16. Jahrgang - Nr.1 Jänner/April 2000-erscheint zweimonatlich
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In dieser Ausgabe:
Die orientierungslose Gesellschaft
von Elisabeth Höglinger
 
Südtirol - das dreisprachige Land

 
Der Machtkampf um die Schützen

 
Kulturpolitik als Kindesweglegung
oder: Kulturveranstaltungen für leere Sessel
 
Leserbrief

 
Gemeindewahlen

 
Der Sieg des falschen Neoliberalismus

 
Die neue Regierung in Wien und Europa

Das Österreichische Schlamassel
Die Beteiligung der FPÖ an der Regierung in Wien ist ein ermutigendes Signal für alle nationalistischen, antieuropäischen und rassistischen Bewegungen - Südtirol muß darauf achten, daß es von diesen Kräften nicht als Exerzierfeld benützt wird.

Man kann gespannt sein, wie die derzeitige Wiener Regierung und Europa mit dem österreichischen Schlamassel schließlich fertig werden. Nur Ge-schichtsignoranten konnten sich der Illusion hingeben, daß die Einbindung einer rechtsextremen Partei in die Regierung eines deutschsprachigen Landes - noch dazu in der Heimat Hitlers - von der Welt als normaler Vorgang akzeptiert würde. Zu frisch sind noch die Erinnerungen an die bedeutende Rolle, welche die österreichische Gesellschaft im Naziregime gespielt hat und die bisher entweder verschwiegen oder verdrängt wurde. Es ist deshalb wichtig und richtig, daß die demokratischen Kräfte in Europa die Entwicklung mit größter Aufmerksamkeit verfolgen, jede Bagatellisierung der Vorgänge in Österreich könnte auf lange Sicht zu dramatischen Fehlentwicklungen führen.

Die FPÖ hat unter dem Obmann Haider immer wieder in zweideutigen Stellungnahmen an die "braune Vergan-genheit" angeknüpft und sich als nationalistische, ausländerfeindliche, antieuropäische Bewegung profi-liert. Haider und seine Gefolgschaft mobilisieren das "gesunde Volksempfinden" gegen die europäischen Institutionen und predigen einen Nationalliberalismus, der bisweilen chauvinistische Züge annimmt. Es ist eine gefährlich Strategie, deren negative Folgen bereits heute sichtbar sind. So ist es wohl kein Zufall, daß "Unbekannte" die Scheiben des französischen Institutes in Innsbruck eingeschlagen haben, nachdem Haider mit rotzfrechen Sprüchen den französischen Minister-präsidenten angegriffen und ihn einen "Pinocchio" genannt hatte.


Natürlich sind nicht alle FPÖ-Wähler von dieser Sorte. Ein Teil von ihnen hat in der FPÖ die Chance gesehen, die vielfach institutionalisierte Vorherrschaft der alten Koalition von SPÖ-ÖVP mit ihrem Proporz-Diktat zu brechen. In der Tat hat man von dieser Seite wohl den Haider massiv bekämpft, aber nichts getan, um den Reformstau in der österreichischen Gesellschaft zu beheben. Im Namen des sozialen Ausgleichs haben Kammern und Gewerkschaften die nötige Modernisierung des Staates verhindert. Das mußte Reaktionen hervor-rufen. Dazu kam noch der Umstand, daß Österreichs Beitritt zur EU zu drastischen Umstellungen und auch Einkommensverlusten bei gewissen Bevölkerungs-kategorien geführt hat. Haiders FPÖ hat diese Res-sentiments geschickt instrumentalisiert und besonders die Angst vor der Osterweiterung der EU geschürt. Speziell die Lohnabhängigen sahen darin eine gefährlich Konkurrenz und eine Bedrohung ihres Lebensstan- dards. Die Folge war, daß ein guter Teil der Arbeiterschaft Haider als ihren Anwalt betrachtete und diesmal der FPÖ ihre Stimme gab. Das ist eine große Herausforderung für die SPÖ, Korrekturen an ihrer Strategie vorzunehmen. Der neue Vorsitzende der SPÖ, Dr. Alfred Gusenbauer, hat dies offensichtlich verstanden.

Die ÖVP-Spitze ist aus machtpolitischen Überlegungen diese Allianz mit der FPÖ eingegangen und ist nun hauptsächlich darum bemüht, aller Welt die Verfas-sungstreue und Sanftheit ihres neuen Partners zu verkünden. Tatsächlich verhält sich die FPÖ derzeit äußerst zahm: Ihre noch unerfahrene Minsterialriege ist damit beschäftigt, in den neuen Machtzentren Fuß zu fassen, und der große Boss Haider hat sich (scheinbar) vorerst nach Kärnten zurückgezogen. In beiden Regierungsparteien gibt es jedoch bereits Spannungen, die durch den eingeschlagenen neoliberalen Kurs ausgelöst wurden. Die ÖVP kann nicht vergessen, daß sie einen starken christdemokratischen Flügel hat, der keineswegs bereit ist, sich auf dem Altar der Koalitionstreue mit einem so weltanschaulich fremden Partner opfern zu lassen. Bezeichnend dafür ist der große Sieg, den der ÖVP-Mann Dinkhauser bei den Arbeiterkammerwahlen in Tirol errungen hat. Sein Wahl-kampf war vor allem gegen die Maßnahmen der Wiener Regierung gerichtet. Die ÖVP-Zentrale hat dies zu ignorieren versucht, aber damit ist die Sache noch keineswegs abgetan.

