18. Jahrgang - Nr.1 Jänner/Februar 2002 - erscheint zweimonatlich
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In dieser Ausgabe:
Die Grenzen der Autonomie
Eine kritische Bewertung
 
Wird das Paradies Südtirol endgültig zur Betonhölle?
Wird Südtirol zur Betonhölle?
 
Teurer Polittourismus
Südtiroler Politiker in aller Welt
 
Eine Österreichishe "Gschichtn"
Haiders Provokationen
 
Die Achse des Bösen
Die gefährliche Schurkentheorie des  Präsidenten Bush
Das Bildungsproblem
Betrachtungen zur PISA-Studie
Hommage an Bruno Kreisky und an die österreichische Sozialdemokratie

 

Wer sind wir? Was sind wir?
Betrachtungen zum Wandel der Südtiroler Identität (2.Teil)
von Gerhard Riedmann

Geld und Kultur
Reichtum kann viel Gutes bewirken. Wir müssen uns fragen: Wie kommt er zustande, wie geht man damit um? Reichtum ist immer in Relation zum Einkommen der niederen Klassen zu setzen. Aber es kann auch Blendwerk und Zeichen von Großmannssucht sein (Expo in Hannover, "Frozen-Fritz" u.a.) Oder: das "Kid's-Guernica"-Spektakel auf dem Kronplatz (29.11.2001). Der Dalai Lama und Romano Prodi hatten sich angesagt und sagten wie auch Napoleon und andere weltgeschichtliche Zwerge im letzten Abdruck aus Termingründen wieder ab. Die herbeigekarrten Kinder froren, derweil die Prominenz im Höhenhotel tafelte. Wahllose Subventionspolitik lähmt die Eigeninitiative und Eigenverantwortung und verwöhnt die Menschen. Trotz großzügiger öffentlicher Subventionspolitik schnorren selbst subventionierte Einrichtungen auf Biegen und Brechen. Reichtum ist zerstörerisch, wenn sich die amerikanische Sichtweise von Gewinnorientierung durchsetzt. Die US-Werthaltung führt zu kulturellem Bruch. Unsere Kulturträger haben sich die Prinzipien der produzierenden Welt angeeignet, da finden Kultur und Bildung nicht mehr auf höherem Niveau statt, sondern im Rahmen quantitativer Dimensionen. Daß wir Millionen Zentner Speck in die ganze Welt ausführen, beweist lediglich, daß wir Überschuß haben. Eine "Speckiade" haben wir und Olympiasieger und Weltmeister und die Kastelruther Goldkehlchen. Aber sich selber findet man nur in der Vergangenheit, und diese wird von uns bedenkenlos verramscht. Kultur und kulturelles Leben funktionieren in der Regel über Vereinigungen und Organisationen. Die Qualität ist nicht entscheidend, wohl aber die politische Positionierung. Eigeninitiativen scheinen suspekt zu sein und können nicht mit hilfreichen Subventionen der öffentlichen Hand rechnen. Wo ist ein Mäzen? Mit Kunstverstand und Kenntnissen, dem Kultur ein Anliegen ist, auch wenn sie keinen unmittelbaren materiellen Nutzen abwirft?
Provinzielles Kulturbewußtsein
Das provinzielle Kulturbewußtsein reibt sich die Hände. Wenn eine Handvoll Burgtheaterschaupieler bei uns gastieren und ein international renommiertes Orchester unter Claudio Abbados Taktstöckchen in der Bozner Stadthalle in Anwesenheit von Staatspräsident Ciampi den Tönen lauscht, ist dies schon Beweis für Kulturhöhe und europäisches Kulturbewußtsein eines Landes? Welche kulturellen Impulse sind von der Freien Universität Bozen ausgegangen? Hat sich das geistige Klima zum Besseren gewandelt? Wie steht es mit der Europäischen Akademie? Dem Tiroler Geschichtsverein? Werkeln in Ewigkeit? Auf dem kulturellen Sektor geht es zu wie auf einem Bazar. Unter dem inflationären Ramsch befinden sich auch wertvolle Kunstgegenstände, wobei es immer

