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Zur Sprachkultur in Süd-Tirol. |
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Kürzlich erklärte die SVP-Bildungspolitikerin
und Landtagsabgeordnete Martha Stocker in bezug auf Situation und Stellenwert der deutschen Sprache in
Süd-Tirol: "Es ist allgemein bekannt, daß die deutsche Sprache in vielen Fällen nur mehr Hilfssprache ist."
Diese Situation sei "schlichtweg inakzeptabel". Anderswo würde eine derartige kulturpolitische Aussage die
Politik in Schrecken versetzen. Jedoch nicht bei uns.
Konkrete Konsequenzen wird es erfahrungsgemäß nicht geben. Sucht man die SVP-Regierungserklärungen und
Koalitionsprogramme von 1994 und 1999 nach dem Stichwort "Sprache" ab, wird man nicht fündig. Dafür der
Leerformeln zu "Kultur und Bildung" kein Ende. Tiefsinnig verschlüsselt steht da: Kultur bedeute "Dialog
und Befähigung", sei "Bewahrung der kulturellen Vielfalt" und "Förderung der Zwei- und Mehrsprachigkeit".
Von einer Förderung der deutschen Sprache kein Jota.
Dafür Floskeln: Sicherung und Förderung der Bildungs-und kulturellen Strukturen, Förderung der Sprachen,
des Internationalen und Minderheitenrechts, der Alpenökologie und der Bildungswissenschaften an der Freien
Universität, Förderung der Europäischen Akademie, der "wissenschaftliche Zukunftswerkstatt Südtirols", und
Errichtung von touristischen, sanitären, landwirtschaftlichen, Design- und Industriefachhochschulen. Da ist
die Rede von "Bildungsaufbruch" und "Bildungsoffensive". Was wurde von diesen anspruchsvollen Vorhaben
umgesetzt? Wieviel davon ist überhaupt umsetzbar? Wo sind die Inhalte?
Anstatt sich zuerst über die Inhalte Gedanken zu machen, werden sündteure Strukturen hingeklotzt: allein
für Investitionen in die Freie Universität sind 220 Milliarden Lire vorgesehen. Was aber nützen all diese
Prunkbauten, wenn die Grundsatzentscheidungen, die zu deren Errichtung führten, nicht in einem Kontext
stehen und
Vorgaben über deren inhaltlicher Gestaltung fehlen? Kann lebendige Kultur ohne klares Konzept entstehen
und gedeihen?
Wie soll dieses gewaltige Programm umgesetzt
werden, wenn man die Sprache in die Ecke stellt?
Sprache ist das wichtigste Vermittlungs- und Verständigungsinstrument der Gesellschaft, das Auskunft
gibt über deren kulturellen Standort. Dennoch ist in keinem einzigen der angeführten Dokumente ausdrücklich
von der Förderung der deutschen Sprache die Rede. Als sei Sprache eine angeborene Fähigkeit und kein stets
neu zu erwerbender geistiger Besitz. Sprache ist die Fähigkeit des Menschen, ein gegliedertes System von
Zeichen und Regeln als Ausdruck des Denkens und Fühlens, als Kommunikations- und Verständigungsmittel und als
Voraussetzung und Form zur Erfassung von physischer und geistiger Realität in ihrer Vielfalt wiederzugeben. ![]() Konkret bedeutet dies, daß Sprache die Welt erschließt, daß die Grenzen der Sprache eines Individuums mit den Grenzen seiner Welt zusammenfallen.
"Sprache" ist fast ausschließlich Gegenstand wissenschaftlicher Forschung und (internationaler) Tagungen
und Seminare. Kurt Egger beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit sprachsoziologischen und -psychologischen
Problemen in ethnisch gemischten Familien und Franz Lanthaler mit Interferenzen zwischen Hochsprache und
Mundart. Durchaus notwendige und anerkennenswerte Aktivitäten. Wo schlägt die konkrete Umsetzung der
Analysen durch? Hat sich die allgemeine Situation der deutschen Sprache wirklich gebessert?