Auch die FPÖ sieht sich mit erheblichen Problemen konfrontiert. Bisher war sie die Partei des Protestes, die angeblich den kleinen Mann gegen "die da oben" ver-teidigte und laufend die Arroganz und die Fehlleistungen der Regierenden anprangerte. Nun ist sie selbst ein Teil der Regierung und trägt die volle Verantwortung für die Maßnahmen, die in erster Linie die sozial Schwächeren treffen. Damit läuft sie Gefahr die Zustimmung derjenigen zu verlieren, als deren Anwalt sie sich in der Opposition ausgegeben hat. Tatsächlich haben die Ergebnisse der Gemeinderatswahlen in der Steiermark, in Niederösterreich, in Vorarlberg gezeigt, daß die FPÖ an Schwung und Zustimmung verloren hat. Wahrscheinlich ist dies auch ein Grund, warum Haider derzeit auf Distanz zur Regierung geht, er muß auf jeden Fall eine neue Strategie entwerfen, um diesen Trend aufzuhalten.

Man wird in Zukunft sehen, wie die Kontakte mit der neuen FPÖ-ÖVP Regierung aus Südtiroler Sicht funktionieren, denn es könnten sich gefährliche Spannungen ergeben. Haiders Frauen und Männer könnten versuchen, neue Akzente in der Südtirolpolitik zu setzen. Auch in Südtirol gibt es politische Kräfte, zum Beispiel den Ebner-Athesia-Clan, die daran interessiert wären, die FPÖ in ihre Zielsetzungen einzubauen. Es fällt auf, daß man dort die Veränderung in der Regierung in Wien als "ganz normalen Vorgang" darstellen möchte. Derzeit versuchen ÖVP und FPÖ ihre Probleme hinter patriotischen Solidaritätsschwüren gegen die ihrer Meinung nach ungerechten Sanktionen der EU zu verstecken.Schüssel hat sogar den plumpen Versuch un - ternommen, die Opposition in eine verlogene pa-triotische Front einzubinden, was prompt gescheitert ist. Um so intensiver ist die Stimmungsmache in der Bevölkerung, wonach es eine Verschwörung gegen Österreich gebe, die speziell von jüdischen Kreisen aus-gehe. Unqualifizierte Attacken seitens extremistischer jüdischer Organisationen haben diesem Verdacht leider Nahrung gegeben.


aus: "Solidarietà"

Was die Sanktionen der EU gegen das politische Österreich betrifft, muß klar sein, daß diese Maßnahmen sich nur gegen die derzeitige Wiener Regierung und keineswegs gegen die österreichische Bevölkerung als solche richten, die zu zwei Dritteln Haider nicht gewählt hat. Deshalb darf die Ausgrenzung von ÖVP und FPÖ nicht die vielfachen kulturellen, wirtschaftlichen und politischen Beziehungen des demokratischen Österreich mit dem übrigen Europa berühren. Diese Beziehungen müssen sogar noch intensiviert werden, sonst würde man nur dem Haßfeldzug der FPÖ zuarbeiten. Das offizielle Südtirol hatte bisher mit großer politischer Zurückhaltung die Vorgänge in Österreich verfolgt. SVP und Landesregierung machten aus ihrem Wunsch nach Fortsetzung der bisherigen SPÖ-ÖVP-Koalition kein Hehl. Nun hat allerdings die SVP-Fraktion im Landtag auf Antrag des rechten Trommlers Pahl eine Resolution angenommen, in der die EU-Sanktionen gegen Österreich verurteilt werden. Es ist ein böses Signal, das wiederum das wahre Gesicht der sogenannten Sammel-partei zeigt.

Südtirol muß auf jeden Fall auf der Hut sein. Die Vorgänge in Wien zeigen, daß das böse Gespenst des nationalen Hasses wieder in Europa umgeht. In Südtirol sollte es keine Chance mehr bekommen.

Egmont Jenny

e-mail Adresse: Egmont.Jenny@dnet.it

 

Die orientierungslose Gesellschaft

von Elisabeth Höglinger

"Glaube weit, eng der Gedanke" (Goethe) Propheten und politische Sterndeuter sind in Verruf geraten, seit viele ihrer Katastrophenweissagungen nicht eintrafen, wie zum Beispiel das ökologische Desaster, das vom honorigen MIT (Massachusetts Institut of Technology) vor etwa 2o Jahren als unmittelbar bevorstehend prognostiziert wurde, oder seit einschneidende Wenden wie der plötzliche Untergang der kommunistischen Reiche von niemandem vorhergesehen wurden. Auch ist nirgends wahrzunehmen, dass wir Menschen negative Entwicklungen, selbst wenn wir sie deutlich kommen sehen, abzuwenden bereit sind. Ich will dennoch eine kleine Analyse sozialer wie psy-chologischer Zeiterscheinungen wagen und dabei ein wenig über sich daraus ergebende mögliche Zukunfts-szenarien spekulieren.

