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von Elisabeth Höglinger
Gegen Ende des vergangenen Jahres haben die Ergebnisse der "umfassendsten und anspruchvollsten internationalen Schulstudie
der Bildungsgeschichte", die von der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) in
Auftrag gegebene Pisa-Studie (Initialwort für: Programme for international Student Assessement) für Bestürzung,
Aufregung, aber auch Freude und Genugtuung gesorgt. Getestet wurden Leseleistung, mathematische und naturwissenschaftliche
Fähigkeiten und Kenntnisse von 15-jährigen, also Schülern am Ende einer Pflichtschule, aus 32 Staaten. Da Kenntnisse
geprüft wurden, die in der Schule gelernt werden, ging der fragende Blick von Bildungssachverständigen, Politikern und
Wirtschaftsfachleuten an die Schulen. Wie kommt es, dass eine führende Wirtschaftsnation wie Deutschland in der Rangliste
im unteren Drittel zu finden ist, weit überholt von Finnland (beste Leseleistung), Japan Mathematik), Korea
(Naturwissenschaften)? Dieses unerwartet schlechte Resultat gefährdet geradezu die Zukunftschancen des gesamten Staates,
so meint man. Denn ein gutes intellektuelles Rüstzeug bei der heranwachsenden Generation ist Gewähr fürs Mithalten im
wissenschaftlichen Fortschritt und der wiederum ist die Voraussetzung für wissenschaftliches Prosperieren. Nicht nur
unzureichend ist die Ausbildung der deutschen Schüler, die Schulen in Deutschland gehören auch zu den ungerechtesten,
da sie den Kindern aus der Oberschicht weit bessere Chancen eröffnen als Unterschichtkindern und damit die gesellschaftliche
Spaltung in Arm und Reich konsolidieren. Die Ergebnisse der jungen Italiener sind mit einer geringfügigen Ausnahme
schlechter als jene der Deutschen. Österreich kann sich freuen, da es überall ins erste Drittel gelangte, gut sind die
Ergebnisse in Großbritannien, die USA haben sich nicht glänzend platziert, aber immerhin überall vor Deutschland.
Wo stünde Südtirol, wäre es gesondert getestet worden, so wie das winzige Liechtenstein, das immer hin in Mathematik
ziemlich vorn liegt, oder das als Sprachlandschaft mit uns vergleichbare Luxemburg, das seine sehr schlechten Ergebnisse
auf den Umstand schob, dass die Kinder in Deutsch bzw. Französisch und nicht in ihrer Muttersprache (Letzebuergesch)
antworten mussten?
Während in deutschen Zeitungen noch nach Monaten der Schock über die "niederschmetternde" Bildungsbilanz nachwirkt,
scheint sich Italien längst erholt zu haben, angesichts einer von der Regierung Berlusconi anberaumten Schulreform,
die sich als das umfassendste Unternehmen seiner Art anpreist. Der Medienmogul im Gewande des Regierungschefs tritt vor
sein Volk und inauguriert die neue Bildungsoffensive. Sie steht im Zeichen der drei italienischen I (für inglese,
internet, impresa), sie stärkt die Privatschulen auf Kosten der staatlichen Schule, welche die Unterrichtsstätte für
die Minderbemittelten bleiben wird, sie kürzt die Schuljahre nach oben (Matura mit 18) und weitet sie trickreich ins
Vorschulalter (Beginn mit 5 _ Jahren) aus. Sie will uns
befähigen mitzuhalten im Konzert der technologisch fortgeschrittensten Staaten, sie zeugt von jenem für Italiener so
typischen Gemisch aus Minderwertigkeitskomplex und leichtsinniger Überheblichkeit. Nicht nur das Italien Berlusconis sucht
das Heil in einer Lernschule, wo dem jungen Menschen mehr und immer mehr Lernleistung aufgepackt wird, um ihm das Mitmachen
zu ermöglichen in dieser schönen neuen Welt. Auch Deutschland hat sich seine Rosskur verordnet, an der eines ins Auge
sticht: Spezialunterricht für Hochbegabte in eigens eingerichteten Klassen, wo die Dummen nicht stören.
Die Pisa-Studie hat sicherlich überall eine Besinnungspause gebracht. Der Neuansatz kann unser Bildungswesen in zwei
divergierende Richtungen führen, in eine inhumane Drillschule, aber auch zu einer Bildungsinstitution des Typs, die der
Reformschule ähnelt, wie sie in den späten sechziger und frühen siebziger Jahren entworfen wurde. Im Spitzenfeld der
Leistungsskala liegen neben Japan und Korea, Länder, deren Schulen als Dressuranstalten bekannt sind, vor allem solche
Staaten, die im letzten Jahrzehnt ihre Schulen einer grundlegenden Reform unterzogen haben, eben auch Finnland, das mit
den besten Leistungen glänzte. Diese Reform strebte eine Entbürokratisierung und Dezentralisierung der Schulen an, sie
bewirkte dass Lehrende und Lernende zu selbstverantwortlichen Akteuren der Bildungsarbeit gemacht werden. Die Voraussetzung
für solche Neuerungen ist das Vertrauen in den Schüler. Angenommen wird, dass das Kind, der junge Mensch nicht durch
Prämien (gute Noten und die Aussicht auf Besserstellung in der Gesellschaft) zum Lernen gezwungen werden muss, sondern
dass das Lernen dem Menschen wesentlich ist und dass die Schule nur eben die günstigsten Voraussetzungen dafür schaffen soll.
Bildungsarbeit erfolgt hauptsächlich zwischen dem sechsten und fünfzehnten Lebensjahr. Es sind dies jene wichtigen Jahre,
die die Entwicklung vom Kind zum Jugendlichen bewältigen müssen. Zu fragen wäre also nicht nur, welchen Beitrag die Schule
leistet fürs Danach, sondern ob der Heranwachsende während dieser zehn Jahre auch glücklich gewesen ist.
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