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von Gerhard Riedmann
Geld und Kultur
schwieriger wird, selbst für das geübte Kennerauge, Echtes von Ramsch, Fälschung und Geschmuggeltem zu unterscheiden. Da wird einem alles verdächtig, auch ein Schnatterpeck-Altar, wenn man sich jenen ansieht, der ihn lobt. Wir sind durch die selbstgewollte Misere gezwungen, aus einem allgemeinen traditionslosen Zustand heraus das Neue zu schaffen. In einem Selbstbetrug ohnegleichen. Und in vollständiger Isolation. Wohin immer man sein Auge richtet und sein Ohr wendet, überall wird von Kultur gefaselt. Dieses Gefasel wird hoch subventioniert und man merkt dabei nicht, daß man damit der eigenen geistigen Katastrophe Vorschub leistet. Was immer eröffnet wird, eine Brücke, eine Mustermesse, eine Standseilbahn, eine Feuerwehrhalle, ein Bankdirektor in sein Amt eingeführt wird, ist von einer kulturellen Bedeutung des Ereignisses die Rede. Sperrangelweit sind die Öffnung und rasant der Fortschritt in Dingen, die das Leben leicht und bequem machen und dem Bedürfnis nach wellness entgegenkommen. Zum Kuckuck! Hat man nicht allen Grund zufrieden zu sein? Sehnsucht im Geistigen und nach Veränderung kennt unsere Gesellschaft nicht. Um der Förderung des Fremdenverkehrs und des Erfolgs im Sport und des ökonomischen Gewinns willen schreckt man vor Vulgaritäten und Flachdenkereien nicht zurück. Wer Kritik übt, ist ein Miesmacher. Dennoch: Widerstand beginnt sich zu regen. In Leserbriefen. Einzelne werden mutiger, sprechen die Probleme unverblümt an. Die Öffentlichkeit setzt aber die Politik (noch) nicht unter Druck. Diese findet vorwiegend im abstrakten parteiinternen bzw. parteiübergreifenden Bereich statt. Dort setzen sich zwar Politiker gegenseitig unter Druck, aber diese kommode Diktatur schüttet jeden Graben mit Geld zu.
Zukunftschancen
Solange es um die Existenzsicherung der Süd-Tiroler Minderheit ging, war die Existenz einer einzigen Partei (SVP) notwendig und
berechtigt. Heute geht es vornehmlich um Einfluß, Macht und Geld, nicht mehr ums Volk, und die Volksgruppe steht geschlossen
hinter der Partei wie wohl nie zuvor. Allerdings um den Futtertrog herum. Unter LH Magnago galt die SVP (zu Unrecht) als
nationalistisch ausgerichtete Rechtspartei, und dies
nicht zuletzt deshalb, weil für diese alles Linke ein blutrotes Tuch war. Heute marschiert dieselbe Partei links ab und gerät
nicht einmal in Erklärungsnot.
Die Süd-Tiroler "Sprachminderheit"
Die Südtiroler Politik hat zu keiner Zeit ernsthaft an einer schlüssigen, dynamischen Eigendefinition gearbeitet. Sie begnügte
sich mit der Anerkennung als "Sprachminderheit". Sind wir nicht das Herzstück Tirols? Joseph Zoderer artikuliert dieses
gesellschaftspolitische Dilemma autobiographisch in seiner Erzählung "Die Walsche" (1982). Anläßlich der Vorstellung des
neugefaßten Deutschitalienischen Wörterbuchs (Zanichelli) in Mailand fokussierte er dieses Problem in einer Standortrede
("In nome del pane" / "Die Sprache der anderen") auf seine Seelenlage als eines "österreichischen
Autors mit italienischem Paß". Eigenes werde immer
erst im Gegensatz zu Fremdem voll erlebt. Wahre
Worte.
Wir aber suchen und finden heute unsere nationale
Lebensberechtigung als Folge des Wirtschaftswunderglaubens immer ausschließlicher im ökonomischen Bereich. Wir haben uns
auf einen verhandelbaren, bezahlbaren Tauschwert eingelassen. Durni sei Dank. Dieser Prozeß ist aber kontraproduktiv, "denn
er zielt auf eine
Vereinheitlichung als Idealzustand ab, in dem alles Einzigartige, jede Singularität und mithin auch jede Kultur und letztlich
jeder nichtmonetäre Wert aufgehoben werden" (Jean Baudrillard). Was uns fehlt, sind nicht Intelligenz und Fähigkeiten, nein,
das nationale Bewußtsein. Das Vertrauen in uns selbst. Es ist ein gedanklicher Kurzschluß zu meinen, dem anderen könne man nur
mit dessen Waffen beikommen. Das haben die Griechen in der Schlacht von Salamis bewiesen, auch David hatte den Riesen Goliath
nicht mit dessen Waffen bezwungen.
Aber hier geht es nicht um Krieg, hier geht es um Selbstbehauptung und Wiedergewinnung des Vertrauens zu sich selber. Um eine "vertraute Hirtenschleuder". Der Erwerbssinn hat uns besiegt. Kulturelle Werte stehen nur insofern im Ansehen, als sie nach kaufmännischen Grundsätzen zur Steigerung des Erwerbs ausgenützt werden können. Der Kulturträger hat sich in den Dienst der Ideologie der Herrschenden gestellt. Nicht der Denkende, sondern der Handelnde, der Macher, der Nivellierer ist unser Star, unser King. Ein Siegertyp, dem die Fans die landauflandab öffentlich präsentierte und beworbene tolpatschige Biographie von Robert Asam regelrecht aus den Händen rissen. Symptomatisch für unser Kulturbewußtsein. Und mit diesem Werk hat man sogar die Frankfurter Buchmesse 2001 beehrt. Wir werden immer provinzieller. Wir sind ein Jagdrevier photographierender und das Land ausplündernder Touristen und wir animieren sie dazu. Bereits fünf Wochen vor Weihnachten werfen wir uns den Käufermassen vor die Füße. Was müssen diese wohl von uns denken? Daß wir ein Volk von würdelosen Lakaien geworden sind, die sich in einem ökonomischen Wahn ohnegleichen bestätigen wollen? Indes werden wir nicht gewahr, daß wir unser Wesen, unsere innerste Natur preisgeben. Nicht der Absonderung wird hier das Wort geredet. Jede Bereicherung ist zu begrüßen. Was uns fehlt, müssen wir übernehmen, aber nicht um den Preis, eigene Werte aufzugeben und zu verschachern. Um uns beliebig zu kostümieren. a tut Unterscheiden zwischen Angleichung, Nivellierung und Entpersönlichung einerseits und Austausch und gegenseitiger Bereicherung andererseits not. Da muß man der chauvinistischen Auffassung entgegentreten, alles Eigene sei gut und alles Fremde schlecht. Dies setzt keinen Verzicht auf die nationale Individualität voraus, dies ist unabdingbare Voraussetzung "für den Zustand produktiver Mitgliedschaft einer höheren Ordnung."
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