18. Jahrgang - Nr.2 März/April 2002 - erscheint zweimonatlich
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In dieser Ausgabe:
Die Solidarität
 
Die nützlichen Idioten
Die Qualen der Arbeitnehmer in der SVP
 
Nachruf für Prof. Hans Marberger
 
Südtirol und sein sowjetisches Gesundheitssystem
Eine kritische Analyse
 
Wer sind wir, was sind wir
Betrachtungen zur Südtiroler Identität (3.Folge)
 
Intelligenzwettbewerb  der Talschaften
Eine ironische Glosse

ZUM THEMA STERBEHILFE
von Elisabeth Höglinger

Die Welt thematisiert bedeutende Momente unseres Lebens und gibt damit modellhaft Bewältigungsvorschläge an die Hand. Selbst die Sterbehilfe, ein erst in der jetzigen Öffentlichkeit heiß umkämpfter Rechtsgegenstand, ist in musterhafter Weise in einem literarischen Werk des 19. Jhdts dargestellt worden. Eine der letzten Novellen von Theodor Storm (1817-1888), "Ein Bekenntnis", ein starker und mutiger Text, hat den letzten Liebesdienst an seiner jungen Frau, die an Gebärmutterkrebs erkrankt ist, zum Inhalt. "Du hast Dein Weib getötet, "Ich will das Wort nicht scheuen, ich habe sie getötet. Aber damals erschreckte es mich nicht. Ging doch ihr Leid zu Ende". Der Arzt erfährt kurz darauf von einer neuen operativen Methode und wendet diese erfolgreich an einer Patientin an. Damit ist seine furchtbare Übereilung offenbar. Der Dichter zeigt so die Ambivalenz unseres Handelns an. Nichts ist oder bleibt derart eindeutig, wie es in Ausnahmesituationen erscheinen mag. Auf unsere Zeit übertragen, die im wissenschaftlich-medizinischen Bereich so große Errungenschaften erzielte, jedoch das Humane so vernachlässigte, sollte das heißen: anstatt Sterbehilfeteams mit ihren tödlichen Barbiturtränken auf Kranke loslassen, muss man die Erforschung der Heilung schwerer Krankheiten wie Krebs, Parkinson, sowie der Schmerzbekämpfung vorantreiben und die Hospizbewegung, die sich der Sterbebegleitung annimmt, fördern.

Holland, das in verschiedenen Bereichen des Gesellschaftslebens gesetzgeberisch fortgeschrittenste Positionen einnimmt (Legalisierung leichter Drogen, Trauung gleichgeschlechtlicher Paare), hat innerhalb der letzten zwei Jahre ein Gesetz diskutiert und Anfang April endgültig verabschiedet, das die aktive Sterbehilfe von jeglicher Strafverfolgung ausnimmt. Es ist mit dieser Regelung das erste Land der Welt. Heftigst bekämpft hat außer den Kirchen auch Deutschland die Freigabe der Tötung auf Verlangen, das abendländische Menschenbild erfahre dadurch "einen gefährlichen Wandel", so die deutsche Justizministerin; eindringlich wird vor Missbrauch gewarnt.

Wir wollen voraussetzen, dass die niederländischen Einbringer dieses Gesetzes es sich damit nicht leicht gemacht haben. Nicht die Einschränkung des individuellen Lebensrechtes war ihre Motivation, sondern vielmehr die Erweiterung des individuellen Selbsbestimmungsrechtes, den Zeitpunkt festzulegen, wo die Fortsetzung des Lebens mit der eigenen Vorstellung von Menschenwürde nicht mehr vereinbar ist. Da dieser aufgeklärte Gedanke die Gesetzgeber anscheinend leitete, kann man im holländischen Sterbehilfegesetz auch eine nicht unbedeutende Errungenschaft sehen, was die Freiheitsrechte des Menschen betrifft. Der Freitod - und Sterbehilfe ist ja nur eine Form des Freitodes - wird in vielen anderen Kulturen als unserer christlichen seit je dem Menschen als Recht zuerkannt (antikes Rom, fernöstliche Gesellschaften), und es ist zweifellos ein Akt der Selbstbefreiung und Emanzipation, den Wert des Lebens EUTHANASIE nicht als absolut, sondern der Würde des Menschen als nachgeordnet zu betrachten.