Mit den (unbeliebten) Sprachkursen allein ist es nicht getan, zumal diese vornehmlich dem gesetzlich
vorgeschriebenen Erwerb des Zweisprachigskeitsnachweises dienen. Ist es nicht absurd, daß nach einem
halben Jahrhundert Autonomie, kultureller Freiheit und unbehindertem Sprachleben Kommissionen Woche
für Woche Zweisprachigkeitsprüfungen abnehmen müssen? Da stimmt etwas nicht an der Bildungspolitik und
am Schulsystem, wenn nach jahrelangem Deutsch- und Italienischunterricht eine auf den Bildungsgrad
des Einzelnen ausgelegte Zweisprachigkeit keine Selbstverständlichkeit ist. Schafft etwa der amtliche
Zweisprachigkeitsnachweis die eigentlichen Sprachdefizite aus der Welt? Ist dieser Nachweis nicht vielmehr
eine Bestätigung der herrschenden Sprachmisere?
Wenn die Sprachforschung zum Ergebnis gekommen ist, Süd-Tirol sei auf dem Weg zu einer Standardsprache
und Deutsch werde hier nicht mehr als Minderheitensprache empfunden, mag dies für die Sprachwissenschaft
so sein. Und ist nicht ganz frei von Schönfärberei. Die Realität aber ist anders. Immer mehr Spezifika
bilden sich heraus, die nur bedingt mit Varietätenvielfalt zu tun haben und nur bedingt dem allgemeinen
Trend der Entwicklung der deutschen Sprache folgen. Hier finden fortschreitende Ausdünnung des
Kulturhintergrundes und Hybridisierung und Ghettoisierung der deutschen Sprache statt.
Die Dynamik einer Sprache hängt ganz wesentlich von Sprachverantwortung und -bewußtsein der Gesellschaft
ab. Da die Sprache bei uns weder für die Politik noch die Öffentlichkeit ein vorrangiges, echtes Thema ist,
schreitet der Sprachverfall unaufhaltsam voran. Schier grenzenlos ist die Gleichgültigkeit gegenüber unserer
Sprache.
Glossen und Leserbriefe rütteln die Gesellschaft aus ihrer geistigen Lethargie nicht wach. Auch die Medien
wehren dem Sprachverfall nicht. Die Sprache ist zu einer Angelegenheit von zahllosen Tages- und
Schnellschreibern geworden, denen die Qualität der Sprache kein Herzensanliegen ist. Bedenkenlos
greifen sie zu stilistischen Beliebigkeiten und inhaltlichen Schlampereien. Selbst die Kulturberichterstattung,
deren oberstes Prinzip die Sprachkultur ist, verkommt zusehends zum Tummelplatz kultureller und sprachlicher
Mindestbieter. Angesichts der Flut veröffentlichter Bücher und Schriften möchte man meinen, Süd-Tirol
sei ein literarisches Mekka. Bei uns kann sich jeder zum Autor ernennen, keine Instanz fragt nach
Voraussetzungen und Kompetenz. Schreiben ist ein sehr schwieriges Handwerk, hausbackenes Plaudern
und selbstgefälliges Vermitteln von Privatwissen und -erfahrungen sind hier fehl am Platz. Wer schreibt,
Wo sind Lesungen überregional bedeutender Schriftsteller und Dichter und Begegnungen mit ihnen geblieben?
Wo Vorträge von Publizisten und Wissenschaftern?
Bringt die "Beobachtungsstelle Sprache" im Südtiroler Kulturinstitut, die im Dezember 2000 ins Leben gerufen wurde, die Wende? Die sperrige Bezeichnung kann das Aufgabenfeld bei weitem nicht abdecken. Gemeint ist wohl ein Institut für deutsche Sprache. Die Initiative kommt um Jahrzehnte zu spät und scheint unter keinem guten Stern zu stehen. Gleich zu Anfang gab es Zoff zwischen dem Privatverein und der Europäischen Akademie: beide erhoben Ansprüche auf die Stelle. Das SKI bekam den Zuschlag. Wollte man dadurch der kulturell stagnierenden Institution ein neues Aufgabenfeld zuweisen? Warum wurde Markus Warasin, ein unbeschriebenes Blatt, zum Direktor bestellt? Warum die Bewerbung des kompetenten Franz Lanthaler nicht berücksichtigt? Das mag wohl mit dem (falschen) Gesangbuch zu tun gehabt haben. In einem Land, wo Demokratie immer mehr die Züge einer Demokratur annimmt, ist nahezu nichts unmöglich. Es überrascht auch nicht, daß die "Beobachtungsstelle Sprache" sogar Gastwirte und Hoteliers bei der Erstellung der Speisekarte sprachlich berät. Als läge hier der Kern des komplexen Problems.
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