16. Jahrgang - Nr.2 Mai/Juni 2000-erscheint zweimonatlich
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In dieser Ausgabe:
1999 - Das Jahr des alten Menschen

 
Der bürokratische Irrgarten
Kritik am Gesundheitswesen in Südtirol
 
Normalisierung

 
"Pfalzener Hochsprache"
von Gerhard Riedmann
 
Süd-Tiroler Buchhandel im Wandel
Von der Brief- zur Internetbestellung
 
Teures Theaterüben
Die VVB-Bilanz der Spielzeit 1999/2000
 
Die Ergebnisse der Gemeindewahlen

Etwas rührt sich in Südtirol
Im Vordergrund steht die massive Niederlage der ethnischen Scharfmacher - deutliche Zeichen einer interethnischen Zusammenarbeit im Zeichen des Mitte-Links-Bündnisses in den Städten - Kratzer am Monopol der SVP auf dem Land

Das Ergebnis der Gemeindewahlen in Südtirol, besonders nach den Stichwahlen in den Städten, zeigt einige interessante gesellschaftspolitische Veränderungen. Das auffallendste Merkmal dabei ist die schwere Niederlage derjenigen Politiker und Parteien, die bei diesem Wahlgang die ethnische Karte ausgespielt haben . Der Wähler hat ihnen eine kräftige Abfuhr erteilt.

Das gilt vor allem für die Städte Bozen und Meran, wo die verschiedenen ethnischen Gemeinschaften sich im Alltag begegnen und konfrontieren und deshalb die Reibungspunkte besonders ins Gewicht fallen könnten. Aber gerade in der Landeshauptstadt, wo angeblich das Unbehagen der Italiener am größten ist, haben die Appelle an die patriotischen Gefühle und an die Verteidigung der "nationalen Interessen" die italienische Wählerschaft kalt gelassen. Das Bündnis der Rechtsparteien mit ihrem Kandidaten Pasquali an der Spitze erlitt eine deutliche Niederlage.

Gewonnen haben jene italienischen Vertreter und Gruppen, die eine konstruktive Zusammenarbeit mit der deutschen Volksgruppe anstreben und dies bereits in den letzten fünf Jahren praktiziert haben. Das war für diese Kräfte nicht immer leicht, denn die Landesregierung, die mehrheitlich von der SVP repräsentiert wird, hat allzuoft versucht sich von oben her in die Belange der Landeshauptstadt einzumischen. Im Verhältnis Gemeinden -Landesregierung wird sich übrigens in Zukunft manches ändern müssen. Dazu beitragen wird sicherlich der Umstand, daß in Bozen ( und in Meran) die interethnischen Grünen ebenso wie ein Vertreter des Projektes Bozen nunmehr zur Mehrheit gehören.

Die SVP hat in diesem Wahlgang recht pragmatisch und vernünftig gehandelt. Nach einigen rein verbalen ethnischen Scheingefechten hat sie die Kandidatur des bisherigen Bürgermeisters Salghetti-Drioli tatkräftig unterstützt und die deutsche Wählerschaft aufgefordert ihm die Stimme zu geben. Die breite Zustimmung, die diese Aufforderung bei den Angesprochenen gefunden hat, zeigt wie sehr sich die Verhältnisse nunmehr geändert haben. Der Volkstumskampf ist nunmehr Geschichte.

Giovanni Salghetti-Drioli, Exponent der italienischen Mitte-Links-Koalition, Bürgermeister von Bozen mit Hilfe der SVP
Die Ignorierung dieser Erkenntnis hat dem italienischen Rechtsbündnis von Meran eine geradezu katastrophale Niederlage beschert. Dort hatten sich die italienischen Nationalisten aller Farben auf einen rein ethnischen Wahlkampf eingestellt und ihre Wähler auf einen "italienischen Bürgermeister" einzuschwören versucht.

Daraus ist ein gewaltiger Flop geworden, der dem scheidenden SVP-Bürgermeister Alber einen in seiner Deutlichkeit unerwarteten Sieg eingebracht hat. Die Wähler von Meran haben sich von patriotischen Phrasen nicht beeindrucken lassen und nach praktischen Überlegungen ihre Entscheidung getroffen. Es muß hinzugefügt werden, daß Alber, der anfangs in seinen eigenen Reihen nicht unumstritten war, recht überlegt und vernünftig vorgegangen ist. Alber hat jede nationalistische Betonung sorgfältig vermieden , hat sich als der Bürgermeister aller Meraner, unabhängig von ihrer Sprache erklärt, hat rechtzeitig mit der interethnischen grün-roten Liste entsprechende Abkommen getroffen. Das ist auch von den deutschsprachigen Wählern der Stadt verstanden und anerkannt worden. Nun ist zu hoffen, daß diese neue Koalition Entscheidungen treffen wird, die der Rolle einer Kurstadt entsprechen. Bisher haben oft Sonderinteressen dies verhindert. Bereits die anstehenden Beschlüsse über die Verkehrsregelung und die Neugestaltung der Thermen werdren ein Gradmesser dafür sein.

Die Wahlergebnisse von Bozen und Meran haben auch einen parteipolitischen Aspekt, der einen Sozialdemokraten besonders erfreuen muß. Sie bestätigen, daß im gesamtstaatlichen italienischen Bereich die wahren Freunde der ethnischen Minderheiten im linken Lager anzutreffen sind. Dort sind die Personen und Kräfte, die über nationalistische Vorbehalte hinaus europäische Ziele ansteuern. Diese Erkenntnis hat sich allerdings bei den deutschsprachigen Südtirolern nur mühsam durchgesetzt. Als vor nunmehr 35 Jahren der Südtiroler Publizist und Historiker Claus Gatterer in seinem Werk "Im Kampf gegen Rom" die These formulierte : "Der Freund steht links." fand er keine besondere Beachtung, sondern er stieß damit auf Mißtrauen und Ablehnung. Das entsprach nicht der damaligen SVP-Politik. Als dann die neugegründeten Südtiroler Sozialdemokraten dies bestätigten und sogar Abmachungen mit den italienischen Sozialdemokraten trafen, wurden sie als Volksverräter und Schädlinge bezeichnet. Der Verlauf der Geschichte gibt ihnen nun nachträglich recht, auch wenn ihre Vorläuferrolle in politischer Hinsicht nicht honoriert worden ist.