Im Spätsommer 1997 erfasste eine Massenpsychose unsere so genannte zivilisierte Welt; vielleicht beschämt wegen unseres damaligen wahnhaften Taumels ver-drängen wir heute das Ereignis. Eine Frau, Mitte dreißig, in den Medien präsent, weil sie durch ihre Ehe designierte Königin von England gewesen war, nach ihrer Scheidung nur noch eine noble und teure Rentnerin, kam in einer verfänglichen und peinlichen Situation zu Tode. Wie ein Orkan erhoben sich Emotionen, rührselige Sympathie von unerhörter Intensität lebte sich aus in einem Totenkult, der mit Devotionalien und Wallfahrten über der Begräbnisstätte ruhte. Nicht die Medien hatten diese Stimmung angeheizt, sie sind selbst von dem Überschwang der Gefühle überrascht worden; es handelte sich um einen spontanen Ausbruch der Volksseele, um eine Massensuggestion, in keinster Weise durch den Gegenstand der Verehrung gerechtfertigt (Lady D. eine im Grunde uninteressante, unbedeutende Person).

Versuchen wir die geschilderten Ereignisse verstan-desmäßig zu erhellen: Die emotionalen und irrationalen Seiten der Spezies Mensch sind offensichtlich sehr stark ausgeprägt, wenn sie auch vielfach unter der Decke der Vernunft und des maßvollen Funktionierens, wodurch unser Alltag gekennzeichnet ist, verborgen sind. Unver-mutet wie ein Lavastrom brechen die Emotionen aus, alles unter sich begrabend.

Man beklagt heute eine Krise der Werte, einen Verfall der Normen, die dem menschlichen Leben Führung, Sinn und Halt geben. In den alten Werten und den dazu gehörenden gesellschaftlichen Einrichtungen (z.B. Familiensinn - Institution Ehe) waren jene Vorstellungen fixiert, auf die sich unsere Gefühle konzentrierten: religiöser Glaube und Kirche, Anlehnungsbedürfnis und Verehrung für das Herrscherhaus, Liebe zum Vaterland, Zusammengehörigkeitsgefühl und Idealismus für Nation, Familie, Stand, Berufsgemeinschaft, Partei, Gewerk-schaft. All diese Loyalitätssysteme sind ins Wanken geraten.


"Hier braucht es neue Werte!"
"OK, wo kriegt man sie zu kaufen?"
Aus: "Cuore"

Der greise Hohepriester im Vatikan versucht durch Öffentlichkeitsarbeit und Reisen die Organisation Kirche lebendig zu halten. Täuschen wir uns nicht. Die Kirche hat in den letzten Jahrzehnten unendlich viel an Autorität und Attraktivität verloren. Von Nation hat man kaum noch einen Begriff, den Staat liebt man nicht. Politiker sind vielgeschmähte Leute. Größere Systeme wir das geeinte Europa sind höchstens gut zum Ausnützen von Privilegien, eine tiefer gehende Verpflichtung, gar der Stolz, ein Europäer zu sein, fehlen.

Dass wir Menschen jedoch nicht die Kraft, Selbständigkeit und Freiheit haben, ohne enge emotionale Bindungen unser Dasein fortzuführen, zeigt sich an den geschilderten Ereignissen um den Tod der Lady D. Wir suchen neue gefühlsmäßige Nischen, inmitten der Globalisierung unserer Welt gewinnen kleinräumige "Wärmekreise" wie Ethnie, religiöse Sekten, sekten-ähnliche Gemeinschaften an Bedeutung. Die neuen Bindungen sind nicht selten gekennzeichnet durch eine fanatische, widervernünftige Gläubigkeit, die jeden, der Aufklärung, Offenheit, Toleranz, Respektierung der Menschenrechte vertritt, mit Sorge erfüllen muss. Es wächst eine Jugend heran, der es inmitten von virtuellen Welten (Internet, globale Vernetzung) immer mehr an Bewusstsein um die Situation des eigenen Lebens, der Gesellschaft, der Natur mangelt. Sie könnte nur allzu leicht die Beute der Verführer und falschen Propheten der Zukunft werden. Noch ist Demokratie eine Regierungsform von hohem Prestige. Ganz selbstver-ständlich wächst die junge Generation damit auf. Wie teuer diese Freiheit erkauft wurde, ist ihr nicht bewusst; aus Langeweile, Überdruss an der negativen Freiheit und Bindungslosigkeit, aus Wunsch nach einer starken Geborgenheit könnte sie sehr bald auf die Seite des Autoritarismus überwechseln.