"Man bekämpfe den Schmerz, man setze die nutzlosen Kuren ab und lasse die Budgetlogik den Rest erledigen..." aus "Le Monde"

Das niederländische Gesetz erlaubt Sterbehilfe in den besonderen Fällen einer schweren, unheilbaren Erkrankung, um unerträgliches, also unwürdiges Leid zu beenden. Dass der Kranke seine Einwilligung geben muss, ist klar. Jedoch gibt es Fälle, wo dies nicht durchführbar ist, z.B. bei Komapatienten. Wir sprechen hier von nicht-freiwilliger Euthanasie. Jedoch auch bei freiwilliger Euthanasie sind Zweifel angebracht. Wie freiwillig war die Einwilligung? Wer hier Zeuge und eventuell auch Opfer ist, kann, da er ja durch die Sterbehilfe umkam, nicht mehr Zeugnis leisten. Das Gesetz sieht vor, dass nach dem Tod eine Kommission feststellt, ob das Vorgehen bei der Sterbehilfe auch den Gesetzesbedingungen entsprach, verständlicherweise nicht vorher, denn wenn das Recht auf den eigenen Tod vor Gericht erstritten werden müsste, wäre das ein unwürdiges Verfahren (ein Beispiel ist eine zurzeit laufende Verhandlung in Straßburg).

Unter den Vorwürfen, die Holland wegen des gesetzgeberischen Vorpreschens gemacht wurden, fallen zwei ins Gewicht. Zu einem Zeitpunkt, da Europa nicht nur als Weltmacht, sondern auch in der Gesetzgebung Einigkeit anstrebt, sei ein Alleingang in einer so gewichtigen Angelegenheit abzulehnen. In Brüssel wurde vor kurzem ein Gremium konstituiert, das Vorstudien zu einer europäischen Verfassung unternimmt. Es sei gerade jetzt falsch, einer einheitlichen Gesetzgebung vorzugreifen und diese zu verunmöglichen, wie es nun mit dem einzigen in einem Land gültigen Sterbehilfegesetz geschah. Wir meinen, dass man diesen Vorwurf entkräften kann. Ein europäisches Grundgesetz wird nur sehr allgemeinen Charakter haben können, die detallierten Bestimmungen dagegen wird man in der Länderhoheit belassen müssen. Andernfalls wird es einen Rückschritt geben in Gesetzen über Abtreibung, Scheidung, Familienrecht u.a.

Der zweite Einwand gegen den holländischen Alleingang in der Sterbehilfe ist nicht so leicht zu entkräften, im Gegenteil, er wird sehr ernst zu nehmen sein. Es ist dies die Gefahr des Sterbetourismus, einer makabren Erscheinung, die sich bereits dort anzubahnen scheint, wo Sterbehilfe staatlich geduldet wird (Schweiz). Beängstigend die Vorstellung, dass man mit dem lebensmüden, vermutlich alten Menschen nach Holland reist, um ihn dort legal zu "entsorgen".

Zugegeben, das Wort "entsorgen" ist hart. Gibt es aber nicht eine Vorstellung von dem, was aus einem auf die Wahrung der Menschenwürde bedachten Gesetz gemacht werden kann? Eine Reportage über einen Züricher Rechtsanwalt, der einen rührigen Sterbehilfeverein namens "Dignitas" gegründet hat, lässt erschauern. Nicht nur körperlich kranke, terminale Patienten geraten ins Visier der eifrigen Helfer, auch junge Depressive sind als Klientel willkommen.

Hilfeleistung dort, wo Fortsetzung des Lebens abgelehnt wird, ist eine überaus heikle, ja private Angelegenheit. Man möchte wünschen, dass sich der Gesetzgeber Staat, sei es wie bisher strafend oder, nach neuem Gesetz lossprechend, aus diesem sehr persönlichen Bereich heraus hält. Es sollte Freiräume geben, wo das Individuum in autonomer Verantwortung entscheidet. Nur dann kann Sterbehilfe ein letzter Liebesdienst zwischen Vertrauensarzt und Krankem oder zwischen Menschen, die durch Verwandtschaft und Freundschaft verbunden sind, bleiben.