17. Jahrgang - Nr.1 Jänner/Februar 2001-erscheint zweimonatlich
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In dieser Ausgabe:
Der neue Zentralismus
Die mißbrauchte Autonomie.
 
Wahlmanöver
Im Vorfeld der italienischen Parlamentswahlen.
 
Leserbrief
 
 
Viechereien
 
 
Die andere Seite des Krieges
Zum Einsatz der Nato in Kosovo -Eine kritische Bilanz.
 
Die durchorganisierte Gesundheit
Die Medizin der Bürokraten.
 
Zufriedener mit politischer Mitbestimmung
Initiative für mehr Demokratie - Ein Plädoyer für mehr Mitbestimmung und direkte Demokratie.
 

Fließend Deutsch und Warmwasser

Zur Sprachkultur in Süd-Tirol.
von Gerhard Riedmann

Kürzlich erklärte die SVP-Bildungspolitikerin und Landtagsabgeordnete Martha Stocker in bezug auf Situation und Stellenwert der deutschen Sprache in Süd-Tirol: "Es ist allgemein bekannt, daß die deutsche Sprache in vielen Fällen nur mehr Hilfssprache ist." Diese Situation sei "schlichtweg inakzeptabel". Anderswo würde eine derartige kulturpolitische Aussage die Politik in Schrecken versetzen. Jedoch nicht bei uns.

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Konkrete Konsequenzen wird es erfahrungsgemäß nicht geben. Sucht man die SVP-Regierungserklärungen und Koalitionsprogramme von 1994 und 1999 nach dem Stichwort "Sprache" ab, wird man nicht fündig. Dafür der Leerformeln zu "Kultur und Bildung" kein Ende. Tiefsinnig verschlüsselt steht da: Kultur bedeute "Dialog und Befähigung", sei "Bewahrung der kulturellen Vielfalt" und "Förderung der Zwei- und Mehrsprachigkeit". Von einer Förderung der deutschen Sprache kein Jota. Dafür Floskeln: Sicherung und Förderung der Bildungs-und kulturellen Strukturen, Förderung der Sprachen, des Internationalen und Minderheitenrechts, der Alpenökologie und der Bildungswissenschaften an der Freien Universität, Förderung der Europäischen Akademie, der "wissenschaftliche Zukunftswerkstatt Südtirols", und Errichtung von touristischen, sanitären, landwirtschaftlichen, Design- und Industriefachhochschulen. Da ist die Rede von "Bildungsaufbruch" und "Bildungsoffensive". Was wurde von diesen anspruchsvollen Vorhaben umgesetzt? Wieviel davon ist überhaupt umsetzbar? Wo sind die Inhalte?

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Anstatt sich zuerst über die Inhalte Gedanken zu machen, werden sündteure Strukturen hingeklotzt: allein für Investitionen in die Freie Universität sind 220 Milliarden Lire vorgesehen. Was aber nützen all diese Prunkbauten, wenn die Grundsatzentscheidungen, die zu deren Errichtung führten, nicht in einem Kontext stehen und Vorgaben über deren inhaltlicher Gestaltung fehlen? Kann lebendige Kultur ohne klares Konzept entstehen und gedeihen?

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Wie soll dieses gewaltige Programm umgesetzt werden, wenn man die Sprache in die Ecke stellt? Sprache ist das wichtigste Vermittlungs- und Verständigungsinstrument der Gesellschaft, das Auskunft gibt über deren kulturellen Standort. Dennoch ist in keinem einzigen der angeführten Dokumente ausdrücklich von der Förderung der deutschen Sprache die Rede. Als sei Sprache eine angeborene Fähigkeit und kein stets neu zu erwerbender geistiger Besitz. Sprache ist die Fähigkeit des Menschen, ein gegliedertes System von Zeichen und Regeln als Ausdruck des Denkens und Fühlens, als Kommunikations- und Verständigungsmittel und als Voraussetzung und Form zur Erfassung von physischer und geistiger Realität in ihrer Vielfalt wiederzugeben.


Konkret bedeutet dies, daß Sprache die Welt erschließt, daß die Grenzen der Sprache eines Individuums mit den Grenzen seiner Welt zusammenfallen.
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"Sprache" ist fast ausschließlich Gegenstand wissenschaftlicher Forschung und (internationaler) Tagungen und Seminare. Kurt Egger beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit sprachsoziologischen und -psychologischen Problemen in ethnisch gemischten Familien und Franz Lanthaler mit Interferenzen zwischen Hochsprache und Mundart. Durchaus notwendige und anerkennenswerte Aktivitäten. Wo schlägt die konkrete Umsetzung der Analysen durch? Hat sich die allgemeine Situation der deutschen Sprache wirklich gebessert?