 

Südtirol - das dreisprachige Land

Vor einigen Wochen haben Vertreter der rechtsge-richteten Alleanza Nazionale in der Südtiroler Gemeinde Kurtatsch versucht, zweisprachige Straßenschilder anzu-bringen. Wenn man bedenkt, daß diese Partei immerhin zu den mehr oder weniger direkten und legitimen Nachfolgern des Faschismus gehört, kann man ermessen, welche Entwicklung sich vollzogen hat. Nun sind es italienische Rechte, die Aktionen setzen, die ihren politischen Großvätern noch als Sakrileg und Vaterlandsverrat erschienen wären. Man mag einwenden, daß dieser Sinneswandel das Ergebnis der neuen Machtverhältnisse ist, trotzdem muß man darin einen wesentlichen Fortschritt erkennen, dessen Bedeutung den deutschsprachigen Südtirolern gar nicht bewußt ist.

Denn in diesem Lager werden leider oft Signale gesetzt, die in eine ganz andere Richtung weisen. Der Aufmarsch der Schützen in Meran, die provokatorischen Erklä-rungen ihrer Führung und der dazu eingeladenen Redner Kühebacher und Pahl zur Toponomastik dienen dazu, einen Konflikt zu schüren, der immer groteskere Züge annimmt. Heute herrscht bei den Südtiroler Politikern aller Sprachgruppen bereits weitgehendes Einverständnis darüber, daß die deutschen Ortsnamen wieder offiziell anerkannt werden sollen, der Streit geht nur um die Art und die Anzahl der zu erhaltenden italienischen Namen, auch weil sie vielfach Namenserfindungen Tolomeis sind.

Man muß hinzufügen, daß diese ganze Problematik eigentlich in der Südtiroler Öffentlichkeit, ganz speziell bei den Deutschsprachigen - also auch unter den Schützen - keine großen Emotionen auslöst hat. Es sind nur kleine Gruppen - dazu gehört auch die derzeitige Führung der Schützen -, die diese Sache für eine politische Profilierung nutzen wollen. In der sogenannten Sammelpartei häufen sich die Stimmen, die dieses Thema entschärfen und aus dem Gemeindewahlkampf heraushalten möchten.

Was jedoch diese Aktion und die permanente auch von der Athesiapresse geförderte Agitation so gefährlich macht, ist der Umstand, daß dahinter der Wunsch gewisser Kreise steckt, die derzeitigen bevölkerungs-politischen Tatsachen in Südtirol zu verändern. So mußte die Erklärung des Herrn Kühebacher, es gebe keine italienische Volksgruppe in Südtirol, natürlich heftige Reaktionen auslösen. Gerade weil die Italiener in Südtirol noch nicht so verankert sind und eine relativ kurze Geschichte aufweisen, müssen sie solche Aussagen als feindseligen Akt, ja als Aufforderung zu ihrer Ausgrenzung und Vertreibung empfinden. Das nützt schließlich nur den nationalistischen Scharfmachern beider Lager.

Immer wieder haben die Südtiroler Sozialdemokraten darauf hingewiesen, daß man davon ausgehen muß, daß Südtirol ein dreisprachiges Land ist, in dem die drei Sprachgruppen gleiche Rechte genießen. Um dies auch sprachlich ins Bewußtsein der hier lebenden Menschen zu rücken, haben die Sozialdemokraten auch stets versucht, den "italienischsprachigen Südtiroler" zu einem gängigen Begriff zu machen. Natürlich paßt dies weder den deutschen noch den italienischen Nationalisten.

Erstere glauben, nur die Deutschsprachigen hätten ein Anrecht auf Südtirol und die "Anderen" seien nur als Zuwanderer geduldet. Die italienischen Nationalisten dagegen haben aus parteipolitischen Gründen die Eingliederung ihrer Bürger in die Traditionen und ge-schichtlichen Gegebenheiten dieses Landes verhindert und somit deren Isolierung systematisch betrieben.

Das ist das Kern des Problems, das die Beziehung zwischen den Volksgruppen erschwert und auch das Funktionieren der Autonomie in Frage stellt. Es ist aber lösbar, und diese Aufgabe kommt allen hier lebenden Menschen, besonders den Politikern und der Presse zu. Die deutschsprachige Mehrheit ist dabei besonders gefordert. Es wäre ein gewaltiger Schritt nach vorne, wenn maßgebende Südtiroler Politiker die Präsenz der Italiener in Südtirol endlich als eine Bereicherung für dieses Land bezeichnen würden. Ebenso wichtig wäre eine diesbezügliche Meinungsbildung in den Medien. Anstatt - wie es derzeit der Fall ist - immer wieder mit Sticheleien, Anspielungen und Gehässigkeiten die ethnische Frontstellung anzuheizen, sollte der Gedanke des dreisprachigen Südtirol immer stärker propagiert und im Bewußtsein der hier lebenden Menschen verankert werden.

