17. Jahrgang - Nr.2 März/April 2001-erscheint zweimonatlich
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In dieser Ausgabe:
Das dritte Autonomiestatut
Die SVP verabschiedet sich vom Volkstumskampf.
 
Sozialdemokratische Erfolge
Landtagswahlen in Wien und in zwei deutschen Bundesländern.
 
Berlusconis Aufgebot
Alte und neue Postfaschisten.
 
Der Staat läßt morden
Warum Moro sterben mußte
 
Lob der Südtiroler Küche
Eine bemerkenswerte kulinarische Mischkultur.
 
Der geschlossene Hof
Die Wahrheit in Versen.
 

GOLD UND SILBER LIEB ICH SEHR ...
Sport und Bildung in Süd-Tirol
von Gerhard Riedmann
Süd-Tirol ist wegen seiner Geringfügigkeiten in den internationalen Medien kaum präsent. Die klitzekleine Region ist nur mit dem Vergrößerungsglas auf der Landkarte auszumachen. Jede Maus drängt in die große, weite Welt hinaus, jede Maus findet ein Schlupfloch dorthin. Wir haben drei Schlupflöcher: den Sport, den landschaftsverschlingenden Tourismus und dank holländischer und dänischer Hammen die Delikatesse Speck.
 
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Erstaunlich viele Medaillen haben unsere Sportler bei Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen gewonnen. Im Ski- und Alpinsport. Wir sind halt ein zähes, kerniges Bergvolk. Zur Zeit aber scheinen die sieben mageren Jahre angebrochen zu sein. Nur die Rodler sind nicht vom Fleisch gefallen. Und drei skifahrende Frauen. Im Snowboarding und im Mountainbyking haben wir mehr als bloßes Skelett vorzuzeigen. Die Zeiten unserer Triumphe jedoch liegen weit zurück. Da schossen die Sportpilze nur so aus dem Boden. Nach Silber dreimal olympisches Gold für den Wasserspringer Klaus Dibiasi. Wir haben zwar kein internationales Stams, aber in Mals (1994) und in Sterzing (1999) lokale "Sportkaderschmieden". Im Fuggerstädtischen Realgymnasium werden - wie poetisch! - "Orchideenfächer" zu Unterrichtsschwerpunkten ausgebaut und nach jahrelangen Vorbereitungen wird "die Aufwertung eines im Schulalltag eher vernachlässigten und vor allem von den Geisteswissenschaftlern hochmütig belächelten Faches gewagt". Die Rache folgte auf dem Fuß: Mathematik-, Physik- und Lateinstunden gestutzt und der Leichtathletik, dem Fußball, dem Badminton und dem Tanzen zugeschanzt. Mals (Ski Alpin, Langlauf, Eishockey und Rodeln) knabbert andere Fächer nicht an.
 
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Dem internationalen Sieger steht es zu, daß er gefeiert wird. Der Heimatort steht Kopf. Von Herzen vergönnt Erfolg und Ehrung. Erfolg ist in unserer schnellebigen Zeit eine hinfällige, trügerische Sache. Wert und Dauer aber verleiht dem Sieg nur die Persönlichkeit des Siegers. Bei uns sieht es hier nicht rosig aus. Weil das kulturelle Widerlager des sportlichen Erfolgs weitgehend fehlt. Unser Zeitgeist stellt immer häufiger die mens sana in die Ecke und den corpus sanum in den Mittelpunkt des Lebens. Am auffälligsten offenbart sich dieses Mißverhältnis in der Sprache. Sprache erschließt die Welt, die Grenzen der Sprache eines Individuums fallen mit den Grenzen seiner Welt zusammen. Selbst die internationalen Spitzen haben Nachholbedarf in verbaler Kommunikationleistung. Aus dem Munde großer Sieger dialektales Gestottere. Etwa: Brutal superschnell ist der Ski g'wesen.
 
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Der Fisch stinkt vom Kopf, heißt es im Volksmund. Betreuer, Mannschaftsführer und Trainer haben dieselben Defizite wie ihre Schützlinge. Was noch gravierender ist.

Österreichische und deutsche Spitzensportler haben einen gymnasialen Abschluß, Mannschaftsführer, Betreuer und Trainer nicht selten eine abgeschlossene akademische Ausbildung. Und wir haben schon Probleme mit der Sprache, der kommunikativen Grundvoraussetzung. Ein Sportfunktionär erwartet sich "von der Teilnahme her am Bozner Marathon ca. 1.200 Teilnehmer, und darunter auch große Kaliber. Und die Umstellung von Neumarkt nach Bozen gibt mehr Sachen für den Marathon. Zum Beispiel können die Mitglieder von den Teilnehmern ein Museum besuchen. Und die Strecke gibt gute Zeiten her." Ein B-Liga Eishockeyverein steigt nicht in die A-Liga auf, weil dessen Präsident "zu den heutigen Zuständen nicht aufgemalen sein möchte." Die Süd-Tiroler Sportwelt hat nicht begriffen, welchen Wert Bildung und Sprache haben. Der Sport ist beileibe keine Insel sprachlicher Defizite. Selbigen Abends im lokalen TV: "Die Osteoporose kommt auch in jüngeren Jahren vor ... Es ist statistisch erwiesen, daß die Osteoporose zu den 10 wichtigsten Krankheiten zählt ... Der Alkoholgenuß neigt dazu, zur Osteoporose zu führen."
 