Auf Grund dieser Wahlergebnisse von Bozen und Meran kann man auch von einer politischen Weichenstellung sprechen, die von der Wählerschaft beider großer ethnischer Gruppen bestätigt worden ist. Demnach ist die Zeit der permanenten nationalen Konfrontation in Südtirol vorbei. Das bedeutet nicht, daß alle diesbezüglichen Konflikte gelöst sind und, daß es nicht immer wieder Auseinandersetzungen geben wird. Es ist aber anzunehmen, daß die Sachthemen und die politischen Auseinandersetzungen in den Vordergrund rücken , es wird nicht mehr so leicht sein diese hinter ethnischen Scheinargumenten zu verstecken. So wird zum Beispiel die bereits erwähnte längst fällige Auseinandersetzung um die Rechte der Gemeinden gegenüber der Landesverwaltung nicht mehr als ein Problem zwischen dem mehrheitlich italienischen Bozen und der SVP-Landesregierung sein, sondern alle Gemeinden des Landes betreffen. Das kann der Demokratie in diesem Lande nur nützen. Der Bürger will mehr Rechte und Freiheiten auch gegenüber der Landesbehörde.

Franz Alber (SVP), Bürgermeister von Meran durch rot-grüne Wahlhilfe
In den übrigen Gemeinden des Landes waren angesichts der Dominanz der SVP keine besonderen Verschiebungen zu erwarten. Trotzdem zeigen die Ergebnisse, daß auch dort, wenn auch langsamer als in den Städten, gesellschaftspolitische Änderungen sichtbar werden. Allein der Umstand, daß die SVP in vereinzelten Fällen auch Italiener auf ihre Liste genommen hat, zeigt wie sehr sich das Klima gewandelt hat.

Weil die deutschen Oppositionsparteien Union für Südtirol und Freiheitliche das nicht zur Kenntnis genommen haben, blieb ihnen der Durchbruch versagt. Ihre Themen waren durchwegs von gestern und auf einen Volkstumskampf fixiert, den es nicht mehr gibt. Wer heute Südtirol als ein "fremdbestimmtes Land" bezeichnet, der macht sich lächerlich. Deshalb kamen bei den Wählern lokale Bürgerlisten mit anerkannten Persönlichkeiten die Sachprobleme in den Vordergrund stellten viel besser an. Da mußte die SVP erkennen, daß nunmehr allein der Appell an den Zusammenhalt der deutschsprachigen Südtiroler und die Ausgrenzung der politischen Gegner Wahlsiege nicht mehr garantiert. Das beste Beispiel lieferte dazu der Bürgermeister des Ahrntales Rieder, der trotz einer heftigen und persönlichen Kampagne der Pusterer SVP seinen Bürgermeisterposten bestens behaupten konnte.

Solche Kratzer am bisherigen SVP-Monopol zeigen, daß der Pluralismus allmählich in der Südtiroler Gesellschaft Fuß faßt und daß diese politische Konkurrenz sich vorteilhaft für die gesamte Gemeinschaft auswirkt.

Egmont Jenny

e-mail Adresse: Egmont.Jenny@dnet.it

 

1999 - Das Jahr des alten Menschen

von Elisabeth Höglinger

Sinniger Weise wurde das letzte Jahr des Jahrtausends von den Vereinigten Nationen als " Internationales Jahr für ältere Menschen" ausgerufen. Wer ist ein älterer, wer ein alter Mensch? Ein älterer Mensch ist, im Widerspruch zur grammatikalischen Steigerungsstufe, offenbar jünger als ein alter Mensch. Bei den Vereinten Nationen hat man sich bemüht, den Lebensabschnitt Alter nach Jahrgängen einzustufen; demnach gäbe es drei Gruppen:

  • die "fast Alten" zwischen 55 und 64 Jahre alt
  • zu den "jungen Alten" werden 65- bis 79jährige gezählt
  • ab 80 gehört man zu den "ältesten Alten"

Mag also jeder ab Mitte 50, noch erwerbstätig oder bereits im Ruhestand, seinen Platz in dieser kuriosen Skala suchen und seinen gesellschaftlichen Nutzen danach bemessen. Betrachtet man den Wortgebrauch, so kann man feststellen, dass das Alter von Demografen und Verwaltungssachverständigen nicht eben freundlich behandelt wird: Durchschnittsalter steigt dramatisch- galoppierende demografische Entwicklung". Die immer zahlreicheren Alten werden beschworen wie eine lawinenartige Masse, die anrollt und mit der die Regierungen irgendwie fertig werden müssen. Das Geschrei um die Sicherung der Renten ist der augenfälligste Ausdruck der Sorge, das Problem Alter zu bewältigen. Denn der ältere und alte Mensch wird durchaus in die Kategorie Problem eingewiesen: Alterversorgung, Altenwohnung, Betreuung und Gesundheitsfürsorge, mählich rutscht der Bürger, der gewohnt ist, im Erwerbsleben zu stehen und über sich und sein Leben zu bestimmen, in den Zustand der Fremdbestimmung, des Verwaltetwerdens, wie er bei geistig Behinderten üblich ist.

Was die Planer unseres gesellschaftlichen Daseins mit Sorge auf die Entwicklung der Bevölkerung blicken lässt, was den Notschrei auslöst, dass die über 6o Jährigen bald die 18 Jährigen überholt haben werden, ist nicht das einfache biologische Faktum der vielen gelebten Jahre, ist auch kaum die Tatsache einer verminderten Arbeitsfähigkeit (Sechzigjährige sind in bestimmten Arbeitsgebieten effizienter als Zwanzigjährige), es ist die simple Tatsache des Ausscheidens aus dem Erwerbsleben, was den Notschrei auslöst. Wer in Pension ist, gilt als jemand, der erhalten wird, über den man also zu bestimmen berechtigt ist. Altsein wird zum Makel im Zusammenhang mit dem gesellschaftlichen Nutzen, den man erbringt. Von einem Schriftsteller wird keiner erwarten, dass er mit Beginn des üblichen Pensionsalter die Feder aus der Hand legt, ebenso ist es selbstverständlich dass ein Regisseur bis ins hohe Alter hinein Filme dreht und ein Dirigent sein Orchester leitet. Aber selbst wenn es üblich geworden ist, dass hohe Funktionäre bzw. Würdenträger von ihrem Amt mit Erreichen des Pensionsalter zurücktreten, warten eine Unmenge interessante Tätigkeiten auf sie.