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Mit den (unbeliebten) Sprachkursen allein ist es nicht getan, zumal diese vornehmlich dem gesetzlich vorgeschriebenen Erwerb des Zweisprachigskeitsnachweises dienen. Ist es nicht absurd, daß nach einem halben Jahrhundert Autonomie, kultureller Freiheit und unbehindertem Sprachleben Kommissionen Woche für Woche Zweisprachigkeitsprüfungen abnehmen müssen? Da stimmt etwas nicht an der Bildungspolitik und am Schulsystem, wenn nach jahrelangem Deutsch- und Italienischunterricht eine auf den Bildungsgrad des Einzelnen ausgelegte Zweisprachigkeit keine Selbstverständlichkeit ist. Schafft etwa der amtliche Zweisprachigkeitsnachweis die eigentlichen Sprachdefizite aus der Welt? Ist dieser Nachweis nicht vielmehr eine Bestätigung der herrschenden Sprachmisere?

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Wenn die Sprachforschung zum Ergebnis gekommen ist, Süd-Tirol sei auf dem Weg zu einer Standardsprache und Deutsch werde hier nicht mehr als Minderheitensprache empfunden, mag dies für die Sprachwissenschaft so sein. Und ist nicht ganz frei von Schönfärberei. Die Realität aber ist anders. Immer mehr Spezifika bilden sich heraus, die nur bedingt mit Varietätenvielfalt zu tun haben und nur bedingt dem allgemeinen Trend der Entwicklung der deutschen Sprache folgen. Hier finden fortschreitende Ausdünnung des Kulturhintergrundes und Hybridisierung und Ghettoisierung der deutschen Sprache statt.

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Die Dynamik einer Sprache hängt ganz wesentlich von Sprachverantwortung und -bewußtsein der Gesellschaft ab. Da die Sprache bei uns weder für die Politik noch die Öffentlichkeit ein vorrangiges, echtes Thema ist, schreitet der Sprachverfall unaufhaltsam voran. Schier grenzenlos ist die Gleichgültigkeit gegenüber unserer Sprache.

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Glossen und Leserbriefe rütteln die Gesellschaft aus ihrer geistigen Lethargie nicht wach. Auch die Medien wehren dem Sprachverfall nicht. Die Sprache ist zu einer Angelegenheit von zahllosen Tages- und Schnellschreibern geworden, denen die Qualität der Sprache kein Herzensanliegen ist. Bedenkenlos greifen sie zu stilistischen Beliebigkeiten und inhaltlichen Schlampereien. Selbst die Kulturberichterstattung, deren oberstes Prinzip die Sprachkultur ist, verkommt zusehends zum Tummelplatz kultureller und sprachlicher Mindestbieter. Angesichts der Flut veröffentlichter Bücher und Schriften möchte man meinen, Süd-Tirol sei ein literarisches Mekka. Bei uns kann sich jeder zum Autor ernennen, keine Instanz fragt nach Voraussetzungen und Kompetenz. Schreiben ist ein sehr schwieriges Handwerk, hausbackenes Plaudern und selbstgefälliges Vermitteln von Privatwissen und -erfahrungen sind hier fehl am Platz. Wer schreibt,

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Wo sind Lesungen überregional bedeutender Schriftsteller und Dichter und Begegnungen mit ihnen geblieben? Wo Vorträge von Publizisten und Wissenschaftern?

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Bringt die "Beobachtungsstelle Sprache" im Südtiroler Kulturinstitut, die im Dezember 2000 ins Leben gerufen wurde, die Wende? Die sperrige Bezeichnung kann das Aufgabenfeld bei weitem nicht abdecken. Gemeint ist wohl ein Institut für deutsche Sprache. Die Initiative kommt um Jahrzehnte zu spät und scheint unter keinem guten Stern zu stehen. Gleich zu Anfang gab es Zoff zwischen dem Privatverein und der Europäischen Akademie: beide erhoben Ansprüche auf die Stelle. Das SKI bekam den Zuschlag. Wollte man dadurch der kulturell stagnierenden Institution ein neues Aufgabenfeld zuweisen? Warum wurde Markus Warasin, ein unbeschriebenes Blatt, zum Direktor bestellt? Warum die Bewerbung des kompetenten Franz Lanthaler nicht berücksichtigt? Das mag wohl mit dem (falschen) Gesangbuch zu tun gehabt haben. In einem Land, wo Demokratie immer mehr die Züge einer Demokratur annimmt, ist nahezu nichts unmöglich. Es überrascht auch nicht, daß die "Beobachtungsstelle Sprache" sogar Gastwirte und Hoteliers bei der Erstellung der Speisekarte sprachlich berät. Als läge hier der Kern des komplexen Problems.