17. Jahrgang - Nr.2 März/April 2001-erscheint zweimonatlich
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In dieser Ausgabe:
Das dritte Autonomiestatut
Die SVP verabschiedet sich vom Volkstumskampf.
 
Sozialdemokratische Erfolge
Landtagswahlen in Wien und in zwei deutschen Bundesländern.
 
Gold und Silber liebe ich sehr...
Sport und Sprache in Südtirol.
 
Berlusconis Aufgebot
Alte und neue Postfaschisten.
 
Lob der Südtiroler Küche
Eine bemerkenswerte kulinarische Mischkultur.
 
Der geschlossene Hof
Die Wahrheit in Versen.
 

"DER STAAT LÄSST MORDEN"

Das ist der unmißverständliche Titel, den der deutsche Journalist Klaus Kellmann seinem Buch über den Mord an Aldo Moro und seiner Eskorte gegeben hat. Kellmann räumt mit der systematischen Desinformation auf, die seit nunmehr 23 Jahren von offizieller Seite zum Fall Moro betrieben wird, und stellt dieses Ereignis in seinen richtigen historischen Rahmen.

Moros Schicksal ist - so Kellmann - eine entscheidende Episode in jenem Kalten Krieg, den sich die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges um die Beherrschung Europas geliefert haben. Wichtige Instrumente der Politik waren dabei die Geheimdienste. Auf der einen Seite stand die CIA, auf der anderen der KGB, denen jeweils ihre entsprechenden untergeordneten nationalen Dienste (Stasi, Sismi, SID, BND u.a.) gehorchten. Auf beiden Seiten wurde mit derselben Härte und Brutalität gekämpft, auf beiden Seiten kümmerte man sich nicht um nationale Souveranitäten, sondern betrachtete die jeweilige Einflußsphäre als ein Protektorat.

In dieser Auseinandersetzung war Italien der "weiche Bauch" der NATO, denn in diesem Land gab es die stärkste kommunistische Partei außerhalb Rußlands. In den Augen der USA war diese Partei die fünfte Kolonne Moskaus, die man unbedingt von der Regierungsmacht in Rom fernhalten mußte. Man riskierte sonst ­ so die Überlegung der USA ­ den Verlust der strategisch wichtigen Basen im Mittelmeer und damit eine offene Flanke im Süden.

Diese Angst vor den "Roten" erstreckte sich auch auf die kleine sozialistische Partei Italiens. Als diese im Herbst 1964 erstmals in eine Mitte-Links-Regierung einsteigen sollte, stand bereits der Carabinieri-General und Geheimdienstchef De Lorenzo zum Putsch bereit. Er verfügte über eine von der CIA bestens ausgerüstete bewaffnete Organisation, die sich in Italien "Gladio" nannte. Das entsprechende Pendant in der Bundesrepublik, trug den Namen "Stay behind". Die Übungs- und Einsatzpläne dieser Organisationen waren von der CIA und dem Pentagon ausgearbeitet worden.

Als sich die KPI unter der Führung Enrico Berlinguers allmählich von Moskau zu lösen begann, traten im linken Lager die "Roten Brigaden"auf, die jede Regierungsbeteiligung mit dem Klassenfeind ablehnten. So hatten CIA und "Rote Brigaden" dasselbe politische Ziel. Das Ergebnis war eine Serie von Morden und Attentaten, die am 16. November 1969 in Mailand ihren Anfang nahm. Durch die Bombe von Mailand starben 16 Personen, die Geheimdienste versuchten, alle Spuren zu verwischen und den Anarchisten die Schuld in die Schuhe zu schieben. In Wirklichkeit waren es Leute aus dem rechten Lager, die im Auftrag und mit Deckung der Geheimdienste den Terror starteten. Der vermutliche Hauptakteur des Attentats von Mailand lebt heute als geschätzter japanischer Staatsbürger in Tokio.


9. Mai 1978, Moros Leiche wird in Rom gefunden

Es begann jene "Strategie der Spannung", die insgesamt über 300 Tote forderte. General Maletti, ehemaliger Ab- wehrchef, hat erst kürzlich vor Gericht ausgesagt, daß die CIA hinter dieser Strategie stand. Gleichzeitig mit diesen Terroranschlägen, die bürgerkriegsähnliche Zustände und den Ruf nach dem "starken Mann" hervorrufen sollten, wurde unter Führung des Rechtsanwaltes Licio Gelli eine alternative politische Struktur mit dem Namen P2 aufgebaut.

Moro ahnte wohl, daß er ein Risiko einging, als er im Frühjahr 1978 als designierter Ministerpräsident konkrete Verhandlungen mit der KPI über ihre Regierungsbeteiligung aufnahm. In Wirklichkeit unterschrieb er damit sein Todesurteil. Das Kommando, das ihn in einer exakt geplanten Aktion am 16. März 1978 gefangennahm und seine Eskorte niedermetzelte, trat als "Rote Brigaden" auf. Die Drecksarbeit erledigten aber die Killer der Mafia, und die mächtigen politischen Hintermänner blieben im Dunkeln. Das zeigte sich bereits bei den polizeilichen Ermittlungen, die durch eine Reihe von eigentümlichen Pannen gekennzeichnet waren.

Noch deutlicher wurde dies bei den sogenannten "Verhandlungen" um die angebliche Freilassung Moros, die sich über 55 Tagen hinzogen. Dabei zeigte sich bald, daß die politischen Drahtzieher an einem Austausch Moros mit einsitzenden Rotbrigatisten gar nicht interessiert waren, sondern ihn und seine Politik der Öffnung zur KPI hin endgültig beenden wollten. Kellmann beschreibt recht gut die Farce um die Suche nach dem "Volksgefängnis" des Staatsmannes. Moros Gefängnis befand sich schließlich, laut Kellmann, in der absolut sicheren israelischen Botschaft in Rom. Die zuständigen Politiker wußten es, rührten aber keinen Finger.

Die traurigste Rolle spielten in dieser Tragödie die Parteifreunde Moros der Democrazia Cristiana, die ihn bewußt opferten und seine klaren verzweifelten Hilferufe als den Ausdruck eines durch die Umstände verwirrten Geistes darzustellen suchten. Einer der Hauptakteure war in dieser Hinsicht Giulio Andreotti, der dieses Vorgehen als Politik der Härte zu verkaufen wußte. Er wurde auch Moros Nachfolger als Ministerpräsident. Damit war die Südfront der NATO wieder "in Ordnung".
Klaus Kellmann "Der Staat läßt morden", 320 Seiten, Henschel-Verlag.