Doch nicht die wenigen Elitemenschen sollen Gegenstand dieser Überlegungen sein, zu fragen ist nach dem Alter der Menschen normalen Zuschnitts, zu fragen danach, wie man ihrem Leben gerecht wird, wie man der Versuchung begegnet, im alten Menschen eine Spezies zu sehen, die hauptsächlich als Verursacher einer Kostenexplosion in den Bilanzen des Staatshaushaltes geführt wird.

Bleiben wir bei den wirtschaftlichen Überlegungen. Ohne den Beitrag von Personen, weiblichen wie männlichen, die der Italiener der terza etá zuordnet ( wir haben kein passendes Äquivalent) ließe sich die Eingliederung von Frauen mit Familie, von jungen Paaren in den Arbeitsprozess nicht denken. Ehre den Großmüttern! Den Müttern , den Schwiegermüttern, aber auch den Großvätern, Vätern und Schwiegervätern! Ihre Leistung im Bereich der Familienarbeit ist gänzlich unverzichtbar, wird unentgeltlich verrichtet, gilt als selbstverständlich und wird volkswirtschaftlich nicht als Faktor geführt. Die Generation dieser "fast oder jungen Alten", um bei der Katalogisierung der Vereinten Nationen zu bleiben, diese Auto fahrenden, im Leben stehenden tüchtigen Menschen, diese Frauen, die noch kochen können, werden dringend gebraucht. Sie führen den jungen Paaren den Haushalt, hüten die Kinder, während die Jungen ihrem Beruf nachgehen oder ihrem Recht auf Freizeit frönen. Sie sind es, die die Bruchstücke der Familie aufnehmen, wenn die jungen Ehen zerbrechen. Sie sind es, die mit ihren Ersparnissen und Pensionen für die Bedürfnisse der jungen Familien, die bekanntlich ewig in Geldnöten stecken, immer wieder aufkommen, Geld zuschießen, beim Wohnungskauf helfen, die Kinder ausstaffieren.

Nutzen genug? Galoppierende demografische Entwicklung? Es wäre Zeit dass wir unsere Optik ändern und den Menschengruppen der verschiedenen Alterslagen Gerechtigkeit widerfahren lassen.. Wohl hat sich das Leben verlängert und wurde die Altersgrenze nach oben verschoben, zugleich hat sich aber auch die Arbeitsfähigkeit ausgedehnt. Die Leistung, die die so genannten Alten bringen, ist von enormen gesellschaftlichen Wert und wirtschaftlichem Nutzen, sie ließe sich einfach in Zahlen ausdrücken, wollte man sich um solche Berechnungen bemühen. Nicht nur im Bereich Eigenarbeit ist diese Leistung bedeutend, das große, sich zunehmend ausweitende Gebiet des Volontariats, der Bürgerarbeit, wird hauptsächlich u.zw. ehrenamtlich , von älteren Menschen bedient. Die Gratisstunden, die hier geleistet werden, sollten die kommunalen Verwaltungen mal nachzählen, bevor sie in das leichtfertige Geschwätz vom Problem Alter einstimmen.

 

Der bürokratische Irrgarten

Kritik am Gesundheitswesen in Südtirol.

Das Thema ist in diesem Blatt bereits mehrmals behandelt worden, in letzter Zeit haben auch andere Medien meist in kritischer Form dazu Stellung genommen. Geändert hat sich aber nichts und nachdem es ein Problem ist, das nicht parteipolitischer Natur ist, sondern die gesamte Bevölkerung betrifft scheint es mir notwendig wieder darauf einzugehen.

Um gleich vorweg Mißverständnisse auszuschließen möchte ich betonen, daß die Kritik sich nicht gegen das sanitäre Personal, also gegen Ärzte, Krankenschwestern und deren Hilfspersonal richtet. Diese erfüllen durchwegs ihre Pflicht, manchmal auch unter schwierigen Bedingungen, ihre Leistung wird auch von der Bevölkerung anerkannt. Dagegen knirscht es gewaltig im bürokratischen Überbau des Südtiroler Gesundheitswesen , wo Pannen, Fehlleistungen, organisatorische Mißstände sich häufen und trotzdem die dafür verantwortlichen Politiker und Funktionäre keine Einsicht zeigen und von den dringend nötigen Korrekturen nichts wissen wollen.

Es ist das System selbst , das nicht funktioniert und sicherlich ist die schlecht konzipierte und noch schlechter durchgeführte sogenannte staatliche Sanitätsreform eine der Hauptursachen. Das italienische Parlament hat sich dabei von rein ideologischen Vorurteilen leiten lassen und ein zentralistisches, verstaatlichtes Gesundheitssystem geschaffen, das an der Realität gescheitert ist. Anstatt des verkündeten bürgernahen, effizienten Gesundheitswesens haben wir nun einen bürokratischen Apparat, der zum Selbstzweck geworden ist und direkt zur Zwei-Klassen-Medizin führt.

Angesichts dieser Entwicklung hätte die Südtiroler Landesregierung die Chance gehabt im Namen der autonomen Kompetenzen deutliche Korrekturen an diesem System vorzunehmen. Nachdem es um die Volksgesundheit geht wäre dies weitaus wichtiger als der Streit um die Toponomastik. Aber die Südtiroler Landesregierung hat in diesem sanitären Bereich bereitwillig alles vom Staat übernommen und hat sogar den dirigistischen, privatfeindlichen Aspekt des Systems noch verschärft Saurer und sein Stab haben einen Apparat aufgezogen, der sich an Modellen orientiert, die nur im ehemaligen Ostblock gültig waren und dort auch kläglich gescheitert sind. Die private Medizin ist systematisch ausgegrenzt worden, im Gesundheitsplan des Landes kommt sie gar nicht vor. Dafür hat man beschlossen alle fachärztlichen sanitären Aufgaben den öffentlichen Strukturen aufzubürden.


