17. Jahrgang - Nr.1 Jänner/Februar 2001-erscheint zweimonatlich
| ZUR EINSTIMMUNG... | ARCHIV | KONTAKTIERE UNS |
In dieser Ausgabe:
Der neue Zentralismus
Die mißbrauchte Autonomie.
 
Wahlmanöver
Im Vorfeld der italienischen Parlamentswahlen.
 
Leserbrief
 
 
Fließend Deutsch und Warmwasser
Zur Sprachkultur in Süd-Tirol.
 
Viechereien
 
 
Die durchorganisierte Gesundheit
Die Medizin der Bürokraten.
 
Zufriedener mit politischer Mitbestimmung
Initiative für mehr Demokratie - Ein Plädoyer für mehr Mitbestimmung und direkte Demokratie.
 

Die andere Seite des Krieges

von Elisabeth Höglinger

Soldat Daniel Tardivo: der ehemalige Rekrut, im Kosovo-Krieg eingesetzt, gibt im Sender Bozen Auskunft über die Ängste fürs Danach, über das, was als Balkan-Syndrom die Öffentlichkeit erschüttert, die unheimlichen Leukämieerkrankungen, Leukämietode unter den heimgekehrten Kriegsteilnehmern. Nach der Erzählung über die Strapazen des Dienstes kommt, was Militärs und Kriegstreiber beschämen müßte. Wenn er an Leukämie denke, so sei das eben normales Risiko für einen Soldaten, aber was die Zivilbevölkerung mitgemacht habe, wie sie jetzt noch durch das verseuchte Gebiet in Mitleidenschaft gezogen sei ... "Traurig". Dieses offene, ehrliche Jungengesicht vergisst man nicht.

In diesen Tagen jährt sich zum zehnten Mal der Beginn des Golf-Krieges. Obgleich das Jahrzehnt von blutigen Auseinandersetzungen gekennzeichnet war, hat nur ein kriegerisches Ereignis in unserem Bewußtsein einen vergleichbaren Aufruhr hervorgerufen: der Kosovo-Krieg. Beide Kriege weisen Ähnlichkeiten auf; sie waren militärische Strafaktionen, gerichtet gegen einen vergleichsweise kleinen, unbotmäßigen Gegner, beide Kriege hatten eine beschränkte Dauer (etwa 6 Wochen), wurden durch Flächenbombardements aus der Luft geführt und plötzlich abgebrochen, ohne dass das erklärte Kriegsziel, nämlich die Eliminierung der Diktatoren erreicht wurde. Saddam Hussein, der furchtbare Despot von Bagdad, hält sich immer noch an der Macht trotz Wirtschaftsembargo, Milosevic, der postkommunistische Boss in Belgrad, hat den Kosovo-Krieg an der Macht immerhin um ein Jahr überlebt, bis ihn das eigene Volk im vergangenen Oktober rasch und schmerzlos wegräumte. Doch während der Golf-Krieg immerhin mit einer Legitimation der Vereinten Nationen geführt wurde, mangelte dem Kosovo-Einsatz ein Mandat des Sicherheitsrats der UNO. Anders als im Golf-Krieg nahmen in diesem letzten Konflikt zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg deutsche Truppen teil.

Obwohl die USA unverkennbar der wichtigste Entscheidungsträger waren, erfolgte im Kosovo-Konflikt eine Europäisierung der Kriegshandlungen, weswegen man diesen Krieg auch den ersten Europäischen Einigungskrieg genannt hat. Einsätze westlicher Nato-Streitkräfte sind durch einen bestimmten Umstand gekennzeichnet: Es wird versucht die eigenen Soldaten möglichst zu schonen, denn die Vorstellung, dass die eigenen Landeskinder aus dem Krieg in Bleisärgen zurückkehren könnten, ist für jeden Regierungschef entsetzlich. Also werden strategische Ziele aus der Luft mit Tonnen von Bomben angegriffen, während die eigenen Soldaten nur einem minimalen Risiko ausgesetzt sind. Einem minimalen? Seit dem Golf-Krieg und ganz besonders seit den kriegerischen Befriedungsaktionen in Bosnien und im Kosovo häufen sich die Meldungen über unheimliche Gesundheitsschäden, über Krebserkrankungen und Krebstote unter den ehemaligen Soldaten.


