voll zu tun? Und dann noch Verwicklungen mit uns? Nicht so sehr gegen die Siegesdenkmalmentalität müssen wir unsere Identität behaupten, sondern vor allem gegen die eigenen Gefährdungen und Bedrohungen: Trivialisierung unserer Vergangenheit, grassierende Wurstelei und Disziplinlosigkeit, geminderte soziale Verantwortung und im kulturellen Bereich Cliquenbildung, Dominanz der Halb- und Unbildung und munteres Schenkelklatschen für Banalitäten und Hanswurstjaden.

Sprachliche und andere Heimatlosigkeiten.
Irgendwie sind wir Unbehauste. Heimatlose. Heimat ist Tradition. Elternhaus. Landschaft. Vergangenheit. Kultur. Sprache. Vision. Das Leben aus der Vergangenheit in die Gegenwart hineinleben. Nicht zwischen den Stühlen sitzen. Nicht herumschillern. Nicht nach allen Windrichtungen schielen. Ist es nicht paradox, daß wir mit wachsender Autonomie kulturelle und sprachliche Substanz einbüßen? Anstatt direkten sprachlichen Zugriffs bedienen wir uns tolpatschiger, verwirrender Umschreibungen. Weil Sprachgefühl, -bewußtsein und -fähigkeit immer mehr verkümmern. Wer sich im Umgang der Hochsprache bedient, bekommt nicht nur zu spüren, daß er nicht dazugehört, daß er als Fremder betrachtet wird, weil die Mundart der Identitätsnachweis ist, sondern er verlernt auch die Hochsprache (und vieles mehr). Die Hochsprache ist nicht gefragt, man kann sie auch nicht verwenden. Unsere letzte Heimat, die Sprache, wird zusehends heimatloser, und mit ihr wird auch diese Heimat heimatloser. Der kulturelle und individuelle Substanzverlust äußert sich vornehmlich in der Standardsprache. Die Varietäten verkümmern, an ihre Stelle macht sich eine Sonderstandardsprache mit schwindsüchtigem Substrat breit, die fast nur wir selber verstehen. Aus Gleichgültigkeit. Aus Faulheit.

Wer die Sprache verliert, ist tot.
Über die eigene Sprachverluderung macht man sich sogar lustig. Bestes Beispiel: Von Hans Peter Demetz' Liliputlexikon "Südtirolerisch - Deutsch" (1996) wurden innert kürzester Zeit 35.000 Exemplare abgesetzt. Geradezu entzückt reagierte die Öffentlichkeit, Freund und Feind schenkten sich den skurrilen Abgesang der Sprache und die Kritik schlug Haken um das irrwitzige Machwerk. "Demokratisierung der Sprache" nennt Demetz kokett den Sprachverluderungsprozeß. Was könnte unsere desolate Sprachsituation und geistige Blauäugigkeit anschaulicher demonstrieren? Unser Sprachauge bleibt beschuppt. Der offizielle Zweisprachigkeitszwang ist eine grausliche Sackgasse. Fünf Institutionen (Amt für Zweisprachigkeit, Amt für Übersetzungen, Amt für sprachliche Angelegenheiten, Beobachtungsstelle für deutsche Sprache im SKI und Arbeitskreis Muttersprache) sind für die (deutsche) Sprache zuständig. Nach deren Effizienz frage man lieber nicht. Auch unsere Italienischkenntnisse gehen immer weiter zurück, weil wir nicht mehr gezwungen sind, Italienisch zu sprechen. Aber eine Ver- besserung der Qualität des Deutschen ist damit nicht ein- getreten, das Gegenteil ist der Fall.

Schlamperei und Gleichgültigkeit im Sprachgebrauch nehmen immer mehr zu. Wir vermögen auch das Niveau nicht zu halten, das wir nach auswärtiger Ausbildung mitbringen. Unversehens versinken wir im Morast. Immer wieder müssen wir uns aufmachen und auswärts einbringen, was bei uns über Nacht aufgezehrt wird. Werden Sprachhöhe und geistiges Niveau überhaupt geschätzt? Sind sie nicht eher irritierend und suspekt? Muß man sich nicht an den Kopf greifen, daß Kommissionen permanent tagen, um die Sprachkenntnis zu prüfen, obwohl ab der 2. Volksschulklasse beide Sprachen unterrichtet werden? Liegen hier nicht gewaltige Defizite im Bildungs- und Schulsystem vor? Warum ist nach jahrzehntelangem Unterricht Zweisprachigkeit keine selbstverständliche Realität?

Sorg- und Kopflosigkeiten im Sprachgebrauch gehen Hand in Hand mit Identitäts- und Sprachverlust einher. Unsere Umgangssprache verkommt immer mehr zu einer Art Un-Sprache, die mit einer dynamischen Standardsprachenvielfalt nicht viel gemein hat. Verbale Kommunikation erfolgt immer stärker über einen rudimentären, verrohten Dialekt, dessen Spezifika immer stärker von italienischen Kraftausdrücken und Schimpfwörtern bestimmt sind. Dieser Prozeß von Sprachhybridisierung- und -ghettoisierung entgeht auch den Italienern nicht. (Siehe: "Il Mattino" v. 09.08.2001, S. 14). Warnende Stimmen werden nicht ernstgenommen. Ha-ben wir denn keine gravierenderen Probleme? Für die Politiker von heute ist die deutsche Sprache kein Herzensanliegen. Hierin unterscheiden sie sich von der älteren Politikergeneration. Lippenbekenntnisse gibt es zuhauf. Wo aber bleiben die Konsequenzen, die aus der Sprachmisere gezogen werden müßten? Sprachhöhe ist selbst in der Kulturberichterstattung kein Thema mehr. Kulturredakteure und -kritiker überbieten sich unappetitlich im flapsigen Stil, die Sprache ist für sie ein willkürlich zu benützendes Informationsinstrument, ein Prostitutionsobjekt, um mit Ödön v. Horváth zu sprechen. Rundfunk- und Fernsehsprecher schieben ihre Texte vor sich her, als wären sie ihre eigenen Zuhörer, als badeten sie sich in ihrer sulzigen Stimme. Ein Volk von (selbsternannten) Autoren sind wir geworden. Jeder, der die Schreibfeder halten kann, ist ein potentieller Autor. Jedes zu druckende Geschreibsel wird subventioniert. Bildmaterial schönt die sprachlichen Defizite auf. Weit und breit keine kritische Auseinandersetzung mit der Schreibsintflut.