Was dies für Folgen hat, das kann man täglich feststellen, wenn man die Warteschlangen an den Poliambulatorien der Krankenhäuser sieht. An einem Schalter muß man sich anmelden, an einem anderen Schalter muß man sein Ticket zahlen und sich dann wieder in die erstere Warteschlange einreihen. Das kostet Nerven, Zeit und Geld. Niemand hat bisher einen Landespolitiker oder hohen Funktionär in diesen Warteschlangen stehen sehen.

Noch dramatischer ist die Tatsache, daß Patienten Monate auf eine Untersuchung warten müssen, wobei ein anonymes Sekretariat die Vormerkungen annimmt und den Patienten auf die "Warteliste" setzt. So ein Verfahren würde man sich nicht einmal in einer Reparaturwerkstätte für Autos gefallen lassen. Stupid ist zum Beispiel die Vorschrift, daß ein Kranker, der an Hochdruck leidet, dies sich vom Hausarzt und zusätzlich von einem Arzt der Sanitätseinheit oder eines Krankenhauses bescheinigen lassen muß, um die Medikamente ticketfrei zu bekommen. Überhaupt ist die für das Funktionieren des Gesundheitsdienstes entscheidende Kommunikation zwischen Basisarzt und Ambulatorien schwerstens gestört. Basisärzte sind zu schreibenden Erfüllungsgehilfen degradiert.

Nun ist der Gesundheitsdienst nicht ein Geschenk des Staates oder der Region an die Bürger sondern er wird von den Bürgern finanziert; er ist auch gar nicht billig. Jeder Bürger zahlt über seine Steuerrolle seinen Beitrag und außerdem wird er in zunehmendem Maße für jede Leistung und jedes Medikament abkassiert. Längst ist man draufgekommen, daß ein privates Versicherungssystem rationeller und effizienter arbeiten würde.

Das heißt , daß hier nicht das Geld des Politiker und ihrer sogenannten Manager - meistens sind es verdiente Parteifunktionäre, die zu diesen sagenhaften Gehältern aufsteigen - verteilt wird, sondern, daß es das Geld des Volkes ist. Demnach hat der Bürger auch ein Recht zu verlangen, daß Regeln aufgestellt werden, die den Prinzipien der Effizienz und der Leistung entsprechen. Leider haben die Kranken keine Lobby, da sie kein einheitliches parteipolitisches Wählerpotential darstellen. Das erklärt warum die schwache politische Opposition und die mit den Regierenden vielfach innig verbandelte lokale Tagespresse dieses Thema nicht aufgreifen. Das unverständliche Schweigen der Gewerkschaftsfunktionäre zeigt , wie sehr sich diese Kaste von den echten Bedürfnissen der arbeitenden Menschen entfernt hat. Die Untätigkeit der Ärztekammer bestätigt wiederum , daß diese jede standespolitische Kompetenz aufgegeben hat.

Eine Kritik ist nur glaubhaft, wenn sie aufzeigt, wie und wo sinnvolle Änderungen am System erfolgen sollen. Dabei muß man von der Grunderkenntnis ausgehen, daß die Verstaatlichung ein falscher Weg ist, das gilt übrigens für alle Bereiche. Wenn man die Bäcker verstaatlichen würde, so gäbe es schlechtes Brot für alle und gute Brötchen nur für die politisch Privilegierten und diejenigen die extra dafür zahlen können. Die Alternative ist nicht die schrankenlose Liberalisierung des Gesundheitswesens, die mit unserem Gesellschafts-und Sozialsystem unvereinbar ist, sondern die Möglichkeit, daß öffentliche und private Strukturen im Wettbewerb stehen.



Dazu ist die volle Integration der privaten Medizin in das lokale Gesundheitswesen nötig. Es ist unverständlich, daß die Landesbehörde mit großem Geldaufwand Sanitätsprengel aufbaut, die letztlich teure Beamtenburgen sind, die einen guten Teil des Tage leerstehen. Es ist unverantwortlich, daß man den privaten Facharzt und überhaupt die private Sanitätsstruktur ständig ausgrenzt um die Patienten in die Poliambulatorien der Krankenhäuser zu steuern, wo es angeblich nichts kostet, eine falsche Behauptung, die leicht widerlegt werden kann. Würde man diese Ausgrenzung beseitigen würden die Warteschlangen sofort verschwinden, zum Nutzen der Kranken und im Interesse der Gemeinschaft. Natürlich müßte man auch den Krankenhausärzten die Möglichkeit geben innerhalb des Krankenhauses eine privatärztliche Tätigkeit zu entfalten, die sich finanziell lohnt.

nicht der Fall, denn "man" will ja nur die Poliambulatorien fördern und mit deren Mehrleistung das Budget des Krankenhauses aufstocken.

Weil dieses System immer leistungsfeindlicher, schwerfälliger und teurer wird sucht Saurer nach immer neuen Geldquellen, obwohl bereits jetzt fast ein Drittel des Landesbudgets für das Gesundheitswesen ausgegeben wird. Jeder Gedanke an eine Reform wird von oben herab abgeblockt. Die Kaste der Politiker und der Funktionäre, die Leistung und Wettbewerb scheuen, wollen die Macht und die Kontrolle über diesen für sie so einträglichen Apparat behalten. Es hängt nun vom Bürger , somit von jedem von uns ab, ob er den Mut und die Zivilcourage aufbringt dagegen anzukämpfen. Es geht nicht nur um ein demokratisches Grundrecht, sondern um das wertvolle Gut der Gesundheit.

Medicus

 

Normalisierung

Ein Urteil des Europäischen Gerichtshofes hat bestätigt, daß der Nachweis der Zweisprachigkeit nicht das einzige Kriterium für die Besetzung eines Postens in Südtirol sein kann. Der SVP-Abgeordnete Zeller meinte, damit sei einer der Grundpfeiler der Autonomie in Gefahr. Der Pragmatiker Durnwalder reagierte dagegen gelassener auf diese Niederlage.

Bisher hatte die SVP versucht über die Zweisprachigkeitsprüfung und den damit gekoppelten Proporz die politische Kontrolle über diesen Sektor zu behalten. Das ist aber mit dem Geist der europäischen Institutionen und dem Prozeß der europäischen Einigung unvereinbar. Südtirols Sozialdemokraten haben stets die Meinung vertreten, daß in einer demokratischen Gesellschaft der Proporz, so wie er bisher gehandhabt wurde, nicht nur leistungsfeindlich sondern auch unhaltbar ist. Die Entwicklung hat ihnen nun recht gegeben und den nationalistischen Scharfmachern ein Instrument aus der Hand genommen. Darüber kann man sich nur freuen. Es ist dies ein weiterer Schritt zur demokratischen Normalität.