aus "Le Monde"

Es sei Munition mit strahlenden Stoffen, mit abgereichertem Uran verwendet worden. Im Kriegsfall ist seit jeher neues Forschungmaterial zum Einsatz gekommen. Kriege wurden immer auch als Experimentiersituationen genutzt, denn im Krieg herrscht Ausnahmezustand, Geheimhaltung, Nachrichtensperre, Zensur, unter dem Erfolgsdruck des Siegenmüssens geschieht, was in Friedenszeiten durch demokratische Kontrollen verhindert wird. Angesichts der Verwüstungen werden dann in den Friedensschlüssen ganze Waffensysteme geächtet (Giftgas nach dem Ersten Weltkrieg).

So unselig die jetzige Diskussion über die gesundheitlichen Spätfolgen des Militäreinsatzes im Kosovo ist, sie ersetzt nicht eine Aufarbeitung des Problemfeldes: warum musste es diesen Krieg im Kosovo geben und wie wurde er geführt? Als die Verhandlungen der Natopartner mit Serbien gescheitert waren und das Ultimatum unbeachtet blieb, entschloss sich die (diesmal sogar um russische Kontingente angereicherte) westliche Militärallianz, den Luftkrieg in die Hauptstadt des Gegners zu tragen, um ihn von seinem schändlichen Vorhaben der ethnischen Säuberung abzubringen. Gleichzeitig blieb die kleine ethnisch, gemischte, an der Südgrenze Serbiens gelegene Streitprovinz Kosovo, das mythische Amselfeld, Urzelle des Serbentums, völlig ungeschützt der wildesten Rache durch die durch Bombenterror Geschädigten preisgegeben. Wir haben die Fernsehbilder der verzweifelten Flucht in die benachbarten Länder noch vor uns. Ja selbst Flucht und Aufnahme der Flüchtlinge blieben durch Wochen hindurch unorganisiert, sich selbst überlassen. Und während vom Natohauptquartier in Brüssel militärische Operationen mit modernster Technik gestartet wurden, breitete sich unter der geflüchteten Bevölkerung das Elend des Krieges in seiner "klassischen" Gestalt aus. Man könne nicht mit Bodentruppen ein größeres Territorium besetzen, ehe die Luftstreitmacht reinen Tisch gemacht habe, erklärten die Herren des Krieges. Aber als das unüberlegte Luftunternehmen plötzlich abgebrochen wurde, mussten doch die Bodentruppen ran, jetzt KFOR geheißen, eine Polizeitruppe, um das gegenseitige Abschlachten der erbitterten Serben und Albaner zu unterbinden. Geführt sei der Luftkrieg worden, um die Lust auf ethnische Säuberungen ein für allemal aus dem politischen Handeln zu verbannen. Die furchtbaren Bombardements haben jedoch mit Sicherheit das Gegenteil von dem bewirkt, was man sich vorgenommen hatte. Denn das friedliche Miteinander kann nie und nimmer durch Gewalt aufgezwungen werden.

Wir Südtiroler, eine kleine Minderheit innerhalb der Länder, die sich zu einer selbstgerechten überstürzten Strafaktion gegen ein von Diktatur und Misswirtschaft gebeugtes Land vereinigen, sollten der Weltöffentlichkeit zeigen, erstens dass das friedliche Miteinander Frucht eines langen geduldigen Weges ist, zweitens, dass es gut ist, wenn es zwischen den Volksgruppen nie zu argen Gewaltausbrüchen kommt, denn die Erinnerung daran vergiftet die Zukunft. Wir können uns glücklich schätzen, dass unser Zusammenleben mit den Italienern sich vorwiegend in den Grenzen menschlich vertretbarer Umgangsformen abspielte (selbst im Faschismus) und dass es uns in den letzten 40 Jahren gelang, jene, die den anderen Weg ("Es blieb kein anderer Weg") predigten, zu isolieren.