 

schwieriger wird, selbst für das geübte Kennerauge, Echtes von Ramsch, Fälschung und Geschmuggeltem zu unterscheiden. Da wird einem alles verdächtig, auch ein Schnatterpeck-Altar, wenn man sich jenen ansieht, der ihn lobt. Wir sind durch die selbstgewollte Misere gezwungen, aus einem allgemeinen traditionslosen Zustand heraus das Neue zu schaffen. In einem Selbstbetrug ohnegleichen. Und in vollständiger Isolation. Wohin immer man sein Auge richtet und sein Ohr wendet, überall wird von Kultur gefaselt. Dieses Gefasel wird hoch subventioniert und man merkt dabei nicht, daß man damit der eigenen geistigen Katastrophe Vorschub leistet. Was immer eröffnet wird, eine Brücke, eine Mustermesse, eine Standseilbahn, eine Feuerwehrhalle, ein Bankdirektor in sein Amt eingeführt wird, ist von einer kulturellen Bedeutung des Ereignisses die Rede.

Sperrangelweit sind die Öffnung und rasant der Fortschritt in Dingen, die das Leben leicht und bequem machen und dem Bedürfnis nach wellness entgegenkommen. Zum Kuckuck! Hat man nicht allen Grund zufrieden zu sein? Sehnsucht im Geistigen und nach Veränderung kennt unsere Gesellschaft nicht. Um der Förderung des Fremdenverkehrs und des Erfolgs im Sport und des ökonomischen Gewinns willen schreckt man vor Vulgaritäten und Flachdenkereien nicht zurück. Wer Kritik übt, ist ein Miesmacher. Dennoch: Widerstand beginnt sich zu regen. In Leserbriefen. Einzelne werden mutiger, sprechen die Probleme unverblümt an. Die Öffentlichkeit setzt aber die Politik (noch) nicht unter Druck. Diese findet vorwiegend im abstrakten parteiinternen bzw. parteiübergreifenden Bereich statt. Dort setzen sich zwar Politiker gegenseitig unter Druck, aber diese kommode Diktatur schüttet jeden Graben mit Geld zu.

Zukunftschancen
Wir sind ein Vorzeigeland. Europaweit beneidet. Hört und liest man. Keine Arbeitslosigkeit. Prosperität ohnegleichen. Aber wir sind kein Volk mehr. Eine schrumpfende Sprachminderheit sind wir, die ihre Biographie immer lückenhafter und fadisierter zur Kenntnis nimmt. Das politische Ausscheiden aus Österreich bedeutete den Verlust eines Nationalgefühls. Drei Adler braucht die ehemalige Gefürstete Grafschaft heute, um Gemeinsamkeiten zu finden: Nord-Tirol den Adler mit dem Kränzel, Süd-Tirol den Adler vom Altar der Tiroler Schloßkapelle und das Trentino den Adler des Fürstbischofs v. Liechtenstein. Ist es Zufall, daß die Auszeichnungen des Landes Tirol nicht mehr recht ziehen und daß man laut über die Einführung eigener Süd-Tiroler Orden nachdenkt? Wem werden sie umgehängt werden? Führt die Autonomie nicht immer tiefer hinein in ein Ghettodasein? Wir gehören nur mehr bedingt zu Tirol. Österreich ist verschüttet. Waschechte Italiener sind wir auch nicht. Wir haben verabsäumt, aus unserer Vergangenheit die Gegenwart anschaulich darzustellen und daraus zu leben. Sind wir eine Ethnie mit eigenem Geschichts- und Kulturbewußtsein? Wandern wir nicht ins Exotentum mit auf die deutsche Sprache reduzierter politischer Legitimation ab?