 

Der Machtkampf um die Schützen

Vor wenigen Tagen haben die Offiziere der Schützen einen Säbel bekommen. Dieser ist mit 600.000 Lire pro Stück nicht gerade billig. Demnächst sollen - laut Landeshauptmann Durnwalder - die einfachen Schützen ein Gewehr erhalten, allerdings mit verschweißtem Lauf. Dies alles wohl auf Kosten der Landesverwaltung, also des Steuerzahlers.

Diese im Grunde genommen harmlose Aufrüstung erfolgt zu einem Zeitpunkt, da ein heftiger Streit um die Führung der Schützen ausgebrochen ist. Vordergründig geht es um eine Auseinandersetzung zwischen dem Landeskommandanten Piok und seinem Bundesmajor Gutweniger. Gutweniger hatte einem prominenten Schützen, dem SVP-Landtagsabgeordneten Atz, die Teilnahme an der Schützenversammlung in Meran unter fadenscheinigen Gründen verweigert und jede Entschuldigung für sein Verhalten abgelehnt. Daraufhin trat der Landeskommandant zurück und klagte darüber, daß nunmehr eine extremistische kleine Gruppe den Schützenbund beherrsche.

Genau genommen ist dieser Streit die Folge der Instrumentalisierung des Südtiroler Schützenwesens durch politische Gruppen. Laut Überlieferung und Statut muß der Schützenbund jedem Tiroler offen stehen, ohne Rücksicht auf seine politische Meinung. Heute sind die Schützen ein Traditionsverein, der seine ursprüngliche Aufgabe, nämlich die Verteidigung der Landesgrenzen, längst verloren hat und deshalb denselben Stellenwert hat wie die Schweizer Garde des Vatikans.

In Südtirol liegen die Dinge immer "etwas anders", weil dort eine besondere Form der Demokratie herrscht. Es ist undenkbar, daß ein Verein, ganz gleich welcher Art, sich der "wohlwollenden Kontrolle" durch die SVP entzieht. Dafür gibt es auch ein sehr überzeugendes Argument: das Geld. Die Landesregierung gibt den Schützen das Geld für ihre Uniformen, ihre Ausrüstung, ihre Aktivitäten, und in der Praxis ist die Landesregierung identisch mit der SVP.

Solange die SVP die Schützen in ihrer Hand hatte und jeweils laufend für ihre parteipolitischen Belange mobilisieren konnte, war alles in Ordnung. Auch die Athesia-Presse fand das richtig, und etliche Landes-politiker der SVP traten zur Steigerung ihres Prestiges und zur Vermehrung ihrer Wählerstimmen häufig in der Schützenmontur auf. Kritisch wurde es, als Vertreter der Union für Südtirol im Schützenbund aktiv wurden und durch spektakuläre Auftritte politische Signale setzten.

Landeskommandant Piok, ein ansonsten nüchtern und erfolgreicher agierender Industriemanager, entdeckte ein neues Betätigungsfeld für seine Schützen: die Toponomastik. Dabei erlag er offensichtlich stark dem Einfluß des Bundesmajors Gutweniger, dem man ein besonderes Naheverhältnis zu den Südtiroler Frei-heitlichen nachsagt. Es scheint allerdings, daß Pioks Einfluß immer mehr eingeschränkt wurde und er den radikalen Kräften immer größeren Spielraum einräumen mußte. Die Toponomastik-Aktion brachte ihn außerdem in Konflikt zur SVP-Spitze, somit auch zur Landesregierung mit all den sich daraus ergebenden Folgen.

Still und hintenherum - wie es in Südtirol üblich ist - bereiten sich nun die maßgebenden SVP-Politiker mit dem Beistand der Athesia auf die allmähliche Rück-eroberung der Hoheit über den Schützenbund vor. Wohl werden derzeit Krokodilstränen über die angebliche Politisierung und die Krise des Schützenwesens vergossen. Gleichzeitig wird der Streit aber intensiv ge-schürt. Man kann auch vermuten, daß der Auftritt des SVP-Mandatars und Schützen Atz in Meran , der sehr gute Beziehungen zur Athesia hat, wohl kalkuliert war und daß der Konflikt absichtlich ausgelöst worden ist.

Es geht um die politische Beherrschung des Schützenbundes. Der Kampf wird sicherlich spannend, der Ausgang läßt allerdings kaum Zweifel offen. Das scheint, wenn auch mit Verspätung, der Dr. Piok verstanden zu haben. Die SVP duldet in ihrem Herrschaftsbereich keine Rivalen und sie wird mit der aktiven Unterstützung der "Öffentlichkeit" alle Mittel einsetzen, um die Sache zu bereinigen und ihre Vormachtstellung auch im Schützenbund wieder herzustellen.