 

"Pfalzener Hochsprache"

von Gerhard Riedmann

Pfalzener Hochsprache" wurde im Auftrag der "Südtiroler Tageszeitung" geschrieben, jedoch nicht abgedruckt. Dennoch soll die Glosse einem kritischen Publikum nicht vorenthalten werden. Dem Beitrag liegt der Artikel "Orden für's gute Deutsch" (Südtiroler Tageszeitung vom 27. April 2000) zugrunde. Unser Landeshauptmann, Dr. Luis Durnwalder, wird heute in Bozen vom deutschen Botschafter in Rom, Dr. Fritjof von Nordenskjöld, mit dem zweithöchsten Orden der Bundesrepublik Deutschland, dem "Großen Verdienstkreuz mit Stern", ausgezeichnet. Nach Altlandeshauptmann Dr. Silvius Magnago (1993) wird nun auch Durnwalder diese Ehrung zuteil, welche Bischöfen, Polizeichefs, Ministern, Drei-Sterne-Generälen u.a. vorbehalten ist.

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Ordenskanzlei des Bundespräsidialamtes und Presseamt des Bundespräsidenten gaben keine Auskunft über jene Person, von welcher der Vorschlag ausgegangen war, Durnwalder mit diesem Orden zu schmücken. War es Stoiber? Schüssel? Joschka Fischer? Berlusconi? Oder, man verzeihe mir die Kühnheit, gar ... Haider? Wer ist der "Schuldige"?

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Wofür? Die offizielle Begründung: "Insbesondere (für) die Förderung und Pflege der deutschen Sprache." Wie? Der deutschen Sprache? Ein Witzbold schrieb, die "Pfalzener Hochsprache" könnte damit gemeint sein. Eine schlüssige Antwort wird die Sprachwissenschaft geben müssen.

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Wir versuchen, Durnwalders bisher verborgene Verdienste um die Süd-Tiroler Kultur und Sprache streiflichtartig zu beschreiben. Die Geschichtsbücher führen in der Regel Könige und Kaiser als Gründer von Universitäten an. Kaiser Karl IV. hob vor 650 Jahren die erste deutsche Universität in Prag aus der Taufe. Unzählige deutsche Monarchen folgten seinem Beispiel. Landesfürst Durnwalder ist vorläufig der jüngste und geographisch südlichste deutsche Universitätsgründer. (Die Universitäten sind seit alters her Brutstätten von Sprachförderung und -pflege.). Weiters: im September 1999 - ungefähr 500 nach Shakespeares Tod - stellte er uns ein prunkvolles Neues Stadttheater hin, und im April A. D. 2000 - 250 Jahre nach der Gründung des Wiener Musikvereins und 200 Jahre nach Joseph Haydns Hinschied - schenkte er uns ein prächtiges Konzerthaus. Fürwahr, unsterbliche Verdienste um Kultur und Sprache. Mit der Gründung einer Akademie der deutschen Sprache könnte unser Landesherr seiner Krone das letzte fehlende Juwelchen aufstecken. Diese Akademie müßte auf alle Fälle des Landesfürsten Namen tragen.

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Alles im Butter? Ja, machte der Landesproporz bloß keine Zicken. Die Verleihung des deutschen "Großen Ver dienstkreuzes mit Stern" droht den Proporz außer Kraft zu setzen. Die italienischen Patrioten frohlocken schon. Aber, keine Bange, Brüder und Schwestern im Edelweiß! Italiens Staatspräsident Maria Azeglio Ciampi ist ein weiser und findiger Mann und wird den Proporz retten, indem er, den Aufschrei der italienischen Patrioten an seinen Ohren abprallen lassend, für unseren Landesherrn einen dem republikdeutschen Ehrenzeichen gleichwertigen Orden schaffen wird. Mit den bekannten Verschlingungen, die einem solchen Schritt vorausgehen.

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Wir sind dem Leser dieser Zeilen eine kurze Beschreibung der Sprache unseres Landesfürsten und Herzkönigs schuldig, der mit der Begründung der "Pfalzener Hochsprache" eine martinlutherische Leistung vollbrachte und uns die "Sprache der Zukunft" schenkte. Die Ingredienzien? Eine Messerspitze Goethe, eine Mehlschaufel gehacktes Bürokratenchinesisch, gründlich mit Politrhetorik durchgewalkt, eine Schnapsflasche Jägerlatein drübergespritzt, italogermanisch eingefettet und kandiert und alpin-agrarisch durchgefärbt. Die Rohmasse fünf Jahre in der Springform gehengelassen. Und heute in einer glanzvollen Feier erlesensten Gästen aufkredenzt. Eine fürwahr solide, tragfähige und zukunftweisende Sprache.

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Wer hat sie schon gezählet die siegreichen und triumphalen Kultur- und Sprachschlachten unseres Landesherrn? Hätte er als Drei-Sterne-General an kriegerischer Front so erfolgreich gekämpft wie an der friedlichen Süd-Tirolischen Kultur- und Sprachfront, hätte ihn das "Ritterkreuz des Eisernen Kreuzes mit dem Eichenlaub mit Schwerten und Brillanten" mitten in die Brust getroffen. In einem Hauruckverfahren hat unser Landesherr dem Land einen Modernisierungsschub in Kultur und Bildung verordnet und damit eine neue Gründerzeit eingeleitet. Dafür ist ihm der Dank der deutschen Vaterländer sicher.
 

Süd-Tiroler Buchhandel im Wandel

Von der Brief- zur Internetbestellung

von Gerhard Riedmann

Der Buchhandel in Süd-Tirol ist im wesentlichen ein Importbetrieb geblieben. Wohl bezeichnet sich die Buchhandlung "Athesia" als Verlagsbuchhandlung, deren verlegerische Tätigkeit besteht jedoch hauptsächlich in der Herausgabe von Neu-, bzw. Nachdrucken (Tirolensien) und verschiedenem Kleinschrifttum. Das Geschäft wird mit Bildbänden, Prospekten, Kalendern, Liturgica, landeskundlichen und und gastronomischen Druckwerken gemacht. Einen Verlag im engeren Sinn gibt es in Süd-Tirol nicht. Wenn von Verlag die Rede ist, handelt es sich um eine Produktions- und Auslieferungsstelle, und nicht um ein Vertriebsunternehnen, das Planung, redaktionelle Betreuung, Herstellung, Ausgabe und Großhandel eines Buches übernimmt.