Solange es um die Existenzsicherung der Süd-Tiroler Minderheit ging, war die Existenz einer einzigen Partei (SVP) notwendig und berechtigt. Heute geht es vornehmlich um Einfluß, Macht und Geld, nicht mehr ums Volk, und die Volksgruppe steht geschlossen hinter der Partei wie wohl nie zuvor. Allerdings um den Futtertrog herum. Unter LH Magnago galt die SVP (zu Unrecht) als nationalistisch ausgerichtete Rechtspartei, und dies nicht zuletzt deshalb, weil für diese alles Linke ein blutrotes Tuch war. Heute marschiert dieselbe Partei links ab und gerät nicht einmal in Erklärungsnot. Die Süd-Tiroler "Sprachminderheit" Die Südtiroler Politik hat zu keiner Zeit ernsthaft an einer schlüssigen, dynamischen Eigendefinition gearbeitet. Sie begnügte sich mit der Anerkennung als "Sprachminderheit". Sind wir nicht das Herzstück Tirols? Joseph Zoderer artikuliert dieses gesellschaftspolitische Dilemma autobiographisch in seiner Erzählung "Die Walsche" (1982). Anläßlich der Vorstellung des neugefaßten Deutschitalienischen Wörterbuchs (Zanichelli) in Mailand fokussierte er dieses Problem in einer Standortrede ("In nome del pane" / "Die Sprache der anderen") auf seine Seelenlage als eines "österreichischen Autors mit italienischem Paß". Eigenes werde immer erst im Gegensatz zu Fremdem voll erlebt. Wahre Worte. Wir aber suchen und finden heute unsere nationale Lebensberechtigung als Folge des Wirtschaftswunderglaubens immer ausschließlicher im ökonomischen Bereich. Wir haben uns auf einen verhandelbaren, bezahlbaren Tauschwert eingelassen. Durni sei Dank. Dieser Prozeß ist aber kontraproduktiv, "denn er zielt auf eine Vereinheitlichung als Idealzustand ab, in dem alles Einzigartige, jede Singularität und mithin auch jede Kultur und letztlich jeder nichtmonetäre Wert aufgehoben werden" (Jean Baudrillard). Was uns fehlt, sind nicht Intelligenz und Fähigkeiten, nein, das nationale Bewußtsein. Das Vertrauen in uns selbst. Es ist ein gedanklicher Kurzschluß zu meinen, dem anderen könne man nur mit dessen Waffen beikommen. Das haben die Griechen in der Schlacht von Salamis bewiesen, auch David hatte den Riesen Goliath nicht mit dessen Waffen bezwungen.

 

Aber hier geht es nicht um Krieg, hier geht es um Selbstbehauptung und Wiedergewinnung des Vertrauens zu sich selber. Um eine "vertraute Hirtenschleuder". Der Erwerbssinn hat uns besiegt. Kulturelle Werte stehen nur insofern im Ansehen, als sie nach kaufmännischen Grundsätzen zur Steigerung des Erwerbs ausgenützt werden können. Der Kulturträger hat sich in den Dienst der Ideologie der Herrschenden gestellt. Nicht der Denkende, sondern der Handelnde, der Macher, der Nivellierer ist unser Star, unser King. Ein Siegertyp, dem die Fans die landauflandab öffentlich präsentierte und beworbene tolpatschige Biographie von Robert Asam regelrecht aus den Händen rissen. Symptomatisch für unser Kulturbewußtsein. Und mit diesem Werk hat man sogar die Frankfurter Buchmesse 2001 beehrt. Wir werden immer provinzieller. Wir sind ein Jagdrevier photographierender und das Land ausplündernder Touristen und wir animieren sie dazu. Bereits fünf Wochen vor Weihnachten werfen wir uns den Käufermassen vor die Füße. Was müssen diese wohl von uns denken? Daß wir ein Volk von würdelosen Lakaien geworden sind, die sich in einem ökonomischen Wahn ohnegleichen bestätigen wollen?

Indes werden wir nicht gewahr, daß wir unser Wesen, unsere innerste Natur preisgeben. Nicht der Absonderung wird hier das Wort geredet. Jede Bereicherung ist zu begrüßen. Was uns fehlt, müssen wir übernehmen, aber nicht um den Preis, eigene Werte aufzugeben und zu verschachern. Um uns beliebig zu kostümieren. a tut Unterscheiden zwischen Angleichung, Nivellierung und Entpersönlichung einerseits und Austausch und gegenseitiger Bereicherung andererseits not. Da muß man der chauvinistischen Auffassung entgegentreten, alles Eigene sei gut und alles Fremde schlecht. Dies setzt keinen Verzicht auf die nationale Individualität voraus, dies ist unabdingbare Voraussetzung "für den Zustand produktiver Mitgliedschaft einer höheren Ordnung."