 

Kulturpolitik als Kindesweglegung

oder: Kulturveranstaltungen für leere Sessel

von Gerhard Riedmann

Was für luxuriöse Strukturen in Bozen entstehen! Da muß deutsche und österreichische Großstädte geradezu der Neid fressen. In der Landeshauptstadt überschlagen sich die säkularen Eröffnungstermine. Das Neue Stadttheater, das Joseph-Haydn-Konzerthaus, das Ötzi- und das Naturkundliche Museum. Die raumgreifende Residenz der sphinxhaften Europäischen Akademie wird 2001 fertig, das Museion mit europäischer Signalwirkung wird gebaut, das Landhaus am Bahnhof samt dem Zubau am Landhaus III steht, der Umbau des Cristallo-Theaters ist beschlossene Sache. Lauter sogenannte "Strukturen", sündteure. Derartiger Versün-digung würde die Absolution erteilt werden, wenn daraus Paradiesisches erblühte....

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Denkste. Was aber nützen diese Prunkbauten, wenn die Grundsatzentscheidungen, die zu deren Errichtung führten, nicht in einem Kontext stehen und Vorgaben über deren inhaltlicher Gestaltung fehlen? Kann lebendige Kultur ohne klares Konzept entstehen, gedeihen und identitätsstiftend wirken?

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LH Durnwalder anläßlich der Eröffnung des Neuen Stadttheaters: "Hier ist die Struktur, füllt sie mit Inhalten!" Typisch für die Haltung der Politik: auf Liebesversprechen folgt Kindesweglegung.

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Tag der Offenen Tür: Beängstigendes Gedränge. Theatersaison: Neugier und Euphorie. Viele Zuschauer aus allen Schichten. Dann der graue Alltag. Rückläufige Besucherzahlen, und z.B. bei der siebten "Phantom"-Vorstellung (fünfzehn waren angekündigt) nicht einmal ein Zuschauer pro Sitzreihe. Doch die Politik zuckt mit keiner Wimper. Sie hat ihre Schuldigkeit getan, die Struktur hingestellt und die Verantwortlichkeiten Vereinen übertragen.

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Beispiel Stadttheater. Der Hund liegt in einer jahrzehntelang verfehlten Theaterpolitik begraben, die verhinderte, daß innerhalb der deutschen Bevölkerung eine Identifizierung mit dem Berufstheater stattfinde. Die SVP lehnte ein Berufstheater stets kategorisch ab. Jetzt steht ein Stadttheater mit Landestheateranspruch da, wo aber ist der künstlerische Inhalt? Die ehemaligen Kritiker sehen sich in ihrer Skepsis bestätigt und sparen nicht mit Häme. Aber Häme war der Kultur niemals zuträglich.

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Warum sind wir auf diesen Bau nicht stolz? Warum lieben wir ihn nicht? Theater ist in Süd-Tirol vor allem volkstümliches Vereins- und Amateurtheater. Eine legitime Sache. Ein Berufstheater hat es sehr schwer, sich zu etablieren, wenn es an keine lebendige Tradition anknüpfen kann.

Als Kunst- und Lebensform hat es andere Ansprüche als das Amateurtheater, deshalb sind beide keine Konkurrenzunternehmen. Im Gegenteil: Bei klaren strukturellen und ästhetischen Abgrenzungen würden sie befruchtend aufeinander wirken. Fördern sich nicht auch Spitzen- und Breitensport gegenseitig?

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Eine weitere Erschwernis für die Identitätsfindung mit dem Neuen Stadttheater liegt darin, daß das Gebäude wie eine beliebige Veranstaltungshalle angemietet werden kann. Die Anbieter treten miteinander in einen der Kultur alles eher als förderlichen Konkurrenzkampf. Und die Bauwirtschaft reibt sich die Hände.

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Das Süd-Tiroler Theaterherz schlägt für die Vereinsbühnen. Da ist Identifikation pur. Zum Beispiel: Die "Bozner Volksbühne" im Waltherhaus ist ein Publikumsmagnet. Im selben Haus organisiert seit 1967 das Südtiroler Kulturinstitut Gastspiele aus dem Ausland, ihm gelingt es jedoch nicht, auch nur ansatzweise eine Identifikation zwischen den Gastensembles und dem Bildungsbürgertum herzustellen. Schlechte Einkäufe. Hausgemachter Zuschauerschwund. Identifikation gibt es auch in der jungen Bozner "Carambolage" und im Meraner "Altstadttheater". Im Falle drohender Schließung dieser als Kulturtreffs geführten Spielräume würde das Publikum auf die Barrikaden steigen. Drohte dem Gastspielbetrieb im Waltherhaus oder dem Meraner Stadttheater ein derartiges Schicksal, würde sich dann das Bildungsbürgertum energisch zur Wehr setzen?

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Und wie steht es mit dem jüngst eröffneten Konzerthaus, der neuen Heimstätte des Haydn-Orchesters und des Konzertvereins? Für große Aufführungen ist die Bühne zu klein, da muß man in das Stadttheater ausweichen. Wird das Konzerthaus zur Probestätte des Haydn-Orchesters? Was geschieht mit dem Konzertsaal im Konservatorium?

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Als gewählte Volksvertretung muß das Land von seinem Recht Gebrauch machen, die Voraussetzungen (Leitung, Richtlinien, Etat, Kontrollfunktion usw.) für einen funktionierenden Kulturbetrieb zu schaffen. In die künstlerische Planung und Gestaltung darf sie aber nicht eingreifen. Wenn jedoch das Kosten-Leistungsverhältnis - so wie im Bozner Stadttheater - nicht stimmt, muß die Politik aktiv werden. Diese steckt aber den Kopf in den Sand. Seltsamer Weise halten sich auch die Medien zurück und die interessierte Öffentlichkeit macht keinen Druck in Richtung Veränderung der Verhältnisse.

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A) Bozen - Kulturhauptstadt zwischen München und Mailand. B) Größenwahn einer mittleren Provinzstadt. C) Kopfloses Klotzen anstatt überlegten Planens.
 

Leserbrief

Dr. Gerhard Riedmann irrt, wenn er in den "Südtiroler Nachrichten" vom November/Dezember schreibt, Prof. Hermann Eichbichler habe nie Deutsch unterrichtet. In den Schuljahren 1958/59 und 1959/60 hat Prof. Eichbichler am Klassischen Lyzeum in Bozen Deutsch unterrichtet. Ich war damals sein Schüler. Der Unterricht ist mir gerade wegen seiner extremen Schiller- und Goethelastigkeit in schlechter Erinnerung.

Dr. Helmuth Weber, Neumarkt.

 

Gemeindewahlen

Am 14. Mai finden in Südtirol Gemeindewahlen statt. Der Sieger steht jetzt bereits fest: es ist die Südtiroler Volkspartei, die derzeit nur in Bozen und in der Gemeinde Ahrntal nicht den Bürgermeister stellt. In vielen Landgemeinden ist nur die SVP-Liste präsent.

Die deutschsprachige Opposition offenbart bei dieser Gelegenheit wiederum ihre Schwäche. Während die Freiheitlichen fast völlig fehlen, tritt die Union für Südtirol meist in den Gemeinden des Vinschgaus auf den Plan. Die sporadisch auftretenden Bürgerlisten haben durchwegs keine politische Ausrichtung.

Von wirklich politischer Bedeutung ist eigentlich nur das Ergebnis in der Landeshauptstadt Bozen. Dort bestimmt die italienische Mehrheit das Geschehen und es kommt nun darauf an, ob die bisher regierende Mitte-Linkskoalition mit dem Bürgermeister Salghetti sich behaupten kann. Ihr gegenüber stehen einige Rechts-gruppen, die mit den üblichen patriotischen Phrasen und dem verlogenen Motto der Verteidigung der Interessen der Italiener Wählerstimmen erringen möchten. Wenn die Mitte-Links-Parteien sich wiederum durchsetzen, dürfte es zu einer neuerlichen Koalition mit der SVP kommen. In Meran, der zweitgrößten Stadt des Landes, schickt das SVP-Establishment, das die Entwicklung der Kurstadt bisher nach seinen Vorstellungen und Interessen gesteuert hat, den angeschlagenen amtierenden Bürger-meister Alber ins Rennen.

In der diesbezüglichen parteiinternen Vorentscheidung haben wohl einige sogenannte Arbeitnehmer den Aufstand geprobt, dann aber - wie üblich - klein beigegeben. Das entspricht auch der Haltung der Arbeitnehmer in der SVP auf Landesebene, die keine politische Kraft, sondern nur mehr Etikett sind. In Meran könnte eine grün ausgerichtete Liste, die gute Leute aufweist und eine kompetente Frau an ihrer Spitze hat, der SVP Paroli bieten. Die SVP-Masche mit dem "deutschen Bürgermeister" zieht längst nicht mehr so wie früher und die Bürger aller Sprachgruppen wünschen, daß die Sach-probleme, zum Beispiel die Verkehrsregelung und ein sinnvoller und umweltschonender Ausbau der Thermen, endlich angegangen und im Sinne der Bürger, nicht der Spekulanten gelöst werden. Die in den letzten Jahren arg vernachlässigte Kurstadt braucht dringend eine Aufwertung. Die italienische Rechte hat weder Ideen noch Persönlichkeiten aufzuweisen und daher kaum eine Chance, sich durchzusetzen. Eine Dissidentenliste frustrierter SVP-Leute mit getarnter freiheitlicher Betei-ligung dürfte ebenfalls kaum ins Gewicht fallen. Impressum

 

Der Sieg des falschen Neoliberalismus

Die Regionalwahlen vom 16. April haben große Veränderungen in der politischen Landschaft Italiens bewirkt. Die Mitte-Links-Koalition mußte eine schwere Niederlage hinnehmen und Berlusconis Rechts-Koalition feierte einen großen Sieg. Bedeutsam ist dabei der Umstand, daß der gesamte industrialisierte Norden den Rechten zugefallen und dadurch eine Fraktur enstanden ist, die selbst die Einheit Italiens in Frage stellt.

Über die Ursachen der Niederlage der Linken ist bereits viel gesagt und geschrieben worden. D´Alema, der erste postkommunistische Ministerpräsident, hat eigentlich das Land recht gut regiert, soweit dies in Italien überhaupt möglich ist. Er hat versucht einige wichtige Reformen zu verwirklichen und dabei Maß und Vernunft bewiesen. Mehr konnte er in einer verworrenen parlamentarischen Situation mit so verschiedenen und unsicheren Partnern kaum machen. Wenn man bedenkt, daß seit den letzten Parlamentswahlen ein Fünftel der italienischen Parlamentarier die Partei gewechselt haben, so kann man die Schwierigkeit der Lage ermessen. Aber während die Abgeordneten aller Farben in Rom ihre Machtspielchen betrieben, hat sich die italienische Gesellschaft weitgehend verändert. Diese Veränderungen betreffen vor allem den Norden, der gewohnt ist, sich an den europäischen Nachbarn zu messen. Die großen Komplexe der Schwerindustrie sind dort verschwunden, nur da und dort stehen noch leere Hallen. Ebenso verschwunden sind auch die "proletarischen Massen", die nur noch in der Rhetorik veralteter Gewerkschafter vorkommen.

An ihre Stelle sind mittelständische Betriebe getreten, die mit technologischer Effizienz um ihren Erfolg in einer globalisierten Welt kämpfen. Sie erwarten vor der öffentlichen Verwaltung und ihren Strukturen ebenfalls Effizienz , Mobilität und Einsatz. Es ist zum Beispiel unzumutbar, daß so ein großes Land immer wieder durch Streiks lahmgelegt wird, die von kleinen Gruppen oft ohne jegliche Motivation ausgerufen werden. Daß es weder den Ge-werkschaften noch dem Parlament gelungen ist, diesbezüglich endlich klare Spielregeln einzuführen, ist ein Skandal. Besonders die Gewerkschaftsführer müßten endlich zur Kenntnis nehmen, daß das Streikrecht nicht ein Recht auf Chaos ist.

Nicht weniger dramatisch wird das Problem der Einwanderung von der Bevölkerung empfunden. Hier gibt es die verschiedensten und oft widersprüchlichsten Aspekte. Vielfach werden Arbeitskräfte aus Nicht-EU-Ländern dringend gebraucht. Selbst das kleine Südtirol könnte seine Obst- und Weinernte ohne die vorübergehende Präsenz von Slowaken, Polen, Afrikanern nicht mehr einbringen. Das gilt in noch stärkerem Maße für den gesamten industriellen Norden und auch für die landwirtschaftlichen Gebiete des Südens. Aber diese Einwanderung hat auch ihre Schattenseiten, und man lastet vor allem den Linken an, daß sie durch eine mißverstandene Permissivität der wachsenden Kriminalität und Unsicherheit nicht Herr geworden ist.


"Also, wie es im Parlament zugeht! Eine Schande ist das!"
"Reden wir nicht davon, die wollen sich doch alle nur bereichern. ­ Kassabeleg brauchen Sie keinen, stimmt's?"

Das sind nur zwei aktuelle Probleme, die natürlich von den Rechten entsprechend dramatisiert wurden. Diesen ist es gelungen, den Eindruck zu erwecken, sie selbst hätten Lösungen anzubieten, die eine zerstrittene Linke nicht anzugehen wagt.

Wer allerdings genauer hinsieht, merkt bald, daß die gepredigte Modernität und Effizienz der Berlusconi-Koalition auf recht schwachen Beinen steht. Berlusconi selber, der immer wieder seine Fähigkeiten als Manager anpreist hat sein Wirtschaftsimperium mit reichlich zweifelhaften politischen Manövern aufgebaut. Noch hängen ihm und seiner bunten Schar von Mitarbeitern eine Reihe von Strafprozessen am Hals, die er nur dank seiner parlamentarischen Immunität bisher überstanden hat. Sein Geschrei, er sei Opfer richterlicher Komplotte, zeigt seine Auffassung vom Staat. Im übrigen wird der von Berlusconi gepredigte Neoli-beralismus besonders von seinen Partnern in Frage gestellt. Finis Postfaschisten lösen sich nur allmählich und mühsam von ihren faschistischen und autoritären Wurzeln. Sie steuern einen nationalistischen und antiliberalen Kurs, der stark an den Ständestaat ihres geistigen Ahnen Mussolini erinnert. Noch fragwürdiger ist der Populist Bossi mit seiner Lega Nord. Die Lega ist entstanden als Reaktion nordita-lienischer Kreise auf die byzantinischen Spiele der römischen Bürokratie. Bossi verkörpert den Egoismus und die Besitzgier gewisser Krämerseelen, die für sich - aber nur für sich - freie Bahn fordern und jede Solidarität mit anderen ablehnen.