Die einheimische belletristische Literatur spielte und hielt in der qualitativ bescheidenen Verlagstätigkeit eine untergeordnete Rolle und ist auf die großzügige finanzielle Förderung durch die Öffentliche Hand und durch Sponsoren angewiesen. Wissenschaftliche Publikationen im engeren Sinn gibt es nicht.

Zeitgenössische Autoren/Innen (Anita Pichler, Sabine Gruber, Helene Flöß, Joseph Zoderer, Norbert C. Kaser, Sepp Mall, Josef Oberhollenzer, Kurt Lanthaler u.a.) erfuhren ihren Durchbruch über deutsche und österreichische Verlage. Auffallend ist das wachsende Interesse des "Haymon"-Verlags (Innsbruck) an Süd-Tiroler Schreibenden.

Bis in die 80er Jahre war "Athesia" die den Markt beherrschende Buchverteilundsorganisation, welche in allen größeren Orten des Landes ihre Filialen hatte und diese systematisch ausbaute. Auch heute dominiert sie in der Buchlandschaft Süd-Tirols.

Trotz des Übergewichts der "Athesia" behaupten sich die anderen Buchhandlungen, manche von ihnen konnten sich sogar vergrößern: "Ferrari-Auer"(inzwischen von "Athesia" erworben) und die "Südtiroler Volksbuchhandlung"(Bozen), "Poetzelberger" (Meran) und "Weger"(Brixen). Bemerkenswert ist, daß alle Buchhandlungen, die nach und nach entstanden, in ihrer Existenz nicht gefährdet zu sein scheinen, weil sie sich spezialisiert und in Marktlücken eingebracht haben. In Bozen setzt "Kolibri" auf moderne und gesellschaftskritische Literatur, "Pandora" auf Esoterik, die "Südtiroler Volksbuchhandlung" auf Fototechnik, die "Europa"- Buchhandlung auf Fremdsprachen und Kunst, "Mondigras" auf Comics in verschiedenen Sprachen, die "Alte Mühle" in Meran auf Sprachen, Gesundheit und Kinderbücher, der "Bücherwurm"in Brixen führt Modernes und Alternatives, der "Buchladen"in Lana orientiert sich an den "Bücherwürmern" und organisiert Lesungen, "Biblos" in Leifers hat deutsche und italienische Bücher und "Delago-Libri" in St. Ulrich bietet Bergliteratur und Sachbücher an.

Der Süd-Tiroler Buchhandel war bis in die sechziger Jahre von Tourismus und Schule abhängig. Heimatkundliche Bücher und Bildbände verschiedener Art waren fester Bestand des Sortiments. Der Vertrieb der Schulbücher ist nach wie vor fest in "Athesias"Hand, ebenso wie die Belletristik und die wissenschaftliche Literatur. Die anderen Buchhandlungen führen in ihrem Sortiment hauptsächlich absatzsichere Druckwerke.

Dem einzelnen Buchhändler sind keine Grenzen gesetzt hinsichtlich Freiheit in Auswahl und Akzentsetzung. In Bozen und Meran ist das Angebot reichhaltiger, weshalb dort auch eine Spezialisierung möglich ist. Die ideologisch ausgerichtete Buchhandlung gehört in Süd-Tirol der Vergangenheit an.

Die Gründung des "Südtiroler Bibliothekenverbandes" bedeutete für die Buchlandschaft Süd-Tirol eine Zäsur. Die bis dahin bestehenden "Pfarrbüchereien" wurden aufgelöst und durch Büchereien und Bibliotheken ersetzt. Bis in die siebziger und achtziger Jahre waren jene Einrichtungen die einzigen Orte, in denen die ländliche Bevölkerung Lese- und Bildungsstoff beziehen konnte. Das Inventar bestand hauptsächlich aus Unterhaltungs-, Gebrauchs- und religiöser Literatur, die Leserberatung war weitgehend dilettantisch und die Öffnungszeiten nicht gerade besucherfreundlich. Diese "Pfarrbüchereien", die in ehrenamtlicher Trägerschaft geführt wurden, hatten in der Zeit der faschistischen Unterdrückung und in den Jahren nach 1945 die Funktion, die deutsche Sprache zu erhalten und zu fördern und das Volk zu bilden.

Wenn Süd-Tirol heute mit einem Netz von finanziell gut ausgestatteten, besucherfreundlichen und nach modernen Gesichtspunkten geführten Büchereien und Bibliotheken mit breitgefächerter Bestückung überzogen ist und ein geschultes Personal hat, ist dies vor allem Franz Berger und seinem Team zu verdanken. Die Schulreform und der Ausbau des Bibliothekswesens brachte dem Buchhandel erfreuliches Wachstum in Sortiment, Qualität und Gewinn. Die Zusammenarbeit zwischen Buchhandel und Bibliotheken ist sehr gut und durch die Umstrukturierung qualitativ beträchtlich gestiegen.

Nicht sonderlich zufrieden mit der Vertriebspraxis der einheimischen Buchhandlungen sind die Süd-Tiroler Autoren. Diese beklagen sich, daß für den Verkauf ihrer Bücher und für ihre berufliche Förderung zu wenig getan werde. Wenn man jedoch bedenkt, daß die einheimische Produktion gemessen an Qualität und Quantität der deutschsprachigen Erzeugnisse verschwindend klein ist, kann man das aus der Sicht der Autoren als unzureichend betrachtetes Engagement der Buchhändler irgendwie verstehen. Nichtsdestoweniger ist man bestrebt, Lösungen und Kompromisse (Präsentation von Neuerscheinungen, Lesungen) zu finden. Das Engagement für die eiheimische Belletristik (und Wissenschaft) wird auch in Zukunft begrenzt sein.

Der einheimische Buchhandel hat den Schritt weg von Dilettantismus und Tagesdenken und hin zu gediegener Professionalität erfolgreich vollzogen. Mit der Hebung des allgemeinen Bildungsstandes und den gewachsenen Anforderungen des Lesers ist auch der Beratungs- und Angebotsstandard im Buchhandel gestiegen, zumal dieser Bildungsträger rascher und effizienter auf neue Entwicklungen als andere kulturelle Strukturen reagiert.

Obwohl der Buchhandel primär ökonomisch ausgerichtet ist, besteht zwischen den einzelnen konkurrierenden Betrieben kein Konkurrenzdenken wie es in anderen gewinn- und geschäftsorientierten Branchen der Fall ist. Wo einst ein kulturelles und soziales Vakuum bestand, ist heute weitgehend gegenseitige Kooperation getreten: man richtet gemeinsame Aktionen und Programme aus, tauscht Erfahrungen aus, betreibt gegenseitige Beratung, knüpft gemeinsam Beziehungen zu ausländischen Verlagen, beteiligt sich an Ausstellungen, an Besuch von Messen und leistet mannigfaltige Hilfestellung in organisatorischen und bürokratischen Belangen. Im einheimischen Buchhandel kennt man eigentlich keine Kommunikationsprobleme. Man pflegt sogar miteinander die Geselligkeit.

Der Süd-Tiroler Buchhandel hat sich sogar aufs internationale Parkett gewagt. Zunächst nahm man auf der Frankfurter Buchmesse lediglich als Erfahrungsgruppe teil, bis man sich anläßlich der Österreichischen Millenniumsfeierlichkeiten entschloß, im Umfeld des deutschen Buchhandels selbständig als "Verband Südtiroler Buchhändler" aufzutreten. Der Buchhandel in Süd-Tirol hat sich den elektronischen Innovationen und der Digitalisierung nicht verschlossen, den Anschluß an die internationale Buchverwaltung vollzogen und einen professionellen Standard erreicht, der sich vor Buchhandlungen mit vergleichbarem Einzugsgebiet und ähnlicher soziokultureller Struktur innerhalb des deutschen Sprach- und Kulturraumes nicht zu verstecken braucht Schüssel macht es mit langem Geschwafel, Ferrero-Waldner mit kokettem Augenaufschlag, Khol mit hinterfotziger Dialektik.


Alle beschwören sie die demokratische Normalität ihres Regierungspartners FPÖ. Das ist eine Lüge, die wiederum mit einer anderen Lüge zusammenhängt, die noch auf das Gründungsjahr der zweiten Republik im Jahre 1945 zurückgeht. Damals beschlossen die Siegermächte aus machtpolitischen Überlegungen, daß Österreich ein Opfer Hitlerdeutschlands sei.

In Wirklichkeit war Österreich tief im Nationalsozialismus verstrickt und ist erst mit der Niederlage Großdeutschlands zwangsmäßig davon befreit worden. Mit dieser Lüge entzogen sich die Österreicher einer notwendigen und korrekten Aufarbeitung der eigenen Vergangenheit. Diese braune Vergangenheit wurde zur Freude der Schreibtischtäter, der Ariseure, der Opportunisten und Wendehälse, der Nazischichten verdrängt oder unter den Teppich gekehrt. Der sich anbahnende kalte Krieg zwischen Ost und West gab vielen von ihnen die Möglichkeit - siehe Waldheim - in neuen Diensten ihre Biographie umzuschreiben. Dank dieser Lüge zahlte Österreich keinen Groschen Entschädigung an die zahllosen Opfer des Naziregimes im eigenen Land. Erst jetzt, nachdem die meisten von ihnen bereits gestorben sind, ist man durch den Druck des Auslandes gezwungen davon zu reden.

Diese historischen Zusammenhänge machen den Fall Österreich so brisant. Selbst wenn man gewisse Zweifel an der Art, der Dauer und dem Erfolg der verhängten Sanktionen der EU hegt, so können die demokratischen Kräfte nicht darüber hinwegsehen, daß mit Hilfe der ÖVP in Wien eine Partei an die Regierung gekommen ist, deren demokratische Zuverlässigkeit äußerst fraglich ist. Es vergeht kaum eine Woche ohne daß der Übervater der FPÖ Haider oder maßgebliche Vertreter seiner Partei Gedanken und Strategien äußern, die mit der Demokratie absolut nichts zu tun haben.

Haiders Vorschlag, diejenigen österreichischen Politiker zu sanktionieren die gegen die Interessen des Staates Österreich verstoßen, erinnert in peinlicher Form, an die Zeiten, in denen , das "gesunde Volksempfinden" gegen die politischen Gegner mobilisiert wurde, weil sich bestimmte Kreise - damals waren es die Nazis - anmaßten die wahren Vertreter der Interessen der Nation zu sein. Darauf läuft auch die von Haider unbedingt gewollte Volksbefragung über die EU-Sanktionen hinaus. Es läßt auch tief blicken, wenn diejenigen, die mit der jetzigen Regierunspolitik nicht einverstanden sind, schlechthin als Lumpen und Verräter bezeichnet werden. Das sind gezielte Äußerungen und Signale an eine bestimmte rechtsextreme Wählerschicht. Anstatt sich ständig als unschuldiges Opfer der EU-Sanktionen auszugeben sollten Schüssel & Co. ernsthaft darüber nachdenken.

 

Teures Theaterüben

Die VVB-Bilanz der Spielzeit 1999/2000

von Gerhard Riedmann

Im Jahre 1992 schlossen sich fünf Bozner Amateurbühnen ("Die Initiative", das "Südtiroler Ensemble", die Kleinkunstszene", die "Talferbühne" und das "Neue Volkstheater") zu den "Vereinigten Bühnen Bozen" zusammen. Es handelt sich um eine politisch gestützte Konstruktion mit austauschbaren Funktionen. 1996 übernahm der Kärntner Alfred Meschnigg die Funktion des "Künstlerischen Beraters" der VBB, dann gab es innert dreier Jahre (1997-2000) drei "Intendanten" (Herbert Müller aus Villingen, Georg Mittendrein aus Wien und Emmanuel Bohn aus Kiel). Diese Brüche offenbaren die Unfähigkeit der VBB, ein tragfähiges künstlerisches Konzept zu entwickeln und einen kompetenten Theaterleiter zu finden. Da stimmen die Verhältnisse nicht, da gibt es Strukturprobleme zuhauf. Weil ein Verein von Nichtfachleuten sich selber und gestandenen Profis laufend das Bein stellt.

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Nach Mittendreins Scheitern fühlte sich niemand für die Durchführung von dessen Spielplan verantwortlich. Entsprechend verlief die Theatersaison. Wenn man von einigen Szenen und Momenten in Shakespeares "Romeo und Julia" und in Bohns "Effi Briest"- Einrichtung absieht, so war das, was man in Neuen Stadttheater zu sehen bekam, dünne Molke. Eine in vielerlei Hinsicht dürftige szenische Umsetzung eines durchwachsenen Spielplans, das Spiegelbild der Widersprüche und Konflikte zwischen Vereinsführung und künstlerischer Leitung.

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Mit der Übernahme der VBB durch Emmanuel Bohn im Januar 2000 änderte sich im Kern der Sache nicht viel. In einer Grundsatzerklärung ("FF" vom 5. Januar 2000) bringt der "Künstlerische Direktor" die Theatersituation der Landeshauptstadt auf den Punkt: man habe es mit einer "Art Theater-Supermarkt" zu tun, dessen Angebot "erzieherisch(er), ästhetisch(er) und kulturell(er) zumindest angezweifelt werden darf." Wenig vermag er dieser "Form der Unterhaltungsindustrie" abzugewinnen, die zum großen Teil vom Land subventioniert wird. Bis hierher teile ich Bohns Ansichten und Gedanken.

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Nicht einverstanden kann ich jedoch mit dessen weitverbreiteter) und eingewurzelter Behauptung sein, es gebe nur "gutes" und "schlechtes" Theater". Damit wird auf dilettantische Weise der Qualitätsdiskurs des Amateurtheaters gegen jenen des Berufstheaters ausgespielt. Auch mit Bohns Absichtserklärungen kann ich wenig anfangen. Er formuliert sein Konzept beliebig. Er grenzt sich verbal vom Gastspielbetrieb à la Kulturinstitut und vom "klassischen Stadttheater" ab. Und dennoch redet er dem "klassischen Stadttheater" das Wort, obschon seine Vision von Stadttheater "eine "Form von städtischem Kulturzentrum" beinhaltet. Was geschieht in seinem "Kulturzentrum"? Schulaufführungen und Schulpraktika, für zugezogene Theaterkünstler Einbindung in die hiesigen Lebensverhältnisse und handfeste Süd-Tiroler Bezüge des Spielplans. Als konkrete Großproduktionsbeispiele in der kommenden Spielzeit nennt Bohn neben Schnitzlers ANATOL und Gogols REVISOR Ibsens PEER GYNT und Schillers WILHELM TELL. Dieser bildungsbürgerliche Standardspielplan offenbart nicht gerade Mut im Künstlerischen. Ist denn Peer Gynt jene fulminante Figur, in der sich der Süd-Tiroler von heute wiedererkennt als Menschen, der "sich aus seiner engen bäuerlichen Bergwelt mit überbordender Fantasie in die 'Große Welt' katapultiert ... und als gereifter Mensch zurückkehrt?" Wie viele Bauern werden den PEER GYNT besuchen? Bei uns hat die Stadt schon längst die ochalmen erobert. Wer in einer Almhütte zu bioalpiner Labung einkehrt, vergesse das Scheckheft nicht. Weiters: Welche "innere Notwendigkeit" soll mit WILHELM TELL erarbeitet werden? In einem Land, das die "Verzahnung mit Zeit und Geschichte" durch eine Verzahnung von Kapital und Neoliberalismus ersetzt hat? Ist uns noch nicht bewußt geworden, daß wir in kultureller Hinsicht nicht ein "Supermarkt", sondern eine Krämerbude sind?

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Ein Wort zum Budget. Der Haushalt der VBB wird vom Land laufend aufgestockt: 1995: 325 Mio.; 1996: 365 Mio.; 1997: 515 Mio.; 1998: 1.160 Mio. und 1999: 2.000 Mio. Zwei Mio. DM vom Land sind allemal viel Geld, dazu noch 500.000 DM von der Stadt, Einnahmen, Sponsoren etc.: ein Budget eines funktionierenden deutschen Sprechtheaters. Wie sieht der Vergleich von Leistung und Förderung aus? In der abgelaufenen Spielzeit gab es sieben Produktionen ("Romeo und Julia", "Effi Briest", den Einakter "Oh, Tyrol", für Kinder "Momo" und das "Zauberflötchen", ein Silvesterprogramm, den Musical-Ersatz "Das Phantom der Oper" und die Amateurproduktion "Die Schildbürger") und Aufgewärmtes von Georg Kaser. Ins Wasser gefallen sind die als Großereignis angekündigten Südtiroler Theatertage". Kosten und Ergebnis lassen sich meiner Meinung nach nicht in Einklang bringen. Die VBB sind seit ihrer Gründung außerstande, eine spannende, gedanklich und ästhetisch begründete und regelmäßig und schauspielerisch überzeugende Theaterarbeit zu leisten. Wie in zahlreichen anderen Fällen hält die Politik auch hierüber das Schamtuch vor.

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Sieben Produktionen boten die VBB im Neuen Stadttheater, ein brauchbares Konzept ist (noch) nicht erkennbar. Die Defizite der VBB sind nicht "dispositioneller" Art, es handelt hier um grundlegende strukturelle Schwächen (Management, Organisation, Technik) und künstlerische Probleme (bezahlter Amateurismus, Konzeptlosigkeit). Der "Schiffbruch mit Regisseuren", die gelegentlich nach Süd-Tirol engagiert werden, ist ein Dauerzustand.

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Die Kosten-Nutzenrechnung? Die kulturpolitischen Vorgaben? Die Ziele? Das soll es also gewesen sein? Und die Zukunft? Wie will Bohn mit einem süd-tirollastigen Rumpfensemble sein hochgestecktes Ziel erreichen? Mit einem Spielplan eines guten Stadttheaters? Mit dem bezahlten Amateur und by-doing-it-"Berufsschau-spieler"Georg Kaser als Peer Gynt und Wilhelm Tell? Sind dies die VBB-Zukunftsperspektiven?