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Spitzensportler verdanken ihre Erfolge in der aktiven Zeit nicht zuletzt ihrem geistigen Niveau. Ihre Erfolge sind das Ergebnis von Verzicht, Plage und Risikobereitschaft. Sie wissen, daß ihre Triumphe Augenblicksleistungen sind, die jedoch, klug genutzt, die Basis für ein privat und öffentlich erfülltes Leben bilden können. Bolzer und Zufallssieger gehen unter im Sumpf des Alltags. Spitzensportler sind Botschafter ihres Landes und Spiegel der gesellschaftlichen, politischen und kulturellen Situation. Da Sport heute hauptsächlich über die Medien vermittelt wird, müssen Spitzenathleten auch im Umgang mit den Medien versiert sein. Wenn siegreiche Süd-Tiroler Athleten vor der Kamera stehen, möchte man sich am liebsten die Ohren mit Wachs zustopfen. Die meisten von ihnen kommen mit einem deformierten Dialekt daher. Wenn sie Hochsprache sprechen, glaubt man, Bauchredner vor sich zu haben. Eine Talk-show im lokalen Fernsehen ist zumeist Getalke. Vom Glanz des Sieges geblendet genießt jung und alt, groß und klein jegliche Trivialität. Hauptsach, mier sein brutal guat. Und die durchgehende strukturelle und finanzielle Förderung funktioniert. Was haben da Bildung, Erfahrungshorizont und Sprachkultur zu suchen?
 
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Und die Medien? Sportberichterstatter begnügen sich in der Regel mit dem Gebrauch gängiger Klischees, die freie Verfügbarkeit des sprachlichen Ausdrucks ist ihre Stärke nicht. Weil man sich auch hier mit dem unteren Mittelmaß zufrieden gibt. Hauptsach, unsere Weltmeister und Olympiasieger palavern ins Mikro. Danach versinken sie im Alltagssumpf.
 
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Echter Sport ist wesentlich mehr als Kampfleistung, dahinter steckt ein Konzept. Jenes der "mens sana in corpore sano" . Die Frist des Aktivseins ist knapp bemessen, noch knapper die Zeit des Erfolgs. Wenn man von Verletzungen verschont bleibt. Spitzenathleten sind für die Zeit danach materiell abgesichert. Mit einer Tankstelle oder einem Sportgeschäft allein ist aber nichts erreicht. Das ist Absturz in die Anonymität. Die Voraussetzungen für ein erfülltes Leben nach der aktiven Zeit müssen innere Führungskräfte schaffen. Wo sind sie? Einer unserer besten Skifahrer, der seine Erfolge dem "brutalen speed" verdankte und jahrelang "in neuen Sphären" fuhr, bietet in seinem Sportshop Restposten zum "Hälfte Preis / Metà Prezzo" an. Ja. Bei uns gibt es (allzu) vieles zum halben Preis. Was übrig bleibt, gibt es zu Schleuderpreisen.

Klarstellung

Nachdem Gerhard Riedmann in der letzten Nummer der "SN" die Frage gestellt hatte, "wo in Südtirol Lesungen und Begegnungen mit überregional bedeutenden Schriftstellern und Dichtern geblieben seien," hat uns Robert Huez von den "Bücherwürmern" in Lana einen freundlichen Brief geschrieben mit einer genauen Auflistung der zahlreichen Lesungen und Kulturtagungen, die von den Bücherwürmern allein in den Jahren 1999 und 2000 veranstaltet worden sind. Weder Prof. Riedmann noch die "SN" wollten die Tätigkeit der "Bücherwürmer" ignorieren oder schmälern. Ich selbst habe die Aktivität der "Bücherwürmer" immer mit Sympathie verfolgt und sooft ich konnte, diese Lesungen besucht. Ich entschuldige mich also für diese Unterlassung beziehungsweise Fehlinformation und benütze gleichzeitig die Gelegenheit, um allen kulturell Interessierten Menschen zu raten das vielseitige Angebot der "Bücherwürmer" in Lana zu nutzen und diese Initiative nach Möglichkeit zu unterstützen